Junges Ehrenamt in der Hospizarbeit: Ein Thema, das alle betrifft

Die meisten Ehrenamtlichen sind über 30 Jahre alt. Vor drei Jahren startete das Projekt „Junge Menschen in der Sterbe- und Trauerbegleitung“. Mit dem Ziel, junge Menschen für ein Ehrenamt im Hospizdienst zu interessieren, haben Teilnehmende neue Konzepte entworfen und getestet.

Darum geht's:


Die Mehrheit hat Erfahrungen mit dem Tod

Nur sehr wenige junge Menschen engagieren sich in der Hospizarbeit. Eine Umfrage der Malteser Hospizdienste im Jahr 2022 hat ergeben: Lediglich 5,57 Prozent ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Standorte, an denen die Stichprobe durchgeführt wurde, waren jünger als 30 Jahre. Das ist in mehr als einer Hinsicht bedauerlich: Zum einen bringt eine gemischte Altersstruktur eigentlich überall Vorteile – in erster Linie lernen Menschen verschiedener Generationen viel voneinander. Zum anderen gibt es auch viele junge Menschen, die mit Krankheit, Sterben und Tod konfrontiert sind. Entweder haben sie selbst eine lebensverkürzende Erkrankung beziehungsweise werden bald sterben oder nahe Angehörige sind betroffen und sie müssen mit Abschied und Trauer umgehen. Die jungen Betroffenen wünsche sich sehr oft auch Gleichaltrige als Begleitung an ihrer Seite.

Nun könnte man einwenden, dass für die Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen eine gewisse Lebenserfahrung notwendig ist; und die kommt eben mit dem Alter. Das ist nicht falsch, allerdings kam bei einer im Auftrag der Malteser durchgeführten Studie 2020 heraus, dass 64 Prozent der 16- bis 30-Jährigen schon einmal einen wichtigen Menschen in ihrem Leben verloren haben. Das sind zwei Drittel, also die große Mehrheit der Jüngeren, die Erfahrungen mit dem Sterben und dem Tod gemacht haben. Außerdem haben die Jüngeren ein generelles Interesse daran, sich mit Themen wie Sterben, Verlust und Trauer auseinanderzusetzen.
Warum engagieren sich dann so wenige in diesem Bereich? Und was muss getan werden, um das Ehrenamt in der Hospizarbeit für junge Menschen attraktiver zu machen?

Diesen Fragen sind die Malteser gemeinsam mit dem Deutschen Hospiz- und Palliativverband e. V. (DHPV) nachgegangen. 2018 startete die dreijährige Pilotphase zum Jungen Ehrenamt im Hospiz, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Erkenntnisse werden wissenschaftlich begleitet und aufbereitet. Das übernehmen zwei Wissenschaftler vom Verein SORGENNETZ und der Universität Graz. An zwölf Standorten haben die teilnehmenden Hospizdienste und Vereine Ideen entwickelt, Konzepte getestet und Erkenntnisse darüber gesammelt, wie junge Menschen für den Hospizdienst interessiert und begeistert werden können.

Wahlpflichtfach „Hospizarbeit“ an der Uni

Tim Elter war einer der ersten Medizinstudierenden, der im Rahmen seines Studiums eine Weiterbildung zum Sterbe- und Palliativbegleiter gemacht hat. 2019 konnte der Hospizdienst in Bonn diesen Qualifizierungskurs im Wahlpflichtfach Palliativmedizin an der Uni Bonn etablieren. Ein großer Gewinn für alle Beteiligten! Die Studierenden bekommen den Kurs für ihr Studium anerkannt und der Hospizdienst gewinnt neue, vor allem junge und qualifizierte Ehrenamtliche. Tim engagiert sich auch über sein Studium hinaus im Hospizdienst. Er begleitet eine Frau, mit der er einmal in der Woche spazieren oder einkaufen geht. Für Tim ist der Dienst eine gute Möglichkeit, seinen Alltag zu verlassen und neue Sichtweisen einzunehmen: „Man kommt aus der eigenen Blase heraus und lässt sich auf eine andere Lebensrealität ein. Und man kann sehr tolle Gespräche führen. Die Dame, die ich begleite, ist schwer erkrankt, aber noch nicht besonders alt. Da wird einem vor Augen geführt, dass es auch Menschen unter 60 treffen kann.“

