Ältere Menschen in der Nachbarschaft: Die Wirkung kleiner Gesten

Die ältere Dame aus dem dritten Stock haben Sie schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Ein Nachbar irrt immer häufiger durchs Treppenhaus. Wenn Menschen aus dem näheren Umfeld hilfebedürftig erscheinen, sollten Sie nicht wegsehen. Erfahren Sie, welche Anlaufstellen es gibt und wie Sie selbst helfen können.

Anzeichen für Hilfebedürftigkeit

Kommt Ihre Nachbarin oder Ihr Nachbar noch gut allein zurecht oder brauchen sie oder er vielleicht Hilfe? Das ist manchmal gar nicht so leicht einzuschätzen. Kennen Sie eine Person nicht sehr gut, dann ist die Einschätzung sogar noch schwieriger. Schließlich möchte man sich nicht aufdrängen oder zu sehr einmischen. Dennoch ist es wichtig, nicht wegzuschauen. Abgesehen davon, dass es um ein Menschenleben geht, könnten wir, je nach Fall, auch wegen unterlassener Hilfeleistung sogar belangt werden. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn man zum Beispiel bei einem Unfall keine Hilfe leistest, obwohl diese benötigt wird. Im Folgenden finden Sie einige Anzeichen, die darauf hindeuten, dass eine Person auf Hilfe angewiesen sein könnte.

Das Verhalten verändert sich

Der Nachbar erkennt Sie plötzlich nicht mehr, wirkt ängstlich oder zieht sich zurück. Die Nachbarin ist außerhalb ihrer Wohnung oder des Hauses gar nicht mehr zu sehen. Wenn körperliche Einschränkungen im Alter zunehmen, fallen alltägliche Tätigkeiten wie Treppensteigen, Einkaufen oder den Müll rauszubringen schwerer. Hinzu kommt oft eine starke Unsicherheit, aufgrund derer ältere Menschen seltener das Haus verlassen oder gar nicht mehr rausgehen. Fallen Ihnen entsprechende Veränderungen bei Personen in Ihrer Nachbarschaft auf, kann dies darauf hindeuten, dass die Person Unterstützung benötigt.

Fehlende soziale Kontakte

Früher bekamen Ihre Nachbarn öfter Besuch oder sind selbst regelmäßig ausgegangen. Doch nun ist es dort stiller geworden. Wenn Sie das Gefühl haben, eine Person zieht sich zunehmend zurück und ist plötzlich öfter allein, seien Sie aufmerksam. Vielleicht braucht er oder sie Hilfe oder ist einsam und freut sich über nette Gesellschaft.

Wohnung oder Garten wirken ungepflegt

Nicht mit allen in der Nachbarschaft stehen wir so eng im Kontakt, dass wir das Haus oder die Wohnung auch von innen kennen. Aber auch von außen gibt es Hinweise darauf, dass jemand Hilfe benötigen könnte. Sind Garten oder Balkon plötzlich in einem schlechten Zustand, sind die Fenster schon länger nicht geputzt worden oder wird der Müll irgendwo abgestellt, statt in die Mülltonnen geworfen? Das könnten Anzeichen dafür sein, dass eine Person es nicht mehr schafft, sich um alles zu kümmern.

Der Briefkasten ist voll

Wird der Briefkasten nicht mehr regelmäßig geleert oder stapeln sich die Tageszeitungen vor der Tür, sollten Sie mal nachfragen, ob bei der Person alles in Ordnung ist.

Verwirrung, Orientierungslosigkeit, starker Gewichtsverlust

Es ist normal, dass Menschen in stressigen Situationen oder mit höherem Alter etwas vergesslicher werden. Wirkt jemand auf Sie zunehmend verwirrt oder irrt öfter orientierungslos durchs Haus oder die Straßen, könnte dies auf eine Demenzerkrankung hindeuten. Hierbei ist sehr wichtig, dass Sie behutsam mit der Person umgehen und sie nicht direkt auf eine mögliche Demenz hin ansprechen, denn das kann eventuell zu einem Kontaktabbruch führen. Denn wer möchte schon gerne von Außenstehenden hören, dass man dement ist? Wird eine Person immer dünner, könnte sie krank sein oder einfach zu wenig essen. Letzteres ist oft der Fall, wenn Menschen trauern oder sich einsam fühlen und sich selbst keine Mahlzeiten mehr zubereiten. In allen Fällen ist es wichtig, nachzufragen.

Grundsätzlich sollten Sie beachten, dass die genannten Anzeichen nicht immer eindeutig sind. Es kann auch andere Gründe dafür geben, dass Ihre Nachbarin oder Ihr Nachbar sich plötzlich anders verhält oder es im Garten der betreffenden Person nicht mehr so schön blüht. Wenn Sie sich unsicher sind, sprechen Sie die betroffenen Personen direkt an und bieten Sie Ihre Hilfe an.

