Erste Hilfe bei epileptischen Anfällen

Wie ein Gewitter im Gehirn, so lässt sich ein epileptischer Anfall beschreiben. Die Auswirkungen sind unterschiedlich – von kaum wahrnehmbar bis hin zu einem heftigen Krampfanfall mit Bewusstseinsverlust. Bei schwereren Anfällen benötigen die Betroffenen Hilfe. Wir zeigen dir, wie du in so einem Fall Erste Hilfe leistest.

Darum geht's


Was ist Epilepsie? 

Im Allgemeinen handelt es sich bei der Epilepsie um einen Sammelbegriff für verschiedene Erkrankungen. Diese haben den epileptischen Anfall gemein. Dabei kommt es zu einer kurzen Störung im Gehirn, bei der alle oder einige Nervenzellen ganz plötzlich extrem starke Signale senden. Ursache kann eine Gehirnerkrankung beziehungsweise -verletzung sein oder eine anlagebedingt höhere Neigung zu epileptischen Anfällen. In diesen Fällen können Schlafmangel, Fieber oder Flimmerlicht einen Anfall auslösen.

Nicht jeder epileptische Anfall muss eine Epilepsie zur Folge haben. Viel häufiger handelt es sich um sogenannte Gelegenheitsanfälle, die als Symptom anderer Krankheiten beziehungsweise physischer Belastungen auftreten. Hat man sich davon erholt, treten auch die Anfälle nicht mehr auf. Dazu gehören unter anderem Schlafmangel, Alkoholentzug, Stoffwechselstörungen, Vergiftungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten. Kleine Kinder können bei hohem Fieber einen Krampfanfall, den sogenannten Fieberkrampf, bekommen.

Je nachdem, in welchem Teil des Gehirns die Nervenzellen bei einem epileptischen Anfall überreagieren, sehen die Anfälle unterschiedlich aus. Manchmal bemerken die Betroffenen nur ein leichtes Kribbeln, manchmal zuckt eine Hand oder ein Bein, und in den schwereren Fällen verkrampfen alle Muskeln gleichzeitig. Bei manchen Anfällen sind die Betroffenen geistig voll da, bei anderen verlieren sie kurzzeitig das Bewusstsein.

Daten, Zahlen, Fakten

Der Begriff Epilepsie stammt aus dem Alt-Griechischen und bedeutet Angriff oder Überfall. Bis heute wird im Deutschen auch noch der sehr alte Begriff „Fallsucht“ verwendet, abgeleitet von Fall oder Sturz. Es gibt verschiedenen Formen der Epilepsie. In der Liste der Internationalen Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation, der sogenannten ICD 10, werden zehn verschiedene Formen beschrieben. Die Deutsche Gesellschaft für Epileptologie e.V. schätzt, dass es in Deutschland 400.000 bis 800.000 Epileptiker gibt. Das sind 0,5% bis 1% der Deutschen. 

Häufiger als die Epilepsie sind epileptische Anfälle. Etwa 5% der Bevölkerung haben mindestens einmal im Leben einen derartigen Anfall, entwickeln aber keine Epilepsie. Epileptische Anfälle können in jedem Alter auftreten, es gibt aber Häufungen bei Kindern und älteren Menschen. Ein Drittel der Betroffenen haben ihren ersten epileptischen Anfall schon als Kind, bei einem weiteren Drittel tritt er erst nach dem 60. Lebensjahr auf. Übrigens können auch Tiere wie Hunde und Katzen epileptische Anfälle bekommen.

So sieht ein epileptischer Anfall aus

Die verschiedenen Formen von epileptischen Anfällen kann man grob unterteilen in sogenannte fokale Anfälle, die nur Teile des Gehirns betreffen, und generalisierte Anfälle, die das gesamte Gehirn betreffen. Die Symptome bei einem fokalen Anfall hängen davon ab, in welchem Teil des Gehirns die Nervenzellen übermäßig stark feuern. Das, was du als Außenstehender beobachten kannst, sind Zuckungen, Verkrampfungen oder Versteifungen bestimmter Körperteile. Manchmal lässt die Muskelanspannung in einem Körperteil abrupt nach. 

Einige Betroffene spüren nur ein Kribbeln, plötzliche Wärme oder Kälte und einige haben sogar Halluzinationen. Dann riechen, schmecken, hören oder sehen sie etwas, das gar nicht da ist. In anderen Fällen ist das Bewusstsein der Betroffenen gestört. Sie wirken benommen, verwirrt oder abwesend. Hier spricht man von einem komplexen fokalen Anfall. Häufig kannst du auch Automatismen beobachten wie Kauen und Schmatzen, Scharren mit den Füßen oder Nesteln an der Kleidung. Die Betroffen können sich hinterher nicht daran erinnern. 

Ein fokaler Anfall kann sich zu einem generalisierten epileptischen Anfall ausweiten, wenn die Nervenzellen im gesamten Gehirn überreagieren. Es kommt zu Muskelzuckungen oder -krämpfen im ganzen Körper, häufig mit Bewusstseinsstörungen. Eine eher milde Form sind die sogenannten Absencen, eine kurze geistige Abwesenheit. Die Betroffenen wirken für einige Sekunden abwesend und blicken ins Leere. Manchmal ist es, als würden sie bei ihren Tätigkeiten einfrieren. Sie stoppen, was sie tun, für ein paar Sekunden. Wenn sie weitermachen, erinnern sie sich nicht daran.

