Inklusion: So steht es um Menschen mit Handicap in Deutschland

Ein Armutszeugnis für die Bildungspolitik in den jeweiligen Bundesländern, ein Totalversagen der jeweiligen Landespolitik – harte Worte, die der bekannte Inklusionsaktivist Raul Krauthausen in einem Interview mit dem Deutschlandfunk zum Schulsystem in Deutschland in den Mund nimmt. Er ist wütend darüber, dass das Förderschulsystem in Deutschland weiter aufrechterhalten wird, anstatt den Inklusionsgedanken konsequenter zu verfolgen.

Und Inklusion bedeutet nun einmal, dass jedem Menschen – ungeachtet seines Handicaps – das volle Recht auf individuelle Entwicklung und soziale Teilhabe an der Gesellschaft eingeräumt wird. In Bezug auf das Bildungssystem heißt das, dass Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung gemeinsam eine Schule besuchen und zusammen unterrichtet werden. So einfach. Oder?

Darum geht's:


Integration vs. Inklusion

Der Unterschied zur Integration besteht darin, dass Inklusion noch einen Schritt weitergeht. Menschen mit Handicap werden nicht nur in ein vorhandenes System aufgenommen und eingegliedert, sondern die Struktur dieses Systems soll so umgestaltet werden, dass sie jedem Teilhaber gerecht wird.

So steht es zumindest in der 2006 verabschiedeten UN-Behindertenrechtskonvention geschrieben, die 2009 in Deutschland in Kraft getreten ist. Insgesamt sind 176 Länder dem Abkommen beigetreten.

Große Unterschiede bei den einzelnen Bundesländern

Die Umsetzung der UN-Konvention gestaltet sich jedoch als schwierig. Denn in den einzelnen deutschen Bundesländern mangelt es an fachgerechtem Unterrichtsmaterial, ausgefeilten Konzepten, passenden Räumen und vor allem an Personal. Überforderte Lehrer sind das Resultat, aber teilweise auch eine Elternschaft, die nicht richtig auf den Inklusionsgedanken vorbereitet wurde und weiterhin das Sonder- und Förderschulsystem befürwortet. In einer rein inklusiven Schullandschaft würde dieses jedoch abgeschafft werden – genauso wie die Gymnasien.

Zwischen den einzelnen Bundesländern funktioniert Inklusion dann noch einmal unterschiedlich gut:

  • Nach einer Berechnung von Aktion Mensch ist Bremen der Spitzenreiter. 77,1 Prozent aller Schüler mit Förderbedarf besuchen dort eine Regelschule.
  • Die Nordlichter Schleswig-Holstein (63,4 Prozent) und Hamburg (59,6 Prozent) schneiden ebenfalls gut ab und belegen Platz zwei und drei.
  • Die Hauptstadt Berlin folgt auf dem vierten Platz (57,4 Prozent).
  • Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg (beide 29,1 Prozent), Bayern (26,8 Prozent) und Schlusslicht Hessen (23,1 Prozent) sind dagegen weniger vorbildlich.

Insgesamt lernen in Deutschland nur 34,1 Prozent aller Schüler mit Förderbedarf an einer Regelschule. Es besteht also noch gehörig Verbesserungsbedarf.

Wie stehst du zu Inklusion?

Wie du siehst, ist Inklusion in ganz Deutschland ein Thema: Wie soll und kann eine inklusive Gesellschaft aussehen? Und wie erreichen wir das Ziel? Die Inklusionslandkarte zeigt Projekte in ganz Deutschland: Institutionen, Organisationen, Sportverbände. Vielleicht findest du spannende Initiativen in deiner Nähe, für die du dich engagieren möchtest.

Von Grundschulen und Kitas lernen

Erfahrungsgemäß funktioniert die Inklusion in Kitas und Grundschulen besser als in weiterführenden Schulen. In den Kindertagesstätten ist gemeinsames Spielen und Lernen von Jungen und Mädchen mit und ohne Handicap weit verbreitet und in der Regel unproblematisch. Kindern ist es erst mal egal, ob ein Kind eine Behinderung hat oder nicht“, meint Krauthausen im DLF-Interview. Und auch die Zahlen sprechen für sich. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung betrug der Inklusionsanteil in Kitas im Jahr 2015 67 Prozent.

Inklusion: Zwei gehandicapte Kinder spielen an einem Tisch im Kindergarten
In Sachen Inklusion sind Kitas und Grundschulen Vorreiter

Auch in den Grundschulen waren es immerhin noch 46,9 Prozent der förderbedürftigen Kinder, die eine Regelschule besuchten. Der Anteil fällt rapide, wenn es auf die weiterführenden Schulen geht. In der Sekundarstufe besuchen nur noch 29,9 Prozent eine Regelschule.

