Nichts für schwache Nerven: Die Höhlenretterin

Wenn sie gerufen wird, sind Menschen in höchster Not: Fee Gloning arbeitet ehrenamtlich als Höhlenretterin. Situationen, die vielen unheimlich wären, betrachtet sie als Herausforderung für ein Team von Spezialisten. Die zweifache Mutter berichtet uns über die Faszination von Tropfsteinhöhlen, die Stille in der Tiefe und ihrem spektakulärsten Einsatz.

Darum geht’s


Wann kommt die Höhlenrettung zum Einsatz?

„Wir kommen immer dann zu Hilfe, wenn jemand nicht mehr alleine aus einer Höhle herauskommt. Sei es aus gesundheitlichen Gründen, weil er oder sie einen Unfall erlitten hat oder Naturgewalten wie starker Regen ins Spiel kommen“, erklärt Fee Glonig, Leiterin der Malteser Höhlenrettung. Das Einsatzgebiet der Gruppe umfasst die vielen Karsthöhlen auf der Schwäbischen Alb. Eine Welt ohne Licht, mit Temperaturen von 8-10° C bei fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. „Hier kann bereits die Rettung eines Patienten mit einer leichten Verletzung wie etwa einem verstauchten Knöchel ungeahnte Herausforderungen an das Team stellen“, sagt Fee.

Ihr Team hat viele Einsätze in der Falkensteiner Höhle bei Bad Urach, einer aktiven Wasserhöhle, die von der Elsach durchflossen wird. „Dort haben wir zuletzt einen Höhlen-Guide mit seinem Kunden gerettet. Es herrschte extremes Hochwasser, der Rückweg war den beiden Männern versperrt“, erinnert sich Fee, „wir mussten mit Tauchern zu ihnen, es war eine sehr heikle und schwierige Situation, der Rückweg nur durchs Wasser möglich. In einem Crashkurs lernten die Beiden die wichtigsten Regeln, sodass sie am Ende aus der Höhle heraustauchen konnten. Das ist eine beachtliche Leistung – wenn man die Bedingungen bedenkt: die Kälte, die Enge, die schlechte Sicht, die psychische Belastung.“

Wer ist für dieses Ehrenamt geeignet?

„Die Grundvoraussetzung ist, dass man sich selbstständig in einer Höhle bewegen kann – und zwar horizontal und vertikal“, sagt Fee, „das klingt erst einmal so einfach, ist es aber nicht.“ In den Höhlen gilt es braunen, schmierig-flüssigen Lehm, Engstellen, Schächte und Siphone zu überwinden. „Unsere ehrenamtlichen Helfer dürfen nicht unter Klaustrophobie leiden, müssen körperlich wirklich fit sein und natürlich Erste Hilfe leisten können.“ Ideal seien zudem Vorerfahrungen als Höhlenforscher: „Darauf können wir gut aufbauen.“ Ansonsten seien unterschiedlichste, zusätzliche Talente und Qualifikationen im Team gefragt.

Welche speziellen Talente sollte ein Höhlenretter denn mitbringen?

„Wir haben in der Höhle, keinen Funk, wenig Platz und kein Licht. Wie verlegen wir Kabel? Wie kommunizieren wir? Wie bauen wir im Zweifelsfall einen Zugsystem auf, um einen verletzten Menschen zu retten oder wichtiges Material zu ihm zu bringen? Das sind Probleme, mit denen wir unter anderem zu kämpfen haben“, erklärt Fee. Um sie zu lösen, bedarf es einerseits technischer Qualifikationen – andererseits gibt es natürlich häufig medizinische Notfälle. Fee erzählt: „Ein möglichst breit aufgestelltes Team ist ideal – wir haben etwa einen Mechaniker dabei, der vor Ort wirksame Zugsysteme für eine möglichst sanfte Rettung aufbaut. Eine Kollegin ist psychologisch sehr versiert, sie kann Betroffenen besonders gut die Angst nehmen, wenn diese in Panik geraten. Oder unsere medizinischen Fachleute, die teilweise noch unter widrigsten Bedingungen dem Patienten helfen. Aber auch unsere Spezialisten für Engstellenbearbeitung und Taucherinnen und Taucher sind immer wieder mit im Einsatz.

Wie werden die Höhlenretter für den Einsatz geschult?

