Julia Fraschka ist, wie sie selbst sagt „stocktaub“. Und Julia ist in der Ausbildung zur Notfallsanitäterin bei den Maltesern in Stuttgart. Sie kennt das schon, dass manchmal ungläubig nachgefragt wird: gehörlose Notfallsanitäterin? Wie funktioniert das?

Alles fing an, während Julia ihr Abitur machte. Am Beruflichen Gymnasium der Paulinenpflege Winnenden, bei Stuttgart, wird die Ausbildung zum Rettungssanitäter beziehungsweise Rettungssanitäterin für Schülerinnen und Schüler mit Hörschaden oder Behinderung angeboten. Julia absolviert die Ausbildung und schnell wird für sie klar: Das will ich später hauptberuflich machen! Sie bewirbt sich um einen Ausbildungsplatz bei den Maltesern und ist seit August 2019 dabei.

Im Interview verrät dir die 21-jährige, wie sie doch hören kann, welche Herausforderungen und schönen Erlebnisse die Ausbildung zur Notfallsanitäterin mit sich bringt und warum aufgeben für sie nie eine Option war.

Warum hast du dich für die Ausbildung zur Notfallsanitäterin entschieden?

Ich bin kein Schreibtischmensch und ich wollte schon immer einen Beruf haben, der mich geistig fordert, aber auch körperlich, in dem man sich bewegen muss, der abwechslungsreich in jeglicher Form ist, wo ich anderen Menschen helfen kann, im Team arbeite und in dem ich mit einem Gefühl, das richtige getan zu haben, nach Hause gehen kann. Dies alles erfüllt der Beruf der Notfallsanitäterin.

Welches sind die größten Herausforderungen in diesem Beruf?

Oft ist der Kampf zwischen Leben und Tod ein Thema oder es sind ethische Fragen. Aber auch die rechtlichen Sicherheiten sind oft schwer auseinanderzuhalten, wie zum Beispiel die Medikamentengabe mit oder ohne Notärztin beziehungsweise Notarzt. Auch Kindernotfälle können zu einer großen Herausforderung werden. Allgemein sind oft sprachliche Barrieren ein Problem in diesem Beruf. Wenn eine Patientin oder ein Patient mangelnde Deutsch- und Englischkenntnisse hat, erschwert es uns oft, diese Person bedarfsgerecht zu versorgen. Aber auch die steigende Gewaltbereitschaft gewisser Menschen ist für uns eine große und zum Teil auch gefährliche Herausforderung. Und dann gibt es noch das Corona-Virus, beziehungsweise die COVID-19-Erkrankung. Weil dieses Virus so neu und unbekannt ist, stehen auch wir im Rettungsdienst plötzlich vor neuen Herausforderungen.

Welche speziellen Herausforderungen birgt die Ausbildung?

In der Ausbildung ist eher der Unterschied zwischen Schule und Realität oder zwischen Theorie und Praxis eine Herausforderung. Oft geschieht es anders, als wir es geübt haben, oder es treten unerwartete Hindernisse und Probleme auf.

Wo entstehen deine ganz persönlichen Hürden und wie meisterst du diese?

Meine hauptsächliche Herausforderung ist eigentlich nur das Stethoskop. Da ich ja gehörlos bin, kann ich kein normales Stethoskop benutzen. Ich muss mein eigenes, spezielles verwenden, das mit meinen Cochlea Implantaten, einem speziellen Hörgerät für Gehörlose, funktioniert. Ich bin abhängig von meinen Cochlea Implantaten, das heißt, wenn mal etwas ausfällt oder ein Akku plötzlich zur Neige geht, muss ich immer schauen, dass Ersatz da ist. Ich bin sonst stocktaub und kann nicht arbeiten. Neue Technik und Geräte sind nicht einfach zu bekommen und die Krankenkassen bezahlen nicht alles ohne Weiteres. Beispielsweise musste ich für die Finanzierung des Stethoskops ein Dreivierteljahr von Amt zu Amt rennen, viele Formulare und Fragebögen ausfüllen, bis endlich geklärt war, wer die Kosten übernimmt. 

Auch in der Schule benutze ich technische Unterstützung, um meine Ohren zu entlasten, damit meine Konzentration nicht darunter leidet, wenn ich mich beim Hören zu sehr anstrengen muss. Ich bin aber mit diesen Problemen schon von klein auf groß geworden. Das ist für mich, Gott sei Dank, kein Neuland mehr. Wegen Corona haben ja aktuell viele Menschen Verständigungsprobleme durch die Masken. Da bin ich nicht mehr alleine.

Was motiviert dich, anderen Menschen zu helfen?

Ich bin von Natur aus schon immer ein hilfsbereiter Mensch gewesen. Ich vermute, das liegt auch an meiner Hörbehinderung. Ich selbst habe oft Hilfe gebraucht und sie nicht immer bekommen. Dieses Gefühl möchte niemand haben! Für einen Menschen in Not gibt es nichts Besseres, als wenn jemand versucht zu helfen und ihn aus der Situation rausholt. Und mir tut es selbst auch gut, wenn ich Hilfe leisten konnte. Das Gefühl habe ich zum ersten Mal bei meinen Einsätzen bei der Freiwilligen Feuerwehr in unserem Dorf gehabt. Das hat mich immer noch Tage danach motiviert.

