Armut und Obdachlosigkeit in der Corona-Zeit

Seit Einzug der Pandemie und dem ersten Lockdown im Frühjahr hat sich unser Leben verändert – wir nennen es inzwischen das „Neue Normal“. Doch was bedeutet das für Obdachlose, wenn wir unser gesellschaftliches Leben zurückfahren? Jens ist einer von ihnen und erzählt uns, wie Corona die Armut verschärft. 

Darum geht's


Eine Zeitreise: Das Leben auf der Straße vor Corona

Vor genau einem Jahr war Covid-19 noch weit weg – genauer gesagt 7.326,23 Kilometer entfernt. Und doch ist es wichtig, einen Blick auf diese Zeit zu werfen, um die aktuelle Situation der hiesigen Obdachlosen zu verstehen: 

Es ist November 2019. Die Innenstädte füllen sich mehr und mehr mit Menschen, die erste Weihnachtsgeschenke kaufen. Beliebte Einkaufsmeilen werden lichterfroh geschmückt und aus den Holzbuden des wachsenden Weihnachtsmarktes duftet es verführerisch nach heißem Glühwein, gebrannten Mandeln und Bratwurst. Viele von uns treffen sich mit Kollegen oder Kolleginnen, um an den Glühweinständen den Feierabend gemeinsam ausklingen zu lassen. 

Wenn du unsere ärmsten Mitbürger in diesen herausfordernden Zeiten und die Arbeit der Malteser in diesem Bereich finanziell unterstützen möchtest, kannst du zum Beispiel hier für die Nothilfe in Deutschland spenden.

Du möchtest dich selbst sozial engagieren? Einen kleinen Überblick, in welchen Bereichen du dich ehrenamtlich einbringen kannst, bietet das Bewerbungsformular der Malteser.

Am Rande der vertrauten Geselligkeit leben Obdachlose. Im Alltag oft übersehen, werden die Bedürftigen nun sichtbarer, wenn sie nach Ladenschluss in den Hauseingängen der ansässigen Geschäfte ihre Nachtlager aufschlagen. Auch sie genießen die festlich geschmückte Zeit und den Duft der Leckereien, die ihnen von lächelnden Fremden oder den Budenbetreibern gereicht werden, mit einem gut gemeinten: „Lass es dir schmecken!“ Die Aufmerksamkeit gegenüber Obdachlosen und die spontane Spendenbereitschaft ist in der Vorweihnachtszeit immer größer als im Rest des Jahres. 

So festlich ist es auch jedes Jahr in der Spitalerstraße in Hamburg. Die großzügig angelegte Fußgängerzone, mit allerlei Geschäften, Restaurants und Ruhezonen, ist eine beliebte Einkaufsmeile und das Zuhause von einigen Obdachlosen. Einer von ihnen war Andreas, der mit seinem grünen Bollerwagen vor einem Geschäft saß und still seinen Lebensunterhalt erbettelte. Seit einem halben Jahr schlief er dort in den Hauseingängen der Geschäfte, nebst Kumpel und Schlafnachbar Jens. In einem Interview erzählte uns der 57 jährige Tierpfleger von seinem bewegten Leben: „Ein Leben aus dem Bollerwagen“

Der Bericht hatte viele Menschen berührt und bewegt. Letztlich erreichte uns darüber auch ein Hilfsangebot für Andreas, mit der Chance auf einen Neuanfang: Eine Anliegerwohnung auf einem Selbstversorgerhof mit Tieren und Familienanschluss. Als wir Andreas davon erzählten, strahlte der vor Glück. Doch dann passierte das Unfassbare, was uns alle sehr erschütterte: Kurz vor seinem Umzug verstarb Andreas plötzlich und unerwartet an einem Schlaganfall. Wir trauern um Andreas und sind dankbar, dass wir ihn kennenlernen durften. Auch Jens trauert um seinen Kumpel, der ihm auf der Straße ein treuer Gefährte war. 

Zurück in die Zukunft: Das „Neue Normal“ mit Covid-19

November 2020: Derselbe Ort, dieselbe Jahreszeit und doch ist alles anders – wie überall! Die Obdachlosen sind noch da und auch ein paar Geschäfte sind geöffnet. Die Restaurants hingegen sind geschlossen und der traditionelle Weihnachtsmarkt wurde auf ein paar wenige Holzbuden reduziert. Reduziert ist auch der Andrang an den Ständen, die neben Tannenzweigen und Lichterketten jetzt auch mit Plakaten geschmückt sind, die uns an die Hygiene-Maßnahmen erinnern. Davor sind Abstandshalter markiert, wahlweise mit Flatterband oder mit roten Aufklebern. All diese Maßnahmen sind wichtig und richtig, um der Ausbreitung des Virus entgegen zu wirken. Doch die Beschränkungen nehmen den Menschen auch den Spaß an der weihnachtlichen Tradition, weshalb sie eher wegbleiben.  

