Einsatz zwischen Trümmern und Leid: Malteser in Beirut

Die Explosion war von unvorstellbarer Wucht, tötete fast 200 Menschen, verletzte mehr als 6.000 und hinterließ eine Trümmerlandschaft im Umkreis von fünf Kilometern um den Hafen. 300.000 Bewohner wurden obdachlos. Die Katastrophe von Beirut sorgte weltweit für Schlagzeilen und löste international eine große Welle der Hilfsbereitschaft aus. Felicitas von Campenhausen (26) ist derzeit als ehrenamtliche Helferin direkt vor Ort und leitet das Lebensmittel-Hilfsprogramm der Jugend der lokalen Assoziation des Malteserordens im Libanon. Uns berichtet sie von ihren Erfahrungen.

Darum geht’s


Mit Nothilfe-Experten aus Deutschland unterstützt Malteser International die lokalen Kräfte im Libanon, um die medizinische Versorgung und die Logistik für Medikamente, Lebensmittel und Hygieneartikel zu verbessern. Zwei sogenannte „mobile Gesundheitsstationen“ (zwei als Behandlungsräume genutzte Klinikbusse mit medizinischem Personal und Gerät) wurden kurzfristig aus anderen Regionen des Libanons in die Hauptstadt verlegt, um den verletzten und kranken Menschen helfen zu können. Neben der medizinischen Hilfe im Medical Health Center in Beirut, in zwei nahegelegenen Gesundheitsstationen und den mobilen Kliniken, helfen rund 300 Freiwillige der Malteser im Libanon, Schutt und Scherben wegzuräumen und einzelne Räume wieder nutzbar zu machen. Eine von ihnen ist Felicitas von Campenhausen.

Was sind deine Aufgaben der Malteser in Beirut?

Wir von der libanesischen Malteser Jugend verteilen jeden Tag Lebensmittel und Hygieneprodukte in den betroffenen Vierteln. Außerdem haben wir ein mobiles Einsatzteam, um diejenigen versorgen zu können, die nicht in der Lage sind, ihre Häuser zu verlassen, also etwa ältere Menschen oder Verletzte und Kranke. Dazu kommt, dass viele hier in Beirut ihre Häuser derzeit ungerne verlassen, auch wenn diese beschädigt oder zerstört sind. Ich kann das gut verstehen. Denn es herrscht Angst vor Dieben oder Plünderern und die Bewohnerinnen und Bewohner, die oft seit Generationen in den Häusern wohnen, wollen ihr verbliebenes Hab und Gut und ihre Erinnerungen nicht verlieren.

Wie helft ihr den Menschen konkret?

Wir verteilen Wasser, Sandwiches, warme Mahlzeiten und Snacks. Ein Highlight ist natürlich Popcorn für die Kinder, das oft auch auf die Gesichter von Erwachsenen ein Lächeln zaubert. Das Popcorn machen wir morgens in großen Mengen in der Wohnung eines Freundes, der ebenfalls für die Malteser arbeitet. Wir füllen es dann in kleine Tüten ab, die die Kinder absolut lieben. Außerdem verteilen wir Toilettenpapier, Windeln, Zahnpasta, Seife und Shampoo. Die Nachfrage nach solchen Produkten ist sehr hoch, auch weil die Inflation die Preise hier so hochgetrieben hat.

Bereits seit Sommer 2014 leistet Malteser International in Zusammenarbeit mit den libanesischen Maltesern humanitäre Hilfe. Gemeinsam betreiben sie mehrere mobile Gesundheitsstationen für syrische Flüchtlinge, die in ärmeren Regionen des Landes Zuflucht gefunden haben, sowie für mittellose Libanesen. Zudem unterstützen die Malteser Gesundheitszentren im ganzen Land mit Medikamenten und medizinischer Ausstattung und verteilen Hilfsgüter an syrische Flüchtlinge und bedürftige Libanesen, um deren Grundversorgung zu verbessern. Ein besonderes Augenmerk der Malteser galt bereits vor der Explosion der Eindämmung von Corona-Infektionen.

Wie sieht dein Alltag aus?

Ich leite das Lebensmittel-Hilfsprogramm gemeinsam mit Joy Saade und wir teilen die damit verbundenen Aufgaben. Unser Tag beginnt damit, gespendete Lebensmittel einzusammeln. Danach bauen wir den Stand auf, koordinieren die Einsätze der Freiwilligen für den Tag und achten darauf, dass jeder eine Maske trägt und die Abstandsregeln eingehalten werden. Die Sicherheit der Freiwilligen hat oberste Priorität. Dazu gehört auch das Verbot, Häuser zu betreten, die vom Einsturz gefährdet sind.