Für die Malteser Höhlenrettung wurde ein auf die Region Schwäbische Alb abgestimmtes Ausbildungskonzept erstellt, welches nach den Standards des Höhlenrettungsverbundes Deutschland (HRVD) aufgebaut ist. Je nach Vorkenntnissen dauert die Ausbildung bis zu zwei Jahre, umfasst 14 Einheiten und endet mit der Prüfung zum Höhlenretter. Neben den regelmäßigen Gruppentreffen finden ein bis zwei Rettungsübungen im Jahr statt. Vermittelt werden dabei medizinische Grundqualifikationen sowie technische und praktische Inhalte. Trainiert werden unter anderem: Kommunikation in Höhlen, Tragentransport, Wärmeversorgung, Seilbahnbau, Zugsysteme, Wasserhöhlen und Einsatztaktik.

Wie oft kommt es zu echten Einsätzen?

„Es gibt immer wieder Alarmierungen, wenn Menschen sich nach ihrem Höhlenbesuch nicht zurückgemeldet haben“, erklärt Fee, „das passiert bei uns etwa drei bis vier Mal im Jahr und kann zu jeder Tageszeit erfolgen.“ Im vergangenen September etwa kam der Anruf abends gegen 21.30 Uhr – drei Höhlenforscher waren von ihrem Trip nicht zur vereinbarten Zeit zurückgekehrt. Besorgte Angehörige hatten die Höhlenrettung alarmiert. „Wir wissen nie, was genau uns erwartet.“ In diesem Fall ging alles gut aus: Bei Eintreffen der Einsatzkräfte vor Ort kamen die Drei gerade aus der Höhle.

Wie kam Fee zur Höhlenrettung?

„Mein Mann ist Höhlenforscher, ich hatte vorher keine Berührungspunkte, bin aber grundsätzlich sportlich und abenteuerlustig“, sagt Fee. Also begleitete sie ihren Mann und spürte gleich die Faszination der Höhlen. Besonders die Stille in der Höhle beeindruckt sie bis heute immer wieder: „Man kann alles hinter sich lassen, den Alltag, die Hektik, die Zeit. Nehmen wir eine Tropfsteinhöhle, diese weißen Wände sind einfach gigantisch. Wenn man sich dann vor Augen führt, dass ein Zentimeter Tropfstein 100 Jahre braucht, um zu entstehen, werden einem die riesigen Dimensionen klar. In einer Höhle ist das Leben eines Menschen quasi nur ein Wimpernschlag.“ Bei einem Kurs zur Seiltechnik lernte sie andere Höhlenretter kennen, bekam erste Einblicke – und stieg dann mit ein.

Ist der Job für eine Frau eine besondere Herausforderung?

Fee ist die erste weibliche Zugführerin ihrer Gruppe, in ihrem Team sind von 20 aktiven Mitgliedern fünf Frauen. „Das Geschlecht ist zweitrangig, manchmal kann es von Vorteil sein, körperlich kleiner zu sein. Wir sind besondere Leute, mit einem besonderen Hobby, in einem besonderen Einsatz. Darauf kommt es an – auf den Zusammenhalt, die Unterstützung, den Teamgeist. Jeder bringt seine eigenen Stärken mit.“ Das sei es auch, was sie immer wieder an dem Job herausfordere: „Wir sind immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert, müssen uns den Bedingungen vor Ort anpassen und improvisieren – immer mit dem Ziel, die Menschen aus der Höhle herauszubekommen. 

Da ich mich bedingungslos auf das Team verlassen kann, gehe ich optimistisch und ohne Ängste in die Einsätze. Wir verfeinern auch ständig unsere Technik – überlegen etwa, wie wir Sprengungen unter der Erde noch optimieren können. Viele Dinge ergeben sich dennoch immer wieder erst im Einsatz: Da kommt es auf das ganze Team an.“

Was war ihr spektakulärster Einsatz?

„Das war der Hochwassereinsatz in der Falkensteiner Höhle mit dem Führer und seinem Begleiter. Der Einsatz ging Sonntagabend los und dauerte zwei Tage. Die Bedingungen waren sehr schwierig, die Höhle war sehr stark geflutet, es war nervenzehrend und der Ausgang ungewiss. Zwei Höhlenrettungsgruppen waren im Einsatz, es bedurfte absoluter Spezialisten – aber wir hatten sie. Als wir die Menschen gerettet hatten, waren wir wirklich sehr stolz.“

Die Malteser kannst du mit einer Spende unterstützen; zum Beispiel an die Nothilfe in Deutschland. Das Spendenformular für die Malteser in Göppingen findest du hier


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