Soziale Projekte mit Fahrrad: Hilfe auf zwei Rädern

Radfahren ist umweltbewusst und liegt gerade voll im Trend – auch bei sozialen Projekten: Wir stellen hier so ungewöhnliche wie nachahmungswürdige Aktionen, Projekte und Vereine rund um das Fahrrad vor.

Darum geht’s:


Bike-Boom: Immer mehr Menschen steigen aufs Fahrrad

Klima, Umwelt, Nachhaltigkeit – wem diese Themen wichtig sind, der fährt mit hoher Wahrscheinlichkeit Fahrrad. So relevant wie derzeit war dieses Verkehrsmittel noch nie: Denn der Trend zum Bike wurde auch durch Corona mächtig angekurbelt. 2020 wurden in Deutschland mehr als fünf Millionen Fahrräder verkauft, davon knapp zwei Millionen E-Bikes, ein beeindruckender Rekord. Auch die Malteser tragen ihren Teil dazu bei – immer mehr Helferinnen und Helfer steigen aufs Fahrrad um. Und: Es gibt zunehmend Ehrenamtliche und Initiativen, die bei ihren Aktionen auf das umweltfreundliche Verkehrsmittel setzen.

Per Leasing-Fahrrad zum Einsatz

Für viele Malteser ist es selbstverständlich, mit dem Fahrrad zur Arbeit oder zu ihren Einsatzorten zu fahren. So wurden für die Malteser Dienststellen in Berlin und Potsdam sogenannte Swapfiets-Fahrräder angeschafft. Die können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für eine monatliche Gebühr nutzen – im Notfall steht ein Reparatur- oder Austauschservice innerhalb von 48 Stunden zur Verfügung. Als Alternative bei richtig schlechtem Wetter gibt es nach wie vor zwei Pflegedienst-Autos. Für überzeugte Rad-Fans werden aber auch wetterfeste Softshell-Jacken angeboten, mit denen man auch bei Regen auf zwei Rädern trocken ans Ziel kommt.

Kältehilfe mit dem Lastenrad

Warmgefahren“ heißt das vielbeachtete Projekt der beiden Berliner Elias Dege und Frederyk Bieseke – und das ist wörtlich zu verstehen. Mit Lastenrädern verteilen die beiden vor allem in den Wintermonaten Kleidung an Obdachlose. Angefangen haben sie 2017 mit geliehenen Rädern, dank einer Crowdfunding-Kampagne konnten sie inzwischen eigene Lastenräder finanzieren und so ihr Projekt fortsetzen. Sie liefern unter anderem Tee, Kaffee und Schlafsäcke zu Wohnungslosen in ganz Berlin. Die Vorteile des Verkehrsmittels Fahrrad liegen dabei für sie auf der Hand. „In Großstädten kommt man mit dem Rad einfach effizienter ohne Staus und Zufahrtsbeschränkungen ans Ziel. Neben der Umweltverträglichkeit“, sagt Elias Dege, sei es die Idee „sich den Menschen durch das Fahrrad verbundener zu fühlen, um direkten Kontakt aufbauen zu können“. Ihre Arbeit wurde sofort angenommen: „Wir mussten bei den Obdachlosen nie wirklich etwas erklären. Mit den Fahrrädern können wir direkt zu den Menschen fahren und sie können sofort sehen, was wir dabeihaben.“

Bike Bride – das Fahrrad als Brücke

Mit dem Fahrrad zu fahren ist für die meisten von uns selbstverständlich. Doch viele Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte, insbesondere Mädchen und Frauen, waren es nicht gewohnt, in ihrer Heimat mit dem Rad überall hinfahren und sich frei bewegen zu können. In der Fahrradstadt Freiburg wurde deswegen das Projekt „Bike Bridge“ ins Leben gerufen, das geflüchteten Mädchen und Frauen dabei hilft, sich mit dem Fahrrad in der Öffentlichkeit zu bewegen. Der Verein bietet im Rahmen der „Bike & Belong-Angebote“ Fahrradkurse sowie Touren durch die Region oder Reparaturworkshops an. Sein Motto: „Zusammen aufs Rad steigen, das verbindet“. Die Kurse vermitteln Grundlagen des Radfahrens wie Koordination und Gleichgewicht genauso wie die deutschen Straßenverkehrsregeln. 2017 wurde das Kernteam des Projektes, die drei Sportwissenschaftlerinnen Shahrzad Enderle, Lena Pawelke und Clara Speidel, im Rahmen des „startsocial-Wettbewerbs“ von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihr Engagement ausgezeichnet. Inzwischen ist Bike Bridge e. V. ein gemeinnütziger Verein mit hauptamtlichen Strukturen, einem zehnköpfigen Organisationsteam und Standorten in immer mehr Städten.