Wir kaufen von Spendengeldern Lebensmittel und Hygieneprodukte im Supermarkt und organisieren dann deren Verteilung, verschicken Informationen an die Freiwilligen für den nächsten Tag. Dabei ist das Essensprogramm nur ein Teil der Aktivitäten der Malteser Jugend in Beirut. Es gibt ein Renovierungsteam, das in die Häuser geht, beim Aufräumen und Reinigen hilft und die Renovierung vorbereitet. Ein anderes Team in dem Dorf Chabrouh stellt Notunterkünfte für Menschen zur Verfügung, die kein Dach mehr über dem Kopf haben. Dazu gehört neben der Unterbringung auch ein Unterhaltungsprogramm für Kinder und psychologische Unterstützung. Außerdem haben die Malteser mobile medizinische Einrichtungen, die in Notfällen helfen können.

Angesichts eurer Erfahrungen: Ist es schwer, optimistisch in die Zukunft des Libanon zu schauen?

Am Donnerstag haben wir weiße Blumen verteilt, als Botschaft und Zeichen der Hoffnung, dass Beiruts Schönheit erhalten wird und die Stadt wieder blühen wird. Ich denke, das ist die zentrale Botschaft, die wir vermitteln möchten. Die Malteser und die vielen anderen Hilfsorganisationen tun ihr Bestes, um die Situation zu verbessern und den Menschen hier Hoffnung zu geben. Was mir Mut macht, ist die Solidarität der Libanesen. Leute aus dem ganzen Land kamen nach der Explosion nach Beirut und helfen gemeinsam, die betroffenen Viertel aufzuräumen. Es gibt viele Hilfsangebote für Bedürftige, so haben etwa Hotels kostenlos Zimmer für Menschen zur Verfügung gestellt, die ihre Häuser oder Wohnungen verloren haben.

Zur Person: Felicitas von Campenhausen (26) lebt im Libanon und ist seit Jahren für die Sommercamps des libanesischen Malteserordens als Freiwillige aktiv. Momentan ist sie ehrenamtlich als Teamleiterin für das Lebensmittel-Hilfsprogramm der libanesischen Malteser Jugend in Beirut im Einsatz. Außerdem hat sie eine Festanstellung bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Libanon.

Was hat dich bei deiner Arbeit in Beirut besonders berührt? Was geht dir nicht mehr aus dem Kopf? 

Unsere Arbeit hängt vollständig von Spenden ab und von dem freiwilligen Engagement der Helferinnen und Helfer. Es macht mich wirklich glücklich, wenn ich sehe, mit welchem Enthusiasmus die insgesamt 300 Ehrenamtlichen sich hier in verschiedenen Teams in Beirut in der libanesischen Malteser Jugend engagieren und denen helfen, die von der furchtbaren Explosion betroffen sind. Jeder einzelne Freiwillige hier gibt sein Bestes, und das erleichtert unsere Arbeit ungemein.

Die Malteser Jugend in Beirut ist hervorragend organisiert und hat es geschafft, schnell Strukturen zu schaffen, die effiziente Hilfe ermöglichen. Das hat mich genauso beeindruckt wie das Engagement jedes und jeder Freiwilligen, die ich getroffen habe.

Gibt es etwas, das du dir von Ländern wie Deutschland oder Organisationen wie der UN wünschst?

Ja, ich würde mir wünschen, dass die internationale Gemeinschaft den Libanon auch über die jetzigen Soforthilfen hinaus unterstützt. Die Stadt wiederaufzubauen, ist eine gewaltige Aufgabe, die einen langen Atem erfordert. Und wenn man bedenkt, dass die wirtschaftliche Lage des Landes auch vor der Explosion schon schwierig war, wird ersichtlich, wie sehr die Menschen hier auf Hilfe angewiesen sind.

So kannst du helfen

Um das Leid der Menschen in Beirut zu lindern und die Arbeit der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer vor Ort zu unterstützen, sind die Malteser dringend auf Spenden angewiesen. Die lebensrettende Arbeit im Libanon kann mit einmaligen oder auch monatlichen Spenden unterstützt werden. Das geht ganz einfach online über ein Spendenformular.

Der Libanon befindet sich in einer schweren Wirtschaftskrise und gehört weltweit zu den am höchsten verschuldeten Staaten. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut. Offiziellen Angaben zufolge liegt die Arbeitslosigkeit bei 35 Prozent. Durch die Corona-Pandemie hat sich die wirtschaftliche Situation weiter verschlechtert. Der Hafen, über den die meisten Güter ins Land kamen, wurde komplett zerstört. Zu den Verletzungen und Verbrennungen durch die Explosion, kommen zudem auch Patienten mit langwierigen Erkrankungen. Besonders die Bedürftigen trifft die multiple Krise schwer. Sie haben derzeit besonders schlechte Chancen, in den Krankenhäusern behandelt zu werden. Covid-19-Patienten und von der Detonation unmittelbar Betroffene werden zuerst behandelt.


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