Weil wir uns an das „Neue Normal“ gewöhnt haben, sind die Innenstädte wieder etwas belebter als beim ersten Lockdown im Frühjahr. Doch mit einem inneren Rückblick auf 2019 wird erkennbar, dass die Städte alles andere als belebt sind. Die Folge: Weniger Menschen bedeutet weniger spontane Spenden für Obdachlose, wie eine Bratwurst oder Kleingeld für den Betteltopf! Ergo: Unser gesellschaftliches Leben hat einen unmittelbaren Einfluss auf das Leben unserer Mitmenschen, die auf der Straße leben und schlafen. Es ist schwierig, hier eine Empfehlung auszusprechen, da wir im Kampf gegen den Virus so wenig Kontakte wie möglich haben sollten. Und doch brauchen Obdachlose Aufmerksamkeiten, die ihnen jetzt durch die Pandemie, von vielen unerkannt, entzogen werden.  

Obdachlose haben Namen und Gesichter

Wohnungslosigkeit und insbesondere Obdachlosigkeit ist eine der extremsten Formen von Armut und Ausgrenzung. Die existenzielle Problematik bringt die betroffenen Menschen an ihre Grenzen. Die Ursache für den sozialen Abstieg ist vielschichtig: Einkommensarmut, Wohnungsraummangel, Gentrifizierung, Arbeitslosigkeit, Depressionen, Überforderungen wie Trennung oder Krankheit können der Grund sein. Alkohol- und Drogenkonsum sind nicht zwingend der Beginn des Absturzes, sondern können auch Folgen der Verzweiflung sein. Der Armutsspirale aus eigener Kraft zu entkommen, ist für die Betroffene ein Kraftakt, der oft nicht zu bewältigen ist. Deshalb brauchen sie Hilfe! 

Glück im Unglück: Jens ist nur noch wohnungslos

Durch den Verlust eines geliebten Menschen ist Jens 2014 emotional aus dem Leben gekippt. Völlig unkontrolliert hatte er sich dann finanziell übernommen und konnte seine Miete nicht mehr bezahlen. 2016 folgte die Zwangsräumung. Übergangsweise lebte er noch bei einer Bekannten und wurde letztlich 2017 obdachlos. Die perfekte Steilvorlage für das Tor in die Armutsspirale. Sein neues Zuhause war dann die Spitalerstraße, wo er in den Hauseingängen schlief. Nur einmal wagte er den Ausflug in eine winterliche Notunterkunft. „Nie wieder!“ erzählt Jens, „Ich war nur drei Tage da, habe mir die Krätze eingefangen und musste dann 10 Tage im Krankenhaus behandelt werden! Nie wieder – da penne ich lieber auf der Straße!“ 

In einem Video-Interview haben wir Jens zu seiner Geschichte, dem Thema Armut und zur aktuellen Covid-19 Lage auf der Straße befragt. 

Reduziertes Angebot: Hilfsorganisationen im Lockdown-Modus

Bei dem ersten Lockdown brauchten die Hilfsorganisationen für Obdachlose einige Tage, um sich auf die neue Situation einzustellen. Deren größte Sorge war, ihre Schützlinge aus den Augen zu verlieren, da sie beispielsweise nicht mehr täglich in die Einrichtungen kommen konnten. In folgendem Artikel hatten wir darüber berichtet. Besonders bemerkenswert ist, wie die lokalen Organisationen zusammenarbeiten, um flächendeckend, zumindest mit dem Notwendigsten helfen zu können. 

Beim aktuellen Lockdown „Light“ sind die Organisationen zwar besser vorbereitet und wissen, was zu tun ist. Dennoch: Für die Bedürftigen bedeutet ein Lockdown immer, auf einen Teil des Hilfsangebotes verzichten zu müssen, was sich im Winter schwieriger darstellt als im Sommer. Ein Beispiel: Während sich im Winter 2019 noch bis zu 30 Personen in einer Teeküche aufwärmen konnten und etwas zu essen bekamen, haben heute vielleicht 6 Personen Zutritt. Für echte Nähe, um das Gemüt der Menschen zu entlasten, bleibt wenig Raum.

Trotz Abstand: So kannst du Obdachlosen aktiv helfen

Jeder kann helfen, denn gerade jetzt ist Solidarität wichtig – für alle! Du kannst dich ehrenamtlich in einer Hilfsorganisation einbringen oder direkt und unmittelbar helfen.  Finanzielle Mittel werden in diesem Zusammenhang immer benötigt: Jede Spende hilft! Wichtig ist, dass du bei allen Aktivitäten immer die Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln einhältst, um dich und andere zu schützen. Die gemeinsame Bekämpfung der Pandemie solltest du im Blick behalten. Wenn du persönlich und direkt helfen willst und die aktuellen Regeln befolgst, findest du die wichtigsten Informationen in diesem Artikel

Wichtig zu wissen: Wenn du mit einem obdachlosen Menschen direkt in den Kontakt trittst, sei achtsam und respektvoll. Erwarte niemals zu viel. Sei nicht irritiert, wenn du abgewiesen wirst. Nicht jeder Mensch ist offen und möchte über seine Geschichte sprechen. Wenn du in einen direkten Dialog gekommen bist und eine Verbindung aufbauen konntest, dann frage, was wirklich benötigt wird. Manchmal werden Hygieneartikel nötiger gebraucht als ein Schokoriegel.

Einkaufszettel +

Eine direkte Hilfe kannst du an jedem Tag erledigen, an dem du für dich einkaufen gehst. Kaufe einfach etwas mehr ein und packe eine kleine Tasche, die du einem Obdachlosen übergibst. Übrigens: Wusstest du, dass Pflaster und Feuchttücher auf der Straße wahre Luxusartikel sind?


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