Auch findet Inklusion häufiger an Haupt- und Gesamtschulen als an Realschulen und Gymnasien statt. Gymnasien sind vom Anspruch von Schülern mit Behinderung auf einen Regelschulplatz bisher ohnehin ausgeschlossen. Es lässt sich nicht abstreiten, dass der individuelle Förderbedarf von Schülern mit Handicap in höheren Klassen größer ist – doch mit den richtigen Maßnahmen wird Inklusion auch hier voranschreiten.

Wie kann Inklusion gelingen?

Es gibt einige Faktoren, die das Gelingen von Inklusion beeinflussen. Diese sind in Deutschland definitiv noch ausbaufähig und müssen gestärkt werden. Dazu zählen unter anderem:

  • Einheitliche Konzepte: Bildung ist in Deutschland Ländersache, sodass jedes Bundesland selbst darüber bestimmen kann. Deshalb fehlen bislang einheitliche Konzepte und gemeinsame Standards. Über eine Lockerung des Kooperationsverbots, welches besagt, dass der Bund keinen Einfluss auf die Schulpolitik der Länder ausüben darf, wird diskutiert.
  • Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften: Die Inklusionskompetenzen
  • und -erfahrungen sind bei vielen Lehrkräften noch unzureichend. Denn nicht in jedem Lehramtsstudium ist das ein Bestandteil.
  • Investitionen: Die Länder müssen weiter in das Inklusionssystem investieren, um den Personalmangel, die Raum- und Finanzausstattung an den Schulen zu decken.
  • Reformen: Die Umorganisation der Schulstrukturen ist notwendig.

Neben diesen ganzen Grundlagen, die der Staat schaffen muss, damit Inklusion gelingt, müssen wir uns an die eigene Nase fassen. Inklusion kann nicht nur vorgegeben werden durch Projekte, Investitionen und ein einheitliches Bildungskonzept. Inklusion muss von jedem Einzelnen gelebt werden. Und das heißt nicht nur Menschen mit Handicap in seinen Alltag aufzunehmen, sondern auch den damit verbundenen Mehraufwand zu akzeptieren.

Willst du zum Beispiel mit einem Rollstuhlfahrer zum Festival fahren, reicht es nicht, ihn nur mitzunehmen. Du musst ihn durch den Schlamm schieben, zum Toilettengang begleiten und wenn du richtig gut in Inklusion bist, sorgst du für eine gute Sicht auf die Bühne. Und zwar, weil du willst, dass dein gehandicapter Kumpel genau so ein tolles Erlebnis hat wie du. Nicht, weil er dir leid tut oder du dich profilieren willst.

Will heißen: Inklusion bedeutet, dass alle mitgenommen werden und im gleichen Maße teilnehmen können, ohne dass sich jemand als Belastung oder Grund für eine Heldentat fühlen muss. In seinem Blog beschreibt Raul Krauthausen genau das. Inklusion funktioniert nur, wenn wir alle an einem Strang ziehen und den Menschen in unserem Gegenüber sehen. Ob wir dabei im Rollstuhl sitzen, wir taub oder blind sind, spielt keine Rolle. Kleiner Tipp: Wenn du regelmäßig über Inklusions- und Innovationsthemen von Raul Krauthausen informiert werden willst, kannst du hier seinen Newsletter abonnieren. Oder schau doch mal auf seinem YouTube-Kanal vorbei:

Netzwerk Inklusion

Du hast Lust bekommen, dich für gelingende Inklusion einzusetzen, bist selber betroffen oder willst dich einfach nur mit anderen über das Thema austauschen? Hier  können sich Menschen miteinander vernetzen und aktiv werden.

Inklusion im Berufsleben

Laut Statistischem Bundesamt leben rund 7,6 Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland (Stand: Ende 2015). Von ihnen waren nach einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit 171.000 Personen arbeitslos, das entspricht einer Quote von 12,4 Prozent. Damit ist die Arbeitslosenquote mehr als doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Handicap. Allerdings betont die Arbeitsagentur auch, dass die Quote von 15,8 Prozent aus dem Jahr 2007 seitdem kontinuierlich gesunken ist.

Rund 310.000 Erwachsene mit Behinderung sind in den Werkstätten der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) beschäftigt, entweder zur beruflichen Bildung oder zur Arbeits- und Berufsförderung.

Inklusion in Deutschland: Junger Mann mit Handicap bedient Kunden an der Bäckertheke
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