Erwachsen werden in der Fremde: Unterstützung für junge Flüchtlinge

Die Pubertät – eine ganz schön fiese und auch sehr verrückte Phase. Wir wollen ganz schnell erwachsen werden und dann merken wir: das ist gar nicht so leicht. So geht es auch zwölf Jugendlichen aus dem hessischen Ort Lauterbach. Allerdings unterscheidet sich ihre Geschichte von der vieler anderer Jugendlicher. Sie sind aus ihrer Heimat geflüchtet und leben nun ohne ihre Eltern in der Jugendhilfeeinrichtung Haus am Kirschberg. Thomas Rudolph ist Teamleiter und Betreuer in der Wohngruppe der umAs, das ist die Abkürzung für unbegleitete minderjährige Ausländer. Er und sein Team begleiten sie beim Erwachsenwerden und verhelfen ihnen zu einem selbstständigen Leben mit Ausbildung, Job und neuen Freunden.

Darum geht's:


Das ist das Haus am Kirschberg

Malerisch, zwischen Wäldern und Feldern im hessischen Lauterbach liegt die Jugendhilfeeinrichtung. Sie gehört zum Träger Hilfe für das verlassene KIND e.V. und ist auf verschiedene Standorte in Hessen verteilt. Im Haus am Kirschberg gibt es unter anderem eine Mutter-Kind-Gruppe, eine Mädchen-Gruppe und verschiedene ambulante und therapeutische Angebote für Kinder und Jugendliche mit sozialen und psychischen Herausforderungen. Das Ziel ist es, für all die jungen Bewohner und Nutzer der Einrichtung eine gute Lebensperspektive zu schaffen. Dafür sorgen festangestellte und ehrenamtliche Mitarbeiter. Jeder muss eine pädagogische Ausbildung haben, um dort arbeiten zu können. Es sind Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Erzieher, Lehrer oder Erziehungswissenschaftler.

Als 2015 sehr viele Flüchtlinge aus den Nahen Osten nach Deutschland kamen, hat das Haus am Kirschberg auf die Situation reagiert und die Wohngruppe für umAs gegründet. Ein halbes Jahr später kam Thomas Rudolph dazu. Er erzählt uns von seiner Arbeit mit den Jugendlichen.

Portraitfoto Thomas Rudolph
Sozialpädagoge Thomas Rudolph leitet die Wohngruppe umA im Haus am Kirschberg. © Haus am Kirschberg

Das Zusammenleben in der Wohngruppe der umAs

Zwölf Syrische und afghanische Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren leben unter einem Dach. Das mag für viele nach einem stressigen Betreuungsjob klingen. Immerhin haben die Jungs einiges hinter sich, leben in einem fremden Land mit fremder Sprache und Kultur. Wer Thomas Rudolph zuhört, erkennt schnell: das sind Vorurteile. „Als ich 2016 hier anfing zu arbeiten, habe ich mich gleich nach den ersten Tagen wohl gefühlt. Die Jugendlichen haben mich so herzlich empfangen. Mir wurde die Tür aufgehalten und Kaffee angeboten. Alle waren sehr höflich, sehr zuvorkommend und