Unterwegs mit Obdachlosen: die andere Stadtführung

Obdachlose sind selber schuld, wenn sie auf der Straße landen - das denken viele Menschen. Der Verein querstadtein e.V. wirbt mit einem Projekt auf den Straßen Berlins für Verständnis und Toleranz. Ehemalige Obdachlose werden Tourguides. Sie zeigen Besuchergruppen ihren Kiez und erzählen von ihrer Zeit auf der Straße – von Gefahren und Gefährten. Dieter ist einer von diesen Tourguides. Er war obdachlos und hat dreieinhalb Monate in Berlin auf der Straße gelebt. „Das ist nicht lange, aber doch lange genug. Ich hatte den Willen, wieder runterzukommen von der Straße“, sagt Dieter. Wie er es geschafft hat, erzählt er auf seiner zweistündigen Tour durch den Bezirk Charlottenburg. Wir haben ihn vom Bahnhof Zoo bis zum Savignyplatz begleitet.

Darum geht's:


Der Anfang: Dieter verliert seine Wohnung

“Ich bin Dieter und 49 Jahre jung. Auf das ‘jung’ bestehe ich, sonst ist die Tour sofort zu ende.“ Die Gruppe lacht, Dieter lacht mit. Man sieht ihm an, dass er ein bewegtes Leben hinter sich hat. 2012 strandet er als Obdachloser am Bahnhof Zoo, einer der Haupttreffpunkte von Obdachlosen in Berlin. Hier startet auch Dieters Tour. Mit Sonnenbrille, Rucksack und schnellen Schritten führt er eine 15-köpfige Gruppe junger Berlin-Touristen durch seinen ehemaligen Kiez. Nachdem der gelernte Facharbeiter für Straßenbautechnik vor sechs Jahren Job und Wohnung verlor, verdient er heute damit sein Geld. „Sowas kann ganz, ganz schnell passieren, dass man auf der Straße landet. Da kannste Doktor sein oder Ingenieur. Trotzdem läuft irgendwas in deinem Leben schief und dann gerätst du aus der Bahn. Davor ist niemand gefeit“, erklärt Dieter.

 

 

Stadtführer zeigt einer Gruppe die Gegend
Der ehemalige Obdachlose Dieter erzählt als Tourguide von seiner Zeit auf der Straße. © querstadtein

Seine Geschichte beginnt, als die Vermieterin seine Wohnung in Thüringen wegen Eigenbedarfs kündigt. Normalerweise hätte er einige Monate Zeit gehabt, sich eine neue Wohnung zu suchen, doch die Vermieterin stellte ihm nach wenigen Wochen Strom, Gas und Wasser ab – mitten im Winter. Dieter blieb: „Ich hab da neun Jahre gelebt. Ich wollte da nicht ausziehen.“ Er hätte klagen können, aber das tat er nicht. Schwere Schicksalsschläge hatten ihn in die Arbeitslosigkeit getrieben. Dieter war einfach zu müde, zu kämpfen. Dieter wird schwer krank und kommt in ein Krankenhaus. Als er nach 15 Wochen in seine Wohnung zurückkehrt, hat er keine Fenster mehr. Sie wurden ausgebaut.

Dieter reichts. Er will auswandern und beschließt, zu Fuß an die west-französische Grenze zu gehen. Ohne Navi gar nicht so leicht. Nach zwei Wochen landet er in Leipzig. Hier nimmt ihn ein Truckerfahrer mit nach Berlin. Er strandet am Bahnhof Zoo und lernt eine Gruppe Obdachloser kennen. Mit dabei war Boris, 2,05 Meter groß, ein ehemaliger litauischer Boxer im Schwergewicht. Er war der Schutz- und Wachmann der achtköpfigen Obdachlosentruppe. „Mit ihm wollte sich niemand anlegen und wer es doch getan hat, war selbst schuld“, erzählt Dieter lachend.

