Mehr als Sprache: Kulturdolmetscher bauen Brücken im Alltag

Einen Arzttermin verstehen, einen Behördenbrief einordnen, ein Gespräch mit der Schule führen: Was für viele selbstverständlich ist, kann für Menschen mit Migrationsgeschichte zur echten Hürde werden – selbst dann, wenn die deutschen Sprachkenntnisse schon ganz gut sind. Der Malteser Hilfsdienst Wolfratshausen begegnet dieser Herausforderung mit einem besonderen ehrenamtlichen Angebot: den Kulturdolmetscherinnen und -dolmetschern.

Darum geht's


Was sind die Kulturdolmetscherinnen und -dolmetscher genau?

Die Idee hinter dem Projekt „Kulturdolmetscher” ist so einfach wie wirkungsvoll: Wer selbst einmal neu in Deutschland war, wer die Sprache, Bürokratie und kulturellen Codes als fremd erlebt hat – der versteht auf eine besondere Weise, was es braucht, um wirklich anzukommen. Genau diese Menschen werden als Kulturdolmetscherinnen und -dolmetscher ausgebildet und vermitteln ehrenamtlich zwischen Hilfesuchenden und Institutionen. Das Projekt ist ein Beispiel dafür, wie gelebte Integration aussehen kann: nicht als einmaliger Akt des Willkommens, sondern als kontinuierliche Brücke, gebaut von Menschen, die beide Welten kennen. Das Projekt im Flächen-Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen basiert auf einer Kooperation der Malteser mit der Caritas und dem Kreisbildungswerk vor Ort.

Seit wann gibt es die Kulturdolmetscherinnen und -dolmetscher?

Das Projekt startete im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen als Gemeinschaftsprojekt des Malteser Hilfsdienstes Wolfratshausen und der Caritas Geretsried. Im Juli 2020 erhielten die ersten Kulturdolmetschenden ihre Teilnahmebestätigungen. Seitdem ist das Netzwerk gewachsen, die Sprachen sind vielfältiger geworden, und die Nachfrage aus Institutionen und von Einzelpersonen steigt. Was als regionales Pilotprojekt begann, ist heute ein verlässliches Angebot – und ein Modell, das zeigt, wie gelebte Integration aussehen kann.

Wie unterstützen die Malteser noch bei der Integration?

Die Malteser haben sich das Thema Integration schon lange groß auf die Fahnen geschrieben: Der Integrationsdienst der Organisation ist bundesweit an über 70 Standorten aktiv und begleitet mit mehr als 2200 Ehrenamtlichen Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte. Das Projekt Kulturdolmetscher fügt sich in diese Arbeit ein: Es macht sich die Erfahrungen derjenigen zunutze, die den Weg schon gegangen sind – und gibt dieser Erfahrung eine Form, von der andere profitieren. Mehr über das Engagement der Malteser für Integration findest du hier.

Wie läuft ein Einsatz ab?

Der Ablauf ist bewusst unkompliziert gehalten. Wer Unterstützung benötigt, stellt ihre oder seine Anfrage mindestens eine Woche vor dem geplanten Termin – entweder online über ein Formular oder per E-Mail an: malteser.wolfratshausen@malteser.org. Die Koordination übernehmen die Malteser: Sie vermitteln eine passende Kulturdolmetscherin oder einen passenden Kulturdolmetscher und stimmen alle relevanten Details im Vorfeld ab. Der Einsatz selbst ist kostenlos – und jeder Auftrag kann freiwillig angenommen oder abgelehnt werden.

In welchen Bereichen helfen Kulturdolmetscherinnen und -dolmetscher?

Überall dort, wo Sprache und Kultur zum Stolperstein werden könnten, vermitteln die Kulturdolmetscherinnen und -dolmetscher. Das reicht von Behörden und Ämtern über Bildungseinrichtungen und Beratungsstellen bis hin zu Arzt- und Klinikgesprächen, sozialen Diensten und Religionsgemeinschaften. Es geht nicht nur darum, Worte zu übersetzen: Kulturdolmetschende erläutern Zusammenhänge, verhindern Missverständnisse und helfen dabei, Gespräche auf Augenhöhe zu führen. Ursula Steiner, die das Projekt Kulturdolmetscher bei den Maltesern Wolfratshausen leitet, erläutert: „Die ‚Kudos‘ unterstützen vom Kindergarten über die Schule, Jobcenter, Arztpraxen bis zum Beerdigungsinstitut. Also in allen Lebenslagen und Altersschichten.“

20 Sprachen vertreten

Aktuell können die Malteser Wolfratshausen Unterstützung in mehr als 20 Sprachen anbieten, darunter zum Beispiel Arabisch, Türkisch, Ukrainisch, Russisch, Farsi, Kurdisch, Rumänisch, Spanisch. Durch die Vernetzung mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Landkreisen kann bei Bedarf auch nach weiteren Sprachen gefragt werden.

