Medizinische Hilfe für Menschen ohne Krankenversicherung

Wer in Deutschland nicht krankenversichert ist, bekommt in medizinischen Notfällen große Probleme. Um in solchen Fällen zu helfen, gibt es die „Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung“ . Hier engagieren sich Ärzte und Freiwillige in Teams, um für all diejenigen da zu sein, die – aus welchen Gründen auch immer – keine reguläre Versorgung in Anspruch nehmen können. Eine der Ehrenamtlichen ist Sophie (27) aus Frankfurt.

Darum geht's:


Was ist die Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung?

Das Angebot entstand 2001 aus dem Gedanken heraus, den Menschen medizinisch zu helfen, die über keine Krankenversicherung verfügen, da sie sich illegal in Deutschland aufhalten. Während am Anfang diese Bevölkerungsgruppe den Großteil der Behandelten ausmachte, leben viele der heutigen Patientinnen und Patienten legal in Deutschland. 
Das Angebot gibt es an 20 Standorten für Menschen, die in Deutschland leben und keine reguläre medizinische Versorgung in Anspruch nehmen können. Ein Team aus Ärztinnen und Ärzten steht den Menschen mit einem ganzen Praxisteam zur Verfügung, stellt Rezepte aus, führt kleinere medizinische Untersuchungen und Behandlungen durch und überweist gegebenenfalls zur Weiterbehandlung an Kliniken oder Spezialisten. Das alles geschieht unter der Wahrung der Anonymität. Kosten entstehen für die Patientinnen und Patienten keine.


Jeder muss die medizinische Hilfe bekommen, die er braucht!

Sophie, Ehrenamtliche in der Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung


Wer nimmt das Angebot in Anspruch?

Die medizinische Grundversorgung der Malteser ist für alle gedacht, die keinen Krankenversicherungsschutz haben: Auch heute sind manche Patienten ohne Aufenthaltsstatus im Land, andere stammen aus den neuen EU-Mitgliedsländern oder sind Besucher aus anderen Ländern, in denen das Gesundheitssystem anders organisiert ist (wie etwa den USA). Und es gibt Patienten, die hierzulande durchs Raster gefallen sind– wie Langzeitstudierende oder Selbständige, die ihre private Krankenversicherung nicht mehr bezahlen konnten. Je nach Region gibt es kommunale Angebote für Betroffene. Sophie erzählt: „Bei uns in Frankfurt ist die Situation vergleichsweise gut. Es werden städtische Hilfsangebote etwa für Kinder und für Schwangere ohne Versicherungsschutz angeboten. Wir behandeln daher nur Erwachsene.“

Wer engagiert sich?

„Bei uns im Ärzteteam sind vor allem Mediziner im Ruhestand vertreten“, sagt Sophie, die Ehrenamtlichen, die sich in den jeweils begleitenden Assistententeams engagieren, brauchen keine direkten Vorkenntnisse – unterschiedliche Berufssparten sind vertreten. „Wir haben etwa einen Floristen, eine Versicherungskauffrau, eine Krankenpflegerin mit im Team.“ Sie selbst beschäftigt das Thema fehlender Versicherungsschutz schon seit sie als Schülerin für ein Austauschjahr in den USA war: „Dort gab es in meinem Umfeld sehr viele Menschen ohne Krankenversicherung. Ich habe erlebt, wie grausam es ist und wieviel Schaden entsteht, wenn Menschen keinen Zugang zu gesundheitlichen Leistungen haben. Oder sie sich fragen müssen, wie und welche der Leistungen sie bezahlen können. Eltern von Freunden starben, weil sie sich die Behandlung nicht leisten konnten, das war sehr früh ein sehr einschneidendes Erlebnis für mich.“

Was sind klassische Einsätze?

„Wir arbeiten eigentlich wie eine normale Hausarztpraxis“, sagt Sophie, „insofern gibt es eine große Bandbreite an Beschwerden, mit denen die Menschen zu uns kommen.“ Klar ist: Die meisten Patientinnen und Patienten sind in schwierigen Lebenslagen. Bei einigen von ihnen überlappen die psychischen Leiden sich auch mit physischen Symptomen: „Sie kommen auch, weil sie einfach Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen.“ Der Dienst informiert zusätzlich über andere Hilfsangebote und vermittelt etwa an Beratungsstellen. Viele der behandelten Menschen sind älter und haben chronische Leiden, etwa Herz-Kreislauf-Probleme. Und einige Menschen kommen erst, wenn sie schon sehr krank sind, sie haben den Arztbesuch lange aufgeschoben.

Was für Erfahrungen macht das Team?

„Die Menschen, die zu uns kommen, haben in der Regel großes Vertrauen zu uns und unserer Einrichtung“, sagt Sophie, „sie geben uns freiwillig ihren Namen an, obwohl sie das nicht müssen, zeigen auch oft ihre Pässe, nur damit wir sie richtig ansprechen können. Natürlich behandeln wir die Daten vertraulich.“ Außerdem seien viele der Betroffenen dankbar, dass sich jemand um sie kümmert, ihnen zuhört, ihnen hilft: „Wir haben einen Patienten aus Indien, der immer ein Tütchen mit Süßigkeiten für uns mitbringt.“

Was sind besonders emotionale Momente?

Für Sophie ist es entscheidend, kranken Menschen helfen zu können, ihre Leiden zu lindern. Umso belastender ist es, wenn sie die Ungleichheit erlebt, mit der Menschen in Deutschland medizinisch behandelt werden: „Wir hatten gerade einen obdachlosen Mann bei uns, der schwer an Krebs erkrankt ist. Wir können nur noch versuchen, ihm eine Obdachlosenunterkunft zu vermitteln und uns auf palliative Hilfe konzentrieren. Wenn er versichert wäre, bekäme er sehr teure medizinische Unterstützung. Das heißt nicht zwingend, dass er überleben würde. Aber er bekäme die beste Hilfe – und nur weil er nicht versichert ist, bekommt er sie eben nicht. Es ist schwer zu ertragen, wie weit in einem Wohlstandsland die Lebenserwartung auseinander klafft – weil die medizinische Versorgung so unterschiedlich ist.“

Was wünschen sich die Beteiligten für die Zukunft?

Für Sophie ist klar: „Der Staat muss mehr medizinische Versorgung leisten für Menschen, die aus dem Raster gefallen sind. Es ist für mich inakzeptabel, dass es in einem Land wie Deutschland Regionen gibt, in denen etwa Schwangere nicht versorgt werden, nur weil sie es sich nicht leisten können. Die deutsche Regierung unterstützt Länder in Afrika und Asien, Schwangeren Zugang zu medizinischer Versorgung zu bieten. Gleichzeitig bekommen mittellose und unversicherte Schwangere in vielen deutschen Städten gar keine staatliche Unterstützung. Ich wünsche mir ein System, das sicherstellt, dass jeder die Hilfe bekommt, die er braucht.“

Unterstütze die Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung mit deiner Spende.


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