Das Leben auf der Straße: Essen, duschen und Scherze

Gemeinsam erleben sie die verrücktesten Geschichten. Sein Kumpel Igor aus Russland war dafür zuständig, Essen zu besorgen. Er hatte nur einen Arm, der fehlende wurde durch eine Protese ersetzt, die innen hohl war, erinnert sich Dieter: „Er ist jeden Tag für eine Stunde zum Supermarkt gegangen und kam mit einem gefüllten Arm wieder zurück. Er ist nie erwischt worden. Ich will klauen nicht gutheißen, aber wir Obdachlosen haben uns eher als Robin Hood gesehen." Alles wird miteinander geteilt, alle unterstützen sich gegenseitig in der Gruppe. Wenn man auf der Straße lebt, braucht man Freunde und Unterstützer.

In der Uni-Bibliothek durften sie sich aufwärmen und bei den Berliner Verkehrsbetrieben kostenlos duschen. Aus Spenden der Kleiderkammer bekamen Dieter und seine Freunde etwas zum Anziehen. „Ich hab da mal einen Anzug von Armani bekommen, mit silbernen Nadelstreifen und dazu ein weißes Seidenhemd. Ich hab geduscht, den Anzug angezogen und mich mit einem Buch für theoretische Physik in die Uni-Bibliothek gesetzt. Plötzlich spricht mich ein Student an und fragt, ob ich der neue Professor sei und mir mal seine Arbeit angucken könnte. Ich weiß, es war nicht nett, aber ich konnte mir den Spaß nicht verkneifen und habe ihm gesagt: das musst du aber nochmal überarbeiten.“

 

Daten, Zahlen, Fakten

In Deutschland sind schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen wohnungslos. Das bedeutet, dass sie keinen Wohnsitz haben, aber bei Freunden oder in Wohnheimen übernachten können. Wer auf der Straße schlafen und leben muss, wird als obdachlos bezeichnet. Davon sind rund 53.000 Menschen in Deutschland betroffen. 30% der Obdachlosen sind weiblich, 10% sind jünger als 16 Jahre. Diese beiden Gruppen sind ganz besonders häufig von Gewalttaten betroffen. Innerhalb der Europäischen Union liegt Deutschland in der Obdachlosen-Statistik auf Platz 2. Nur in Dänemark gibt es mehr Menschen, die auf der Straße leben. Hier findest du mehr Infos über Obdachlosigkeit in Deutschland.

Stadtführer steht vor Kunstwerk in Berlin
Dieter zeigt, wie er sich an einem Kunstwerk an kalten Tagen aufwärmte. Die schwarzen Röhren speichern Wärme. ©Tanja Lepczynski

Mit den Touren etwas im Denken bewirken

Von den acht Obdachlosen, mit denen Dieter damals unterwegs war, sind inzwischen sechs gestorben. Drogen und Alkohol haben sie zerstört. Es ist Dieters Vorteil, dass er keinen Alkohol trinkt, keine Drogen nimmt, einen starken Willen und offenbar einen Schutzengel hatte: „Nach 15 oder 20 Nächten auf der Straße hatte ich einen bescheuerten Traum. Ich habe geträumt, dass mich nachts jemand an der Schulter packt und rüttelt. Ich bin wach geworden, hab so aufgeguckt und konnte das Gesicht nicht erkennen. Dann sagte der zu mir: Hey, du darfst hier noch nicht krepieren, du wirst noch gebraucht. So hab ich auf der Straße nicht aufgegeben und kam dann ins betreute Wohnen.“ Dafür sorgt ein weiterer Schutzengel Dieters, ein Polizist. Er bringt ihn zur Bahnhofsmission. Von dort kommt Dieter in eine Einrichtung für betreutes Wohnen. 