So ein Wahlpflichtfach an (Fach-)Hochschulen und Universitäten oder spezielle Kurse an Schulen, aber auch Veranstaltungen (zum Beispiel in Jugendzentren) sollen Anknüpfungspunkte für das Thema bieten. In mehreren großen Städten werden sogenannte „Death Cafés“ organisiert, wo sich Menschen über das Thema Tod und Sterben austauschen. Ein ähnliches Projekt namens „Pizza trifft Hospiz“ wurde von jungen Ehrenamtlichen in Münster entwickelt. Auch die Social-Media-Kanäle werden zur Kommunikation mit jungen Menschen verstärkt genutzt. Darüber hinaus gibt es Projekte, die ganz gezielt nach neuen Aufgabenfeldern für die jungen Menschen in der Hospizarbeit suchen. Die Ergebnisse aller Projekte werden ausgewertet und der großen Hospiz-Community in ganz Deutschland zur Verfügung gestellt. So können alle von Best-Practice-Beispielen lernen und den Hospizdienst so weiterentwickeln, dass junge Ehrenamtliche ihren Platz in der Community finden.

Das Ehrenamt im Hospiz ist anders als viele denken

Immer mit Tod und Sterben zu tun haben, das könnte ich nicht! So etwas hören die Ehrenamtlichen im Hospizdienst häufiger. Einige müssen erst einmal durchatmen, bevor sie darauf freundlich reagieren können. So geht es der 21-jährigen Emilie aus Darmstadt. Sie studiert Soziale Arbeit und macht ein Praktikum im Hospizdienst bei den Maltesern Darmstadt. „Es klingt nach einem harten, schlimmen Thema, aber eigentlich ist es etwas, das alle betrifft“, sagt sie. „Es geht um Menschen – um Menschen, die noch leben und auch noch Lebensqualität haben möchten. Es geht darum, mit ihnen Zeit zu verbringen und ihnen eine schöne Zeit zu schenken.“ Fragt man unterschiedliche Ehrenamtliche nach ihrer Motivation, gehen die Antworten in eine ähnliche Richtung. „Die Menschen sind sehr dankbar, dass man ihnen Zeit schenkt. Durch unseren Hospizdienst bekommen sie die Möglichkeit, ihrer Krankheit zu entfliehen“, sagt Jana. Sie studiert Maschinenbau und ist schon seit drei Jahren ehrenamtlich im Hospizdienst tätig. Zuletzt hat sie eine 30-jährige Frau begleitet, mit der sie viel draußen und in Cafés war. „Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass die schönen Momente immer überwiegen.“

Joshua aus Baden-Baden hat mit 18 Jahren als Ehrenamtlicher im Kinder- und Jugendhospizdienst angefangen. Er begleitet Kinder, die selbst schwerkrank sind oder von einem Familienmitglied Abschied nehmen müssen. „Ich unterstütze die Familie aktiv im Alltag, gehe mit den Kindern spazieren, damit die Eltern mal Zeit für sich haben oder Zeit für den Haushalt haben oder mal einkaufen zu gehen.“ Er weiß, dass es kein Ehrenamt für jedermann und jederfrau ist, aber es lohnt sich: „Manchmal muss man ein bisschen Kraft investieren. Aber das, was man investiert, bekommt man in Form von Dankbarkeit doppelt wieder.“

Alle, die im Hospizdienst tätig sind, tun nicht nur etwas für anderen Menschen, sondern automatisch auch für sich selbst. Das weiß Jason aus Detmold. Er hat sein Ehrenamt der Sterbebegleitung für Kinder und Jugendliche schon mit 16 Jahren angefangen. „Man lernt unfassbar viel für sich selbst durch die Hospizarbeit.“

Das Projekt "Junges Ehrenamt Hospiz"

Alle Freiwilligen werden auf das Ehrenamt im Hospizdienst mit einer speziellen Ausbildung vorbereitet. Mit dieser Qualifikation kannst du überall in Deutschland im Hospizdienst helfen. Alle Infos zum Projekt Junges Ehrenamt Hospiz findest du hier.

Im Juli 2022 fand außerdem ein Symposium zur Zukunft der Hospizbewegung statt. Hinter dem nachfolgenden Link findest du die wichtigsten Infos und Eindrücke von dem Symposium in Berlin.


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