Day 'n' Night: Tag- und Nachtschicht im Rettungsdienst
Es gibt Berufe, die permanenten Einsatz und Erreichbarkeit voraussetzen. Dazu gehören unter anderem Jobs im Rettungsdienst. Notfälle gibt es am Tag, aber auch in der Nacht – Unfälle passieren rund um die Uhr und haben keinen „Feierabend“. Ein Schichtsystem sorgt 24 Stunden und 7 Tage pro Woche für eine kontinuierliche Einsatzbereitschaft. Lea Gottschall (22) und Jan Reermann (24) sind Einsatzkräfte auf der Rettungswache der Malteser in Mainz. Uns haben sie berichtet, welche Unterschiede die Arbeit im Rettungsdienst bei Tag und bei Nacht mit sich bringt.
Darum geht's
- Viel Verkehr am Tag und entschleunigte Notaufnahmen in der Nacht
- Schlechte Sicht in der Nacht und Schwitzen am Tag
- Typische Aufgaben einer Rettungswache am Tag
- „Essen ist fertig und schon geht der Melder“
- Full House am Tag und kleinere Besatzung in der Nacht
- Der Kampf gegen den natürlichen Biorhythmus
Lea ist Auszubildende im zweiten Lehrjahr zur Notfallsanitäterin. Bei den Maltesern ist sie schon seit 2023. Vor Ausbildungsbeginn arbeitete sie circa ein Jahr als Rettungssanitäterin auf der Rettungswache in Mainz. Jan ist Notfallsanitäter und insgesamt schon fünf Jahre im Rettungsdienst aktiv.
Beide arbeiten auf einer Stadtwache mit erhöhter Auslastung. Da kann es im Frühdienst auch schnell mal zu sechs Einsätzen kommen. Aber – und das ist Jan wichtig zu betonen – „es ist kein Tag wie der andere und wir können hier natürlich nur für unseren Bereich sprechen.“ Er habe zum Beispiel auch eine Freundin, die auf einer Landwache arbeitet und die hat in einem 24-Stunden-Dienst vielleicht zwei Einsätze.
Was viele große Städte jedoch häufig gemeinsam haben, ist eine erhöhte Auslastung am Wochenende: „Mainz ist eine Studenten-Stadt, dadurch ist auch unter der Woche immer gut was los. Allerdings hat man am Wochenende tendenziell häufiger Einsätze im Rahmen von Alkoholkonsum oder Auseinandersetzungen – wie das in vielen größeren Städten eben so ist“, ordnet Lea die Lage am Wochenende ein.
Viel Verkehr am Tag und entschleunigte Notaufnahmen in der Nacht
Trotz vieler Einsätze am Wochenende findet Lea das Fahren mit dem Rettungswagen bei Nacht generell deutlich angenehmer: „In der Stadt ist tagsüber viel mehr Verkehr als in der Nacht. Es ist auf den Straßen einfach leerer, dadurch ist es angenehmer zu fahren und man hat an großen Kreuzungen weniger die Situation, dass keine oder schlechte Rettungsgassen gebildet werden.“ Denn gerade der Verkehr kann am Tag eine echte Herausforderung sein: „Der Feierabend-Verkehr ist echt brutal“, sagt Jan. Zudem fordern die vielen Fußgänger und Fahrradfahrer am Tag viel mehr Aufmerksamkeit von Lea und Jan. In der Nacht sind die Rad- und Fußgängerwege deutlich leerer. Aufpassen müssen die Beiden bei Dunkelheit aber natürlich trotzdem. Gerade in der Nacht können dunkel gekleidete Fußgänger oder Radfahrer ohne Licht aus dem Nichts auftauchen und sind nur schlecht zu sehen.
Beides hat Vor- und Nachteile. „Tagsüber hast du Sonne, nachts hast du Ruhe – die Stadt ist tagsüber sehr euphorisch, aufgeweckt, wach und aktiv. Nachts kehrt eher Ruhe ein und das merkt man finde ich schon“, erzählt Jan. Auch in den Krankenhäusern merkt man die einkehrende Ruhe der Stadt. „In den Notaufnahmen ist einfach weniger los und auch das Personal ist irgendwie entschleunigt“, findet Lea. Natürlich sieht das in jeder Nachtschicht anders aus und kommt immer auf die Art der Einsätze an, gibt Jan zu bedenken: „Gestern war wieder die Hölle los, man kann das so pauschal eben nicht sagen“. Was Lea an der Arbeit in der Nacht gefällt, fehlt Jan hingegen: „Ich mag generell die Arbeit bei Tag und bei Nacht, aber der Tagdienst gefällt mir noch ein bisschen besser, da man da noch etwas vom Tag und dem Leben in der Stadt mitbekommt.
