Tschüss sagen leicht gemacht

Heul doch, es ist okay! Martina Zimmer spricht regelmäßig mit Kindern und Jugendlichen über das Tabuthema Tod. Das Projekt hierzu, der Malteser in Xanten, heißt: „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit“

Darum geht's:


„Zur Beerdigung durfte ich nicht“

Als Martina noch klein war, starb ihr Opa. „Meine Familie hat es mir nicht gesagt, als mein Opa starb. Und zur Beerdigung durfte ich nicht. Das war eine schmerzhafte Erfahrung“.
Aus genau dieser Erfahrung, entstand ihre Motivation, sich besser mit dem Tod auseinanderzusetzen und andere Menschen in ihrer Trauer zu unterstützen. Sie wird erst Krankenschwester und kommt dann zum ambulanten Hospizdienst der Malteser in Xanten.

Heute ist Martina Zimmer Koordinatorin im Hospizdienst am Niederrhein und hat das Projekt "Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit" auf die Beine gestellt. Sie und Ehrenamtliche gehen in Kitas und Schulen und sprechen mit Kindern und Jugendlichen über das Thema Tod.

 „Die Idee zum Projekt hat sich aus meinen Kindern heraus entwickelt“, erzählt Martina, „sie hatten das Thema Tod und Sterben in der Schule. Da dachte ich mir, da könne man doch auch von den Erfahrungen aus dem Hospizdienst in der Schule berichten.“
Was so schön klingt, ist gar nicht so einfach umzusetzen. Es sind die Eltern, die häufig erstmal skeptisch sind, sagt Martina: „Die Eltern der Kindergartenkinder haben erstmal gar keine Lust, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Darum machen wir immer einen Elternabend, bevor wir mit den Kindern arbeiten und noch einen danach. Die Eltern sind dann doch immer begeistert, was die Kinder für Ideen entwickeln. Drei Wochen nach unserem Besuch in einem Kindergarten hat mir eine Mutter erzählt, dass Oma gestorben war. Das Kind hatte gesagt: Ich weiß schon, wie das abläuft, was ein Grab ist und was eine Beerdigung ist. Da war die Mutter sehr erleichtert, dass sie gar nichts mehr erklären musste.“

Das macht der Hospizdienst

Es gibt zwei verschiedene Arten von Hospizdienst: ambulant und stationär. Stationär ist das Hospiz, an das viele als erstes denken. Hier werden Sterbende bis zu ihrem letzten Atemzug betreut. Im ambulanten Hospizdienst besuchst du die Menschen zu Hause. Dabei muss es sich nicht immer um Sterbende handeln. Es werden auch Menschen betreut, die eine schwere Krankheit haben und wieder geheilt werden können. Oder du kümmerst dich um Angehörige, wie zum Beispiel die Geschwister von kranken Kindern. Die werden leider immer ein kleines bisschen vernachlässigt. Du kannst mit ihnen zum Beispiel als Ehrenamtliche oder Ehrenamtlicher etwas unternehmen. Alle Infos zum Ehrenamt in der Hospizarbeit bei den Maltesern findest du hier.

Reden und Basteln

Je nachdem wie alt die Kinder sind, gehen Martina und die Ehrenamtlichen anders an das Thema Tod heran. Aber bei allen Altersstufen geht es immer darum, über Gefühle zu sprechen. „Mit den ganz kleinen Kindern sprechen wir über Freundschaft und Abschiede, zum Beispiel weil der beste Freund wegzieht. Es geht darum, Gefühle wahrzunehmen – wo merke ich, wenn jemand traurig ist? Dann malen wir einen Körper auf und die Kinder malen, wo im Körper sie die Trauer spüren. Der eine malt einen Knoten im Hals, die andere einen Stich ins Herz.“ Außerdem gibt es für die Kinder einen Trostkoffer mit Taschentüchern, Seifenblasen und einem Sorgenfresser-Püppchen.

In der Grundschule wird auch über die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod gesprochen. Für Martina ist diese Frage jedes Mal wieder spannend: „Da arbeiten wir auch kreativ. Die Kinder sollen darstellen, wie sie sich das Leben nach dem Tod vorstellen. Am Ende schauen wir uns wie bei einem Museumsrundgang die Bilder an“.
In den weiterführenden Schulen geht es ganz direkt um Leben und Sterben. „Hier haben die Ehrenamtlichen eine ganz wichtige Funktion“, sagt Martina. „Sie erzählen von ihrer Arbeit als Hospizhilfe. Die Geschichten animieren die Jugendlichen, Fragen zu stellen oder selbst zu berichten. Die Lehrer sind manchmal erstaunt, wie viele Erfahrungen ihre Schüler schon mit dem Thema Tod gemacht haben.“

Der Tod soll kein Tabuthema sein

Und was sagt Martina denjenigen, die nichts davon halten, mit Kindern über den Tod zu sprechen? „Die Sorge ist oft unbegründet“, sagt sie, „weil Kinder sich für ganz viel interessieren. Häufig denken Eltern, sie müssten ihre Kinder vor dem Leid schützen, aber das ist nicht richtig. Wir müssen unsere Kinder krisenfest machen.“

Natürlich fließen auch mal Tränen und es kommt vor, dass ein Kind oder ein Jugendlicher aus dem Raum läuft. „Darum gehen wir auch immer zu zweit in die Klassen. Wenn jemand raus läuft, soll die beste Freundin oder der beste Freund mitgehen. Oder der oder die Ehrenamtliche geht mit“, erklärt Martina. Denn es ist okay, zu weinen oder von Gefühlen überwältigt zu werden. Und es ist wichtig zu verstehen, dass man niemandem den Schmerz nehmen kann. In der Hauptschule hatte Martina einen ihrer schönsten Momente: „Da hat ein Junge gesagt: Hätte meine Mutter all das hier schon früher gewusst, dann hätte sie es leichter gehabt, als meine Oma gestorben ist. Das fand ich von der Formulierung her toll. Er hat gesagt: leichter machen. Er hat es begriffen!“

So kannst du mithelfen 

Ansprechpartner für verschiedene Orte in ganz Deutschland findest du auf der Webseite. Wenn du dich für das Projekt Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit engagieren möchtest, musst du allerdings schon Erfahrungen im Hospizdienst gesammelt haben. Wenn das noch nicht der Fall ist, dann kannst du in diesem Bereich ein Ehrenamt übernehmen. Nähere Informationen zum Thema Hospizarbeit findest du zum Beispiel hier.
Ansonsten solltest du allgemein für das Projekt neugierig sein und gerne mit Menschen arbeiten. Und eine Sache ist auch noch wichtig, sagt Martina: „Mut haben, dass man nicht auf alle Fragen eine Antwort hat. Wir wollen ja immer alles erklären, aber das können wir nicht immer.“

Keine Zeit? Du kannst trotzdem helfen! Unterstütze die Hospizarbeit mit deiner Spende.


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