Ein Leben aus dem Bollerwagen – 9 Fragen an einen Obdachlosen

Allein in Deutschland sind mindestens 650.000 Menschen obdachlos – rund 52.000 schlafen auf der Straße. Einer von ihnen ist Andreas, den wir über sein Leben vor und während der Obdachlosigkeit befragen durften.

Darum geht's


Andreas‘ Weg in die Obdachlosigkeit

Andreas wurde 1963 geboren und wuchs unter schwierigen Bedingungen in einer Kleinstadt in Thüringen auf. Beim Zirkus wurde er zum Tierpfleger ausgebildet, arbeitete auch als Dompteur, und entdeckte seine Leidenschaft für Pferde. Um etwas von der Welt zu sehen, heuerte er zeitweise als Matrose auf Schiffen an und besuchte ferne Länder wie China. Zuletzt war er als Hausmeister beschäftigt, verlor die Stelle jedoch aufgrund seiner Obdachlosigkeit. Er selbst beschreibt seine Situation in unserem Video-Interview als Teufelskreis: „Ohne Wohnung, keine Arbeit. Und bevor ich eine Arbeit habe, kriege ich auch keine Wohnung.“

Obdachlos ist er, mit einigen Unterbrechungen, seit 26 Jahren. Seinen letzten festen Wohnsitz verlor er, als ein Freund verstarb, bei dem er zur Untermiete wohnte. Sozialhilfe möchte er nicht beziehen. Viele soziale Angebote erscheinen Andreas wie Korsetts, in die er sich nicht zwängen möchte. Stolz bezeichnet er sich als Clochard – einen stillen, einen „richtigen“ Bettler. Mit dem französischen Begriff ist auch das romantisierende Bild eines Aussteigers verbunden, der sein bürgerliches Dasein gegen ein freies Leben unter den Seinebrücken tauscht. Außerdem legt Andreas Wert auf Körperhygiene: Duschen kann er in Hamburg zum Beispiel bei verschiedenen öffentlichen Anlaufstellen und gelegentlich bei Bekannten.

Ein Bollerwagen als wertvollster Besitz

Immer mit dabei ist sein geliebter Schlafwagen, der ausgeklappt eine vor Nässe und Kälte geschützte Liegefläche bietet. Tagsüber befördert Andreas sein Hab und Gut in dem praktischen Bollerwagen. Entwickelt und umgesetzt wurden die Wagen von Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Allermöhe in Hamburg, Obdachlosen und ehrenamtlichen Helfern. Der Verein Clubkinder sammelte erfolgreich Spenden. Andreas wird sentimental, wenn er über seinen Wagen redet: „Das sind Kultstücke. […] Es ist traurig, dass es das nur in Hamburg gibt.“

Ein Bollerwagen mit Liegefläche für Obdachlose
Die Wagen können zu einer Liegefläche ausgeklappt werden.

Glücklich mit Eisbein

Auf die Frage, woran er sich erfreuen kann, antwortet er zunächst lachend, dass er gerne noch einmal unter Palmen liegen und eine Kokosnuss auf den Kopf bekommen würde. Dann wird er wieder ernst: „Das Schönste ist … das Leben. Einfach gesund sein und leben.“

Zu den kleinen Freuden des Alltags gehört unter anderem sein Lieblingsessen:

Leisten kann er sich diesen Gaumenschmaus nicht immer; umso mehr genießt er die Haxe beim gemeinsamen Essen mit unserer Redakteurin.

Obdachloser in einem Restaurant mit Eisbein
Andreas genießt sein Lieblingsessen: Eisbein.

Obdachlosen helfen – was kannst du tun?

Möchtest du den Obdachlosen in deiner Stadt helfen, kannst du zum Beispiel Sachspenden wie Kleidung abgeben. Diverse Hilfsorganisationen suchen außerdem Helfer für Suppenküchen und andere Einrichtungen.

Die Malteser engagieren sich deutschlandweit mit zahlreichen Projekten für Menschen ohne Obdach. Mit einer Spende kannst du diese Projekte unterstützen. Willst Du ein Ehrenamt ergreifen, findest du hier ein entsprechendes Formular.


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