Ein weiterer Unterschied: In der Nacht ist die sogenannte Ausrückzeit der Rettungskräfte in Mainz etwas länger als am Tag. Die Ausrückzeit ist die definierte Zeit zwischen der Alarmierung durch die Leitstelle und die Übernahme des Einsatzes im Fahrzeug durch die Besatzung. Tagsüber haben Einsatzkräfte, wenn der Melder piepst, eine Minute Zeit, um sich zum Einsatzfahrzeug zu begeben. In der Nacht haben sie hingegen bis zu zwei Minuten Zeit. Natürlich ist das Ziel für alle Rettungskräfte grundsätzlich immer gleich: schnellstmöglich am Einsatzfahrzeug sein und zügig und sicher zum Einsatzort gelangen.
Schlechte Sicht in der Nacht und Schwitzen am Tag
Was das Arbeiten bei Nacht außerdem mit sich bringt: Dunkelheit und schlechte Sicht. Die beiden wissen sich aber zu helfen: „Du hast am Tag halt nicht so viel, was ausgeleuchtet werden muss.
Jede beziehungsweise jeder von uns trägt eigentlich eine Taschenlampe mit sich und wenn die Feuerwehr bei Unfällen dabei ist, ist ohnehin für ausreichend Licht gesorgt“, so Jan.
Licht kann für Einsatzkräfte aber auch zur Herausforderung werden. „Manchmal ist das flackernde Licht auf dringenden Einsatzfahrten auch anstrengend für die Augen und die Konzentration“, findet Lea.
Was in der Nacht fehlt, haben Lea und Jan hingegen am Tag: nämlich Licht und Sonne. Doch das kann laut Lea gerade im Sommer echt anstrengend werden: „Du hast eine Hose an, die dir am Bein klebt und bei manchen Einsätzen – zum Beispiel im fließenden Verkehr oder auf der Autobahn – bist du verpflichtet, eine Einsatzjacke zu tragen – egal, wie heiß es ist. Das ist in der Nacht bei etwas kühleren Temperaturen natürlich angenehmer“. Aber Lea hat einen tollen Tipp: „Ich trage an so heißen Tagen alles eine Nummer größer, dann ist das An- und Ausziehen der Einsatzhose beim Gang auf die Toilette etwas angenehmer“. Neben Einsatzjacke und -hose gehören zur Einsatzkleidung auch dicke Sicherheitsschuhe dazu.
Typische Aufgaben einer Rettungswache am Tag
Am Tag und in der Nacht wird die Zeit zwischen den Einsätzen häufig dafür genutzt, um die Fahrzeuge von außen und von innen gründlich zu reinigen. Das kommt natürlich immer auf die jeweilige Schicht und die anstehenden Aufgaben an. Dazu gehört, den RTW einmal wöchentlich routinemäßig zu desinfizieren, was im Übrigen auch Vorschrift ist. Außerdem werden je nach vorhandener Zeit alle Fächer des Einsatzfahrzeugs nach einem genau festgelegten Putzplan gereinigt. „Jeden Tag gibt es eine andere Hygieneaufgabe”, so Jan. Die Notfallrucksäcke und alle Materialien auf dem Einsatzfahrzeug werden vor jedem Dienstbeginn zudem auf Vollständigkeit gecheckt und auch das Blutzuckermessgerät einmal pro Woche überprüft. All das wird von Lea und Jan sowohl am Tag als auch in der Nacht erledigt. Lea nutzt die freie Zeit am Tag darüber hinaus gerne für die Ausbildung: „Wenn man tagsüber Zeit hat, kann man sie auch einfach nutzen, um zu lernen.“
In der Nacht hingegen liegt der Fokus auf dem Biorhythmus und ausreichend Schlaf: „Nachts ist schon ein bisschen mehr piano als tagsüber, wo man dann noch mehr Aufgaben hat“, fasst Jan eine typische Nachschicht zusammen. Der Rettungswagen muss natürlich auch in der Nacht nach jedem Einsatz wieder aufgefüllt und desinfiziert werden.