Die häufigste Form des generalisierten epileptischen Anfalls ist der sogenannte große Krampfanfall, auch „Grand Mal“ genannt. Der verläuft in zwei Phasen: Zuerst versteift sich der ganze Körper, die Betroffenen verlieren das Bewusstsein und atmen nur noch sehr flach. In Kombination mit der hohen Muskelanspannung kann das zu Sauerstoffmangel führen. Das erkennst du daran, dass sich die Haut oder die Lippen blau färben. Nach zehn bis 30 Sekunden setzt die zweite Phase mit unkontrollierten Zuckungen ein. Diese Phase dauert in der Regel nur ein bis zwei Minuten.

Im Grunde genommen ist ein epileptischer Anfall kein Notfall, denn meistens hört er von selbst wieder auf und ist für sich genommen auch nicht gefährlich. Das Gehirn wird dabei auch nicht geschädigt. Die Gefahr liegt vor allem darin, dass die Betroffen stürzen oder einen Kreislaufkollaps bekommen. Als Ersthelferin oder Ersthelfer ist es deine Aufgabe, die Betroffenen vor Verletzungen zu schützen und zu erkennen, wann du unbedingt den Notarzt rufen solltest. 

So leistest du Erste Hilfe

Bei kleineren Anfällen können die Betroffenen hinterher verängstigt und verwirrt sein oder sich schlecht fühlen. Gibst du ihnen ein bisschen Sicherheit und stehst ihnen bei, ist das für sie die beste Hilfe. Bei den Bewusstseinsstörungen kann es passieren, dass die Betroffen sich in Gefahr begeben, weil sie zum Beispiel abwesend auf die Straße laufen oder Treppenstufen verfehlen. Bleib unbedingt ruhig und hole die Personen sanft aus der Situation heraus. Auf Hektik oder hartes Anfassen können sie unerwartet, teilweise aggressiv reagieren, was die Situation dann noch schlimmer macht.  
 
Bei den großen Anfällen, wenn die Betroffen am ganzen Körper krampfen, verlieren sie auch das Bewusstsein und fallen meist zu Boden. Wenn du schnell genug reagieren kannst, dann verhindere einen harten Aufprall vor allem des Kopfes auf Gegenstände, Möbelstücke oder den harten Boden. Dieser Aufprall gehört zum größten Verletzungsrisiko bei einem epileptischen Anfall.

Außerdem musst du auf die folgenden Dinge bei ein Anfall achten:

  • Lasse die Betroffenen niemals allein. Es sei denn, du bist die einzige Person, die Hilfe holen kann.   
  • Polstere den Kopf der Betroffenen mit einer Jacke oder einem Kissen und bringe alle Gegenstände, an denen sich die krampfende Person verletzen könnte, außer Reichweite.
  • Niemals solltest du die Betroffenen festhalten oder zu Boden drücken. Es besteht Verletzungsgefahr für dich und die Betroffenen.
  • Schau auf die Uhr. Ein Anfall dauert in der Regel etwa ein bis zwei Minuten. Hört dieser nach spätestens 5 Minuten nicht auf, musst du unbedingt einen Notarzt unter 112 rufen. Es könnte sich um den sogenannten „Status epilepticus“ handeln, der mit Medikamenten unterbrochen werden muss, weil es sonst zu bleibenden Hirnschäden bis hin zum Tod kommen kann.
  • Halte die Atemwege frei. Wenn die Kleidung am Hals oder am Oberkörper eng sitzt, dann lockere sie. Es kann passieren, dass die Betroffenen sich auf die Zunge beißen. Das ist nicht schön, trotzdem solltest du nicht den Mund öffnen oder etwas zwischen die Zähne schieben.
  • Nach dem Anfall ist es wichtig, dass die Atemwege der Betroffenen frei bleiben. Bringe die Person in die stabile Seitenlage und bleibe bei ihr, bis sie vollständig bei Bewusstsein ist und sich wieder gut fühlt. Denn nach einem Anfall benötigen die meisten Menschen etwas Zeit, um wieder voll zu sich zu kommen. Sorge für Privatsphäre, denn den Betroffenen ist es meistens peinlich, besonders in der Öffentlichkeit. Es kann auch passieren, dass sie während des Anfalls etwas Urin verlieren. Decke sie zu, notfalls mit einer Jacke, um sie warm zu halten und vor neugierigen Blicken zu schützen.

Wie ging noch mal die stabile Seitenlage? Und wie macht man eigentlich so eine Herzdruckmassage? Das lernst du in einem Erste-Hilfe-Kurs zum Beispiel bei den Maltesern:
Hier findest du Kurse in deiner Nähe.

Die Malteser kannst du übrigens mit einer Spende unterstützen; zum Beispiel an die Nothilfe in Deutschland.


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