Nach der Flutkatastrophe: Die Hilfe darf nicht abreißen

Das diesjährige Hochwasser in West- und Mitteleuropa hat allein in Deutschland 183 Todesopfer gefordert. Auch Monate nach der Katastrophe sind die Auswirkungen überall in den betroffenen Regionen sichtbar. Wir werfen einen Blick auf die bereits geleisteten Hilfen, die aktuelle Situation vor Ort und in die Zukunft der hochwassergefährdeten Regionen.

Darum geht’s:


So helfen und halfen die Malteser vor Ort

Die Hilfsorganisationen sowie Rettungskräfte der Feuerwehr, Bundeswehr, Polizei und des Technischen Hilfswerks waren in der Akutphase der Flut gemeinsam für die Betroffenen im Einsatz; evakuierten, betreuten und verpflegten vor Ort die Menschen unter zum Teil schwierigsten Bedingungen.
Nach der ersten Alarmierung packten auch rund 1000 Helferinnen und Helfer der Malteser mit an, versorgen unter anderem die Menschen mit Nahrung, begleiteten sie zu ihren Wohnungen, um Medikamente sicherzustellen, oder kümmerten sich um Patientinnen und Patienten einer Pflegeeinrichtung. Wir sprachen damals mit Patrick Poschmann von den Maltesern in Kevelaer, der uns von diesen ersten Einsätzen berichtete.

Das alles lief sehr koordiniert ab und erforderte, dass alle Helferinnen und Helfer ihre Aufgaben gewissenhaft erfüllen. Warum die Koordination und Spezialisierung der Einsatzkräfte, zum Beispiel im Katastrophenschutz, so wichtig ist, erklärte uns der Bereichsleiter der Notfallvorsorge des Malteser Hilfsdiensts, Markus Bensmann: „Die Malteser übernehmen Fachaufgaben im Katastrophenschutz. Dies sind vor allem sanitätsdienstliche/medizinische Aufgaben, betreuungsdienstliche Aufgaben, oder auch die psychosoziale Notfallversorgung.“ Wenn die behördlich erteilte Aufgabe also zum Beispiel in der medizinischen Absicherung einer Einsatzstelle liegt, müssen die Helferinnen und Helfer jederzeit reagieren können. Dann heißt es: „Auf dem Posten bleiben!“

Unmittelbar nach der Flut fuhren freiwillige Helfergruppen, zum Beispiel von den Malteser Werken, Malteser International sowie vom Katastrophenschutz, tageweise ins Ahrtal, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Sie schoben Wasser und Schlamm aus den Häusern und unterstützten die Familien im Krisengebiet, wo sie konnten.

Auch später unternahmen die Malteser Fahrten, um in Gruppen vor Ort zu unterstützen. Anfang September organisierten beispielsweise Andreas Brumhard und Jürgen Clemens von der Mitarbeitervertretung der Malteser Zentrale einen zweitägigen Einsatz in den Weinbergen der Ahr in Mayschoß und in Heimersheim, um den Winzern und Weinbauern bei den überfälligen Arbeiten an den Rebstöcken zu helfen. Die Ahr ist das nördlichste und zudem größte zusammenhängende Rotweinanbaugebiet Deutschlands mit über 80 Prozent roten Rebsorten. Der Anbau ist zusammen mit dem Tourismus Haupttriebfeder der regionalen Wirtschaft – ein Totalausfall der Traubenlese würde die Winzer und überhaupt das ganze Ahrtal hart treffen. Über das Engagement der Freiwilligen sagt Clemens: „Überwältigt hat mich die große Hilfsbereitschaft selbst über große Entfernungen hinweg und das tatkräftige Anpacken vieler, die zum Beispiel auf ihren Urlaub verzichtet haben, vor Ort das erste Mal im Leben gezeltet haben oder auf dem Motorroller aus Norddeutschland angereist sind, um zwei Wochen zum Helfen zu bleiben.

Mit dabei war auch Andreas Brumhard, der am Rande der Aktion auf ein Problem aufmerksam wurde, das weitere Unterstützung über die kommenden Monate hinaus erfordert: „Nach der Rückkehr aus dem Weinberg warteten wir vor der Winzergenossenschaft auf freundlich bereitgestellten Klappbänken auf den Shuttle-Bus und wurden von zwei jungen Frauen angesprochen, die in der Zerstörungs-Zone von Haus zu Haus gingen und im Auftrag der Kreisverwaltung nach Heizbedarf für den Winter fragten. Denn die Heiz-Saison beginnt in einigen Wochen, während die Wiederherstellung der Gasleitungen noch Monate dauern wird.“