Girls for Girls – das Tandem-Projekt

Einen Ansatz, der über das Radeln hinausgeht, liefert das Projekt der Stuttgarter Malteser „Girls for Girls“. Auch hier geht es darum, geflüchtete Mädchen und Frauen bei ihrer Integration zu unterstützen. Dabei werden einerseits Tandem-Teams aus einer Ehrenamtlichen und einer Geflüchteten gebildet, andererseits gibt es verschiedene Gruppenprojekte, bei denen gemeinsame Aktivitäten im Vordergrund stehen: Ausflüge mit dem Rad, Kochen, Zeit miteinander verbringen. Auch Arzt- und Behördengänge sowie Lebenshilfe im Alltag bieten das Empowerment-Projekt der Stuttgarter Malteser an. Das Ziel: Den unterstützten Frauen und Mädchen das Selbstbewusstsein und die Kraft geben, die eigenen Möglichkeiten zu entdecken und ihre Ideen und Talente in das Projekt einzubringen.

Rikschas statt Rollator

Die Idee kam aus Kopenhagen und verbreitete sich von Skandinavien ausgehend weltweit. Das ist kein Wunder, denn das Prinzip hinter „Radeln ohne Alter“ ist ebenso bestechend wie herzerwärmend: In mittlerweile 42 Ländern werden ältere Menschen, die nicht mehr selbst Fahrrad fahren können oder wollen, von Helferinnen und Helfern in Rikschas spazieren gefahren. Frei nach dem Motto: Jeder hat ein Recht auf Wind in seinen Haaren. Denn was für die Jungen und Sportlichen selbstverständlich ist, kann im Alter zum Problem werden: fehlende Kontakte, eingeschränkte Mobilität und ein immer kleiner werdender Aktionsradius. Natalie Chirchietti und Caroline Kuhl sind zwei Bonnerinnen, die in ihrer Heimatstadt 2017 einen Ableger von „Radeln ohne Alter“ mit Freundinnen und Freunden gründeten. Sie betonen, dass jede Rikscha-Fahrt für die Seniorinnen und Senioren genauso ein kleines Abenteuer ist wie für die Fahrenden.

Retter auf zwei Rädern

Die Rescue-Bikerinnen und Biker der Malteser im Landkreis Göppingen sind Profis mit mehrjähriger Erfahrung: Die mit acht modernen Mountainbikes ausgestattete Rettungsstaffel kommt vor allem bei Veranstaltungen in weitläufigem und unwegsamem Gelände zum Einsatz. Insbesondere bei Sport- und Laufevents können die mobilen Retterinnen und Retter eine umfassende medizinische Betreuung und eine in dieser Form einzigartige Notfallversorgung auf dem gesamten Gelände gewährleisten. Zur Ausrüstung gehören neben den flexibel einsetzbaren Mountainbikes eine umfassende Notfallausrüstung und witterungsbeständige Fahrradkleidung. So betreuen die Rescue-Bikerinnen und Biker nicht nur diverse Sportveranstaltungen in ihrer Region, sondern sind einmal im Jahr sogar für das Roadbike-Festival auf Mallorca verantwortlich.

Die Fahrrad-Sanitätsstaffel

Auch die Malteser in Osthessen haben eine ganze Fahrrad-Sanitätsstaffel in Dienst gestellt. Neun Sanitäterinnen und Sanitäter mitsamt ihrer medizinischen Ausrüstung können so als mobile Streifen eingesetzt werden. Die Radlerinnen und Radler in Fulda sind ihren motorisierten Kolleginnen und Kollegen manchmal sogar überlegen – denn Rettungswagen können oft keine Wege im Gelände befahren, die Malteser Mountainbikes aber schon. Die Fahrräder stellen die Sanitäterinnen und Sanitäter dabei selbst, die sonstige Ausrüstung die Malteser.

Fahrradwerkstätten der Pedalritter

An gleich zwei Standorten in Hamburg haben die Malteser Fahrradwerkstätten eingerichtet, in denen gespendete Fahrräder repariert und wieder fahrtauglich gemacht werden. Die Pedalritter, die zwölf ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer der Werkstätten, nehmen täglich Fahrräder auf und geben sie anschließend an Geflüchtete weiter. Auch fünf Geflüchtete unterstützen das Projekt inzwischen und helfen einmal die Woche in der Werkstatt mit. Meist seien Reifen platt, die Beleuchtung müsse repariert, die Bremsen und die Schaltung eingestellt werden, erklärt Detlef Schulz, einer der Pedalritter. „Wir wollen helfen, dass die Menschen durch uns auf die Beine kommen“, fasst er das Hauptziel des integrativen Projektes zusammen, „es ist wichtig, mobil zu sein. Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe.“


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