So helfen Sie älteren Menschen in Ihrem Umfeld

Viele (vor allem ältere) Menschen wollen niemandem zur Last fallen oder sind peinlich berührt davon, dass sie überhaupt Hilfe benötigen. Um Hilfe anzunehmen, braucht es ein gewisses Maß an Vertrauen. Sie würden vermutlich nicht jeder x-beliebigen Person Ihre Schlüssel geben. Idealerweise pflegen Sie eine gute Nachbarschaft, schon bevor jemand hilfebedürftig wird. Wenn Sie den Eindruck haben, jemand könnte Hilfe brauchen, sprechen Sie direkt mit der betroffenen Person. Seien sie dabei taktvoll, respektvoll und behutsam. Manchmal reicht schon die einfache Frage: Wie geht es Ihnen? Vielleicht erzählt die Person dann selbst, dass Sie sich über Hilfe freuen würde.
Im Gespräch erfahren Sie auch, ob die betreffende Person Angehörige hat, ob sie mit diesen im Kontakt steht oder ob sie bereits anderweitig Unterstützung erhält – zum Beispiel durch Pflegedienste oder Ehrenamtliche. Stehen Sie in gutem Kontakt zu Ihren Nachbarn, fragen Sie am besten nach den Kontaktdaten der Angehörigen. So haben Sie die Möglichkeit, Angehörige bei Bedarf zu informieren. Gute Fragen an die Betroffenen sind auch: „Kann ich Ihnen etwas mitbringen, wenn ich einkaufe?“ oder „Gibt es etwas, bei dem ich Ihnen helfen kann?“.

Machen Sie konkrete Angebote, wobei Sie helfen könnten. Vielleicht erledigen Sie immer donnerstags Ihre eigenen Einkäufe. Dann könnten Sie für Ihre Nachbarn etwas mitbringen. Geben Sie ihm oder ihr vorher Bescheid. So können Ihre Nachbarn eine Einkaufsliste schreiben und ihre Mahlzeiten besser planen. Vielleicht haben Sie ein Auto und können auch schwere Sachen einkaufen oder jemanden in die Arztpraxis begleiten. Getränkelieferungen könnten gemeinschaftlich für das ganze Haus aufgegeben werden. Sie sparen Liefergebühren, wenn mehrere Nachbarn zusammen bestellen und müssen keine schweren Kästen schleppen. Oder Sie helfen bei der Informationsfindung. Nicht alle älteren Menschen haben ein Smartphone, Computer oder Internet. Sie können Bestellungen übernehmen oder Informationen wie medizinische Sprechstunden oder Öffnungszeiten von Ämtern für Ihre Nachbarn heraussuchen. Falls Ihre Nachbarn technisch gut ausgestattet sind, könnten Sie auch bei technischen Problemen unterstützen.

Gegenseitige Unterstützung durch Nachbarschaftshilfe

In Städten leben Menschen besonders häufig anonym nebeneinander. Dabei ist eine gute Nachbarschaft Gold wert. Man kennt sich, plauscht miteinander und kann sich bei Bedarf gegenseitig unterstützen: Blumen gießen, den Briefkasten leeren, Pakete annehmen, Werkzeug ausleihen oder auch mal die Kinder oder Haustiere hüten. Eine Hand wäscht die andere. Auf diesem Prinzip der Gegenseitigkeit beruht die gute alte Nachbarschaftshilfe. Dabei gibt es immer Menschen, die mehr Hilfe benötigen als andere, das ist ganz normal und sollte auch selbstverständlich sein. Jedoch sollten Sie beachten, dass viele Menschen Schwierigkeiten damit haben, Hilfe lediglich zu empfangen, ohne etwas zurückgeben zu können. Das kann dazu führen, dass sie Unterstützung generell ablehnen.

Überlegen Sie, ob es etwas gibt, das auch die älteren Nachbarn für Sie oder die Gemeinschaft tun könnten. Vielleicht könnten sie Pakete für Sie annehmen, wenn Sie tagsüber arbeiten sind, oder Sie dürfen das Gartenstück der Nachbarn mitbenutzen oder Sie gärtnern gemeinsam. Vielleicht benötigen Sie zusätzlichen Stauraum im Keller und dürfen das leere Abteil oder die Garage der Nachbarn nutzen? Sind die älteren Nachbarn fit genug, um ab und zu die Kinderbetreuung zu übernehmen, ergibt sich gleichzeitig ein schöner Austausch zwischen den Generationen.
Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten, wie Nachbarinnen und Nachbarn sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten gegenseitig unterstützen können. Respektieren Sie jedoch, wenn eine Person in Ruhe gelassen werden möchte und wann Sie selbst an Ihre Grenzen kommen. Nachbarschaftshilfe sollte niemanden über Gebühr belasten.