Nach der Akutphase der Flut verlagerten sich die Hilfen insbesondere auf psychosoziale Unterstützungsangebote (sowohl für Betroffene als auch für die Einsatzkräfte) und den Wiederaufbau, für den natürlich finanzielle Mittel notwendig sind. Diejenigen, deren Besitz zerstört oder beschädigt wurde, sind auf schnelle, unbürokratische Soforthilfen angewiesen, die auch von den Maltesern gestellt werden.
Ingo Radtke, Fluthilfekoordinator der Malteser, erläutert die Hintergründe dieser Auszahlungen wie folgt: „Bei der Soforthilfe zahlen wir pro Haushalt 2500 Euro als Handgeld aus, damit Menschen, denen das Wasser den kompletten Hausrat zerstört hatte, die Dinge bezahlen können, die ihnen im Moment nach ihrem eigenen Ermessen am meisten weiterhelfen. Bei der Ermittlung der Betroffenen stimmen wir uns eng mit den Ortsbürgermeisterinnen und Oberbürgermeistern ab, da diese am ehesten wissen, wer in ihrer Gemeinde betroffen ist. Außerdem tauschen wir uns zwischen den Hilfsorganisationen aus, um uns einerseits nicht zu doppeln und andererseits alle Orte abzudecken.“ Aufgrund des großen Bedarfs wurde das Budget für die Soforthilfen auf insgesamt 11 Millionen Euro aufgestockt. Davon werden jeweils fünf Millionen Euro in NRW und Rheinland-Pfalz zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen zu der Soforthilfe sowie das Formular für die Bedarfsanfrage haben die Malteser hier bereitgestellt.

Für unmittelbare Bedürfnisse vor Ort – wie zum Beispiel die Bereitstellung von Stromaggregaten, Bautrocknern und Hochdruckreinigern, Waschmaschinen und Wärmeaggregaten – wenden die Malteser eine Million Euro auf. Selbst Monate nach der Flut ist der Bedarf nach Bautrocknern noch immer groß; die Malteser stellten und stellen Hunderte solcher Geräte kostenfrei zur Verfügung – zum Beispiel in Trier-Ehrang.

Der Winter wird eine Herausforderung

Wärmeaggregate, die Instandsetzung der Gasleitungen und bauliche Maßnahmen, mit denen beschädigte Häuser den Herausforderungen des Winters trotzen können, sind gerade besonders wichtig. Die kalten Monate stehen unmittelbar vor der Tür und viele Anwohnerinnen und Anwohner wissen noch gar nicht, wie sie in diesem Winter Minusgraden und Unwettern begegnen sollen. Mancherorts ist schon wieder Gasdruck auf den Leitungen, doch das Gasnetz im Ahrtal endet am westlichen Ende im Stadtteil Walporzheim – die kleinen, weiter oben liegenden Ortschaften sind aktuell noch nicht angebunden. Und auch ein groß angelegter Einsatz elektrischer Heizkörper ist keine Generallösung, da niemand genau weiß, wie stabil das Stromnetz in der Region derzeit ist und wie es auf Überlastungen reagiert. Da es nun schnell gehen muss, planen die Gemeinden den Einsatz von provisorischen Angeboten wie Behelfsunterkünften und Heiz-Containern, bevor man sich im kommenden Jahr den langfristigen Maßnahmen widmen kann. Fest steht, dass die Menschen in jenen Gebieten, in denen die Flut besonders schlimm gewütet hat, auch weiterhin unsere Unterstützung brauchen.

Spenden werden weiterhin dringend benötigt

Die Spendenbereitschaft war nach der Katastrophe enorm. Und auch weiterhin hilft jede kleine und große Summe den Flutopfern. Mit einer Spende an die Nothilfe in Deutschland kannst du auch aus der Ferne die Helferinnen und Helfer vor Ort unterstützen. Der nachfolgende Link führt dich direkt zum Spendenformular der Malteser.

Vorsichtiger Optimismus: Wie das Leben vor Ort weitergeht

Die Jahrhundertflut forderte Todesopfer, zerstörte Existenzen und verwüstete ganze Landstriche. Als sich die Wassermassen endlich zurückzogen, standen Anwohnerinnen und Anwohner sowie örtliche Unternehmerinnen und Unternehmer vor einem Scherbenhaufen. So zum Beispiel die Familie Amanatidis, die in der Altstadt von Arweiler das Restaurant La Perla betreibt. Sie meldeten sich nun mit einer „After Help Veranstaltung“ zurück, deren Erlös zum Teil dem Wiederaufbau von Spielplätzen zugutekommt. Ein Lichtblick ist sicher die beginnende Weinlese im Ahrtal. Zerstörte Weinkelter wurden durch Leihgeräte ersetzt, die Elektrik auf den Weingütern notdürftig repariert und versäumte Arbeiten mithilfe freiwilliger Helfer nachgeholt. Nun ist das eingetreten, mit dem die wenigsten nach der Flutkatastrophe gerechnet haben: Die Weinlese 2021 hat begonnen. Ein aufkeimender Hoffnungsschimmer.

Bevor jedoch Normalität einkehren kann, muss noch eine Menge passieren. Der Wiederaufbau der Infrastruktur ist ein langer Prozess, der strategisch klug und zukunftsgerichtet angegangen werden muss. Die Trauer um die Opfer sitzt außerdem tief und die Schönheit des von der Flut zerstörten Ahrtals ist fürs Erste verschwunden. Zudem wird sich die Region gegen weitere Unwetter und Überschwemmungen wappnen müssen. Damit all das gelingt, ist es wichtig, dass die Menschen in ganz Deutschland den Betroffenen weiterhin zur Seite stehen und die Krise nicht vorschnell aus dem kollektiven Bewusstsein tilgen. Die Hilfe darf nicht abreißen.


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