Nach zwei Wochen will er wieder ausziehen, weil es ihm zu still in der Wohnung ist. Er kann nicht einfach nur herumsitzen, er möchte etwas tun, eine Aufgabe haben. Also fängt er in einer Obdachloseneinrichtung als ehrenamtlicher Mitarbeiter an. Dort trifft er eines Tages einen Mitarbeiter von querstadtein e.V. „Er kam rein und fragte: Habt ihr einen ehemaligen Obdachlosen, der vertrauenswürdig ist und termingerecht arbeiten kann? Da kamen sie auf mich, den dicken Dieter.“ Gute drei Monate haben sie gebraucht, um gemeinsam die Tour von Dieter zu erarbeiten. Seit Oktober 2014 arbeitet er als Tourguide bei querstadtein e.V. Seitdem hat Dieter um die 500 Touren gemacht. „Es ist für mich eine Freude, aber auch eine Pflichtaufgabe“, erklärt er. „Ich hab den dummen Gedanken, dass ich was bewegen muss, bevor ich abtrete. Und ein ganz klein wenig bewege ich mit meinen Touren. Gerade bei den Schülern merke ich, dass sie umdenken, in Richtung Armut. Es hat nicht jeder viel Geld oder ist mit einem guten Job gesegnet. Einige Schüler kommen auf die Tour und denken sich: irgendwie ist jeder Obdachlose selber dran schuld. Nach der Tour denkt mindestens die Hälfte anders.“

Dieter erklärt unter anderem, wie sehr Obdachlose auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind. Es muss nicht immer Geld sein, auch Kleiderspenden, Essen oder eine simple Pfandflasche sind für Obdachlose eine große Hilfe.

 

Anderen helfen

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Schuldenfrei und voller Ideen

Sechs Jahre, nachdem Dieter seine Wohnung verloren hat, ist er wieder schuldenfrei. Er hat eine eigene Wohnung, eine Kreditkarte, ein Smartphone und verdient sein eigenes Geld als Tourguide. Nebenbei arbeitet er weiter ehrenamtlich in Obdachloseneinrichtungen. Und Dieter hat eine Vision: „Es gibt so viele leerstehende Gebäude in Berlin. Wenn man da Geldgeber findet, dann könnte man 600 bis 800 Obdachlose auf einmal von der Straße holen. Die könnten da wohnen und in einem eigenen Café und Werkstätten arbeiten. Das könnte sich irgendwann von selbst finanzieren. Der Mensch braucht einfach eine Aufgabe, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt“.

 

Hinter dieser beschmierten Fassade liegt ein schickes In-Restaurant. Dieter erzählt hier, wie er von fremden Helfern Essen geschenkt bekam. © Tanja Lepczynski

Obdachlose und Flüchtende – die Touren mit querstadtein e.V.

Der Verein startete 2013 in Berlin mit seinen Touren. Zunächst waren es ehemalige Obdachlose, die als Tourguides Gruppen durch ihr altes Leben auf der Straße führten. Die Idee dahinter: das Thema Obdachlosigkeit mal anders angehen, informieren und den Austausch fördern. Das Konzept stammt aus dem Ausland und wird in Städten wie London oder Paris schon länger angeboten. 2016 kamen neue Touren dazu und zwar mit Geflüchteten. Die Touren finden in Berlin und Dresden statt. Syrer, Afghanen und Iraker erzählen die Geschichten, von ihrer Flucht und dem Ankommen in Deutschland. Das Projekt wurde ursprünglich ausschließlich von Ehrenamtlichen gestemmt.

Inzwischen arbeiten bei querstadtein e.V. drei Festangestellte in der Berliner Geschäftsstelle, rund 12 Geflüchtete und vier ehemalige Obdachlose. Der Verein wurde für seine Projekte mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet und freut sich natürlich immer über Spenden. Aber es gibt einen besseren Weg, zu helfen, sagt die Projektmanagerin Dominika Szyszko: „Wir wollen als ein soziales Unternehmen agieren und unser Geld über die Touren einnehmen. Spenden sind schön, aber besser wäre es, die Touren zu buchen. Das ist das, was wir auch so viel wie möglich machen wollen.“

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