Welche Qualifikationen brauchen die Ehrenamtlichen?

Kulturdolmetscher sind keine vereidigten Übersetzerinnen und Übersetzer, aber sie sind ausgebildet, zertifiziert und werden kontinuierlich durch ein professionelles Qualifizierungsprogramm der Malteser begleitet. Voraussetzungen für eine Teilnahme sind eigene Migrationserfahrung, sehr gute Deutschkenntnisse und interkulturelle Sensibilität. Dazu kommt eine klare Haltung: neutral, unparteiisch und verlässlich.

Wie unterstützen die Malteser ihre Kulturdolmetschenden?

Die Malteser qualifizieren ihre Kulturdolmetschenden in einem eigenen Seminar zum „Kulturdolmetscher plus”, das von der Domberg-Akademie, vom Dachauer Forum und der Erzdiözese München und Freising entwickelt wurde. Zudem unterstützen die Malteser durch regelmäßige Weiterbildungen, Supervision, Erfahrungsaustausch in der Gruppe und Besuche bei Auftraggeberinnen und Auftraggebern. Auch eine Erste-Hilfe-Ausbildung ist Teil des Programms und selbstverständlich werden Ausgaben wie Fahrtkosten erstattet. Ursula Steiner von den Maltesern erläutert, warum eine qualifizierte Ausbildung der Kulturdolmetscher so wichtig ist: „In Situationen, in denen unsere Kudos mit ihren Klientinnen und Klienten diskriminierend behandelt werden, ist es gut, dass sie geschult sind und mit einem entsprechenden Selbstbewusstsein reagieren können. Zum Beispiel, wenn sie im Wartezimmer ‚vergessen‘ werden.“

Warum ist der Einsatz so wichtig?

Integration gelingt nicht durch guten Willen allein – sie braucht konkrete Brücken. Gerade in sensiblen Gesprächssituationen, etwa beim Arzt oder vor Gericht, entscheidet das Verstehen über viel mehr als nur den Inhalt schriftlicher oder mündlicher Sprache. Es geht auch um Würde, Selbstbestimmung, und das Gefühl, wirklich gehört zu werden. Um Missverständnisse zu vermeiden, ist es wichtig, kulturelle Hintergründe auf Augenhöhe zu erläutern. Ursula Steiner von den Maltesern betont: „Nach ihren Einsätzen berichten unsere Kulturdolmetscherinnen und -dolmetscher immer wieder, dass es sehr befriedigend ist, wenn sich alle Beteiligten nach einem Gespräch mit einem guten Ergebnis trennen.“

Wie kann ich selbst mitmachen?

Wer eigene Migrationserfahrung mitbringt, Deutsch auf dem Niveau B1/B2 oder besser spricht und zwei bis vier Stunden im Monat Zeit hat, kann Kulturdolmetscherin oder Kulturdolmetscher werden. Das nächste Qualifizierungsseminar ist für Oktober 2026 geplant. Eine unverbindliche Anmeldung zum Informationsgespräch ist jederzeit möglich – über die Projektseite der Malteser Wolfratshausen. Bewerben für ein Seminar sollen sich bitte nur Interessentinnen und Interessenten, die im Anschluss bereit sind, in dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen zu unterstützen.

Wie kann ich die Kulturdolmetscherinnen und -dolmetscher unterstützen?

Das Projekt lebt vom Ehrenamt – und davon, dass Strukturen, Ausbildungen und Begleitung finanziert werden können. Der Malteser Integrationsdienst unterstützt Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte an über 70 Standorten in Deutschland. Wenn du diese Arbeit möglich machen willst, geht das zum Beispiel über eine allgemeine Spende an die Malteser.


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