An was erinnerst du dich gerne aus deiner bisherigen Zeit als Notfallsanitäterin?

Ich wurde einmal zu einer Patientin mit Oberschenkelhalsbruch gerufen. Eine über 80 Jahre alte Frau ist auf dem Wohnungsflur gestürzt und hatte Schmerzen im Bein. Sie saß auf dem Boden, angelehnt an ihrem ebenso alten Mann. Größer als ihre Schmerzen im Bein war aber der Schmerz über die bevorstehende Trennung von ihrem Mann, weil sie ja ins Krankenhaus musste. Ihr Mann war ein sehr lockerer Typ. Er machte immer wieder kleine Scherze mit seiner Frau. Das zeigte uns, wie lieb sich diese beiden haben. Wir hatten die Frau schon zwei Stockwerke hinuntergetragen und waren gerade dabei, sie auf die Trage zu bringen, da rief ihr Mann aus dem Treppenhausfenster: „Warten Sie, ich möchte mich nochmal richtig verabschieden!“ Er fuhr mit dem Treppenlift in Zeitlupe hinunter. Wir haben so lange gewartet, bis er unten angekommen war; die Frau war ja keine zeitkritische Patientin und die Liebe der beiden war sehr wichtig. Wir halfen ihm aus dem Treppenlift und er verabschiedete sich mit dem Kommentar: „Sei brav und bleib anständig! Tu was sie dir sagen, ich komme dich dann holen!“ Er gab ihr dann ein Küsschen und ließ uns dann fahren. Auf der Krankenhausanfahrt erzählte uns die Frau dann noch von ihren Enkeln und Urenkeln. In der kurzen Zeit sind mir diese beiden so ans Herz gewachsen und das war für mich bisher der schönste Einsatz. Diese beiden sind ein wirklich süßes Pärchen und auch noch so fit mit über 80 Jahren. Ich hoffe, dass ich später auch noch so gut beisammen bin, wie diese beiden.

Was in deiner Ausbildung hat dich am meisten überrascht?

Ich war überrascht, aus welchen Gründen manche Menschen die 112 wählen. Das sind manchmal nur Kleinigkeiten, wie eine Erkältung. Die Hemmschwelle ist mit den Jahren stark gesunken. Ich wäre bei manchen Dingen nicht mal ansatzweise auf die Idee gekommen, den Rettungsdienst zu rufen. Während der Coronazeit ist das zurückgegangen. Da haben viele Menschen nur dann angerufen, wenn sie wirklich schwer in Not waren. Vielleicht bleibt davon etwas aus dieser Zeit hängen. 

Was empfiehlst du jemandem, der eine Ausbildung zur Notfallsanitäterin beziehungsweise zum Notfallsanitäter machen möchte?  

Vorher ein Praktikum machen. Erst dann merkt man, ob dieser Beruf etwas für einen ist oder nicht. Nur den Blaulichtschalter bedienen ist es nicht. Es hilft auch nicht unbedingt, mehrere Azubis nach deren Erfahrungen zu befragen, denn jeder Mensch ist individuell und reagiert anders auf diese Arbeit. Am besten sollte man es selbst ausprobieren.

Hast du noch einen Tipp für andere Menschen mit Handicap?

Ich selbst mag gehörlos sein, aber trotzdem muss ich mich nicht von meinen Zielen abhalten lassen. Aufgeben ist keine Option! Mir ist es wichtig, dass sich Behinderte nicht behindert fühlen müssen und trotz aller Schwierigkeiten und Hürden zu ihrem Ziel kommen. Vielleicht kann ich mit meiner Motivation helfen, anderen zu zeigen: „Hey schaut mal her: Es funktioniert!“
 

So kommst du zum Rettungsdienst

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, beim Rettungsdienst zu arbeiten. Du kannst dich ehrenamtlich engagieren, ein Praktikum oder FSJ machen oder hauptberuflich in diesem Bereich arbeiten.

Als Rettungshelfer begleitest du hauptsächlich Krankentransporte und unterstützt die Rettungsfachkräfte vor Ort. Als Rettungssanitäter kennst du die Grundlagen der Notfallmedizin und unterstützt Notfallsanitäter und Notärzte bei Rettungsmaßnahmen. Die höchste Qualifikation im Rettungsdienst ohne ein Medizinstudium ist der Notfallsanitäter. Hierfür musst du, wie Julia, eine dreijährige Berufsausbildung absolvieren.
Du möchtest ehrenamtlich im Sanitätsdienst helfen, dann bewirb dich zum Beispiel bei den Maltesern über das Ehrenamtsformular. Möchtest du die Malteser bei ihrer Arbeit während der Corona-Krise und darüber hinaus unterstützen, dann kannst du zum Beispiel hier für die Nothilfe in Deutschland spenden.
 


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