Projekt Türöffner: Besuchsdienst für alle

Das Bundesprojekt „Türöffner – ehrenamtlicher Besuchs- und Begleitdienst für verschiedene Zielgruppen“ bringt ehrenamtliche Helferinnen und Helfer mit Menschen, die isoliert Leben oder von Isolation betroffen sind, zusammen. Neben älteren Menschen werden aber auch Menschen mit Flucht- oder Migrationsgeschichte mit Menschen zusammengebracht, die sich Besuch wünschen und offen für beziehungsweise neugierig auf einen kulturellen Austausch sind.
Mit dem Projekt möchte der Verband Caritas-Konferenzen Deutschlands (CKD) in Kooperation mit den Maltesern den klassischen Besuchsdienst stärker an die heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen aufgrund demografischer Entwicklungen anpassen. Auch das Thema Einsamkeit (im Alter), das heutzutage verstärkt öffentlich diskutiert wird, gehört zu den gesellschaftlichen Herausforderungen, die mit dem Projekt Türöffner angegangen werden sollen.

Weitere Informationen zu diesem Projekt um dessen Konzept finden Sie auf der Seite des CKD.   

Hilfe holen: Möglichkeiten und Anlaufstellen

Kümmert sich die Nachbarschaft um hilfebedürftige Personen, sieht der Gesetzgeber sogar eine Aufwandsentschädigung von 125 Euro monatlich für nachbarschaftliche Pflege vor. Lassen Sie sich dazu beraten. Zudem gibt es viele weitere Optionen, mit denen ältere, hilfebedürftige Menschen sicher und gut versorgt in ihren eigenen vier Wänden wohnen bleiben können. Da wären zum Beispiel die ambulante Pflege durch Fachkräfte, die Kurzzeitpflege wie beispielsweise nach einem Krankenhausaufenthalt, Notrufsysteme wie der Hausnotruf, der Menüservice, Besuchs- und Begleitungsdienste oder Einkaufs- und Haushaltshilfen. Einige Dienste werden ehrenamtlich angeboten und sind kostenfrei. Andere Angebote werden unter bestimmten Voraussetzungen von der Krank- und Pflegeversicherung übernommen.

In manchen Fällen kommt die nachbarschaftliche Hilfe schnell an ihre Grenzen. Das kann beispielsweise bei Demenzerkrankungen der Fall sein, denn hier brauchen die Betroffenen in der Regel eine Rundumbetreuung. Ist das im eigenen Zuhause nicht möglich, dann kann ein Umzug in ein Pflegeheim nötig sein. Dieser Schritt ist häufig kein leichter, und manche Betroffene wehren sich dagegen. Dennoch ist fachkundige Hilfe dringend nötig, wenn jemand orientierungslos oder vergesslich ist, sich regelmäßig aussperrt, weil er oder sie den Schlüssel vergisst oder nahestehende Personen nicht mehr erkennt. Vergesslichkeit kann in manchen Fällen auch für Menschen im Umfeld gefährlich werden. Zum Beispiel wenn dadurch Hausbrände entstehen.
Seien Sie in akuten Situationen hilfsbereit und beruhigen Sie die Betroffenen und nehmen Sie Kontakt zu Angehörigen oder Pflegepersonal auf. Gibt es keine Angehörigen oder besteht kein Kontakt zu Ihnen, wenden Sie sich an den sozialpsychiatrischen Dienst in Ihrer Nähe. Die Mitarbeitenden wissen, wo und wie Menschen mit chronischen und/ oder psychischen Erkrankungen am besten behandelt werden. Besteht akute Gefahr durch Fremd- oder Selbstgefährdung, sollten Sie die Polizei rufen und direkt am Telefon die Situation schildern. Die Polizei informiert gegebenenfalls die zuständigen Stellen. 

Daten, Zahlen, Fakten

Die meisten älteren Menschen in Deutschland leben in ihren eigenen vier Wänden. Bei den über 85-Jährigen sind es 82 Prozent. Einerseits ist es gut, wenn Menschen auch im hohen Alter selbstbestimmt zu Hause leben können. Andererseits leben circa ein Drittel (34 Prozent) der über 65-Jährigen allein. Umso wichtiger ist nachbarschaftliche Unterstützung im Alltag, aber auch durch die Gesellschaft von Nachbarinnen und Nachbarn jeden Alters.


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