„Essen ist fertig und schon geht der Melder“
Eine gute und regelmäßige Essens-Routine ist für Einsatzkräfte nicht immer leicht. Kaum ist die Pizza im Ofen oder das Essen gerade gekocht, piepst auch schon der Melder und der nächste Einsatz ruft. Deshalb greifen viele Einsatzkräfte auf Lebensmittel oder Mahlzeiten zurück, die schnell gehen, Energie geben, dafür aber nicht immer so gesund sind. Das kennen auch Lea und Jan nur zu gut. Sind es am Tag Nudeln mit Pesto, Tortellini oder mal ein Döner auf die Hand, sind es in der Nacht häufig Snacks, die die beiden schnell mit Energie versorgen und bei Laune halten. „In der Nacht snacken wir uns auch gerne mal durch“, lacht Lea. Jans Lieblings-Snack beziehungsweise -Getränk ist ein Energy-Drink, Lea kann bei Kinder Pinguí nicht widerstehen – NicNacs sind für beide zudem der optimale salzige Snack für zwischendurch. „Jede und jeder macht es eben individuell. Manche essen gar nichts, manche nur Snacks oder kleinere Sachen. Und manchmal kochen wir eben auch zusammen auf der Wache“, sagt Jan. Natürlich bringen auch viele Einsatzkräfte ihr Essen mit und kochen zu Hause vor, um eine ausgewogene Ernährung auch auf der Wache sicherzustellen. Lea und Jan denken da direkt an leckere Salate, Bowls und Meal-Prep-Gerichte, die sie oder Kolleginnen und Kollegen vor dem Dienst vorbereiten und zur Schicht mitnehmen.
Oft muss es jedoch schnell gehen und wenn es darum geht, Snacks oder Essen für die jeweilige Schicht zu besorgen, gibt es Unterschiede am Tag und in der Nacht. Am Tag ist das kulinarische Angebot in der Stadt gefühlt grenzenlos und Supermärkte halten alles bereit, was das Herz der Einsatzkräfte begehrt. In der Nacht sieht das je nach Region und Standort der Wache jedoch anders aus: „Nachts musst du aufpassen, dass du vor 22:00 Uhr noch zum Rewe kommst. Danach hast du halt Pech und musst zur Tankstelle, wo die Preise auch deutlich höher sind“, so Jan, „die Verpflegungsmöglichkeiten sind am Tag natürlich besser als in der Nacht“, erzählt er weiter .
Full House am Tag und kleinere Besatzung in der Nacht
Einen großen Unterschied zur Arbeit am Tag, sehen Jan und Lea in der Nacht in den zwischenmenschlichen Interaktionen, die dann natürlich deutlich geringer sind. „Am Tag sind einfach viel mehr Menschen hier als in der Nacht. Ab 00:00 Uhr ist hier nur noch die RTW-Besatzung – das sind in der Regel zwei Leute und manchmal auch drei, wenn eine Praktikantin oder ein Praktikant dabei ist“, erklärt Lea. Am Tag sind mindestens doppelt so viele Einsatzkräfte anwesend. „Da ist hier eigentlich schon immer gut was los“, so Lea.
Jan und Lea arbeiten übrigens auf einer Lehrrettungswache. Eine Lehrrettungswache ist eine Rettungswache, die mit einer Rettungsdienstschule zusammenarbeitet und als praktischer Ausbildungsstandort für angehende Rettungssanitäterinnen und -sanitäter sowie Notfallsanitäterinnen und -sanitäter – aber auch andere Ausbildungsberufe wie zum Beispiel Rettungshelferinnen und Rettungshelfer – dient.
Der Kampf gegen den natürlichen Biorhythmus
Wer im Schichtdienst arbeitet, hat vor allem mit einer Sache zu kämpfen: dem natürlichen Bio-Rhythmus, also den biologisch vorgegebenen Schlaf-Wach-Phasen. „Man versucht, einen 'Früh-Tag-Spät-Nacht-Rhythmus' einzuhalten, damit sich der Biorhythmus ein wenig anpassen kann. Man versucht es, möchte ich betonen. Die Praxis sieht oft anders aus“, erklärt Jan. „Freitags Nachtdienst und montags dann wieder ein Frühdienst, das ist schon anstrengend – also, wenn so kurze Wechsel vorkommen“, unterstreicht Lea die Problematik des Schichtdienstes.
Auch wenn der Schichtdienst für viele Einsatzkräfte und deren Biorhythmus durchaus anstrengend sein kann, sieht Lea auch Vorteile: „Mir gibt der Schichtdienst irgendwie viel Freiheit, auch wenn es manchmal anstrengend ist. Dadurch hat man auch mal mehr Tage frei. Manchmal finde ich es aber auch schwerer, weil du dann wirklich von Dienst zu Dienst springst.“ Auch Jan sieht nicht nur Nachteile in Früh-, Tag-, Spät- und Nachtschichten. Er rät Einsatzkräften jedoch dazu, achtsam im Alltag zu sein: „Achtet auf euch! Guckt, dass ihr ordentlich und regelmäßig esst, dass ihr einen Ausgleich bekommt und ihr euch irgendwie sportlich betätigt – Schichtdienst muss nicht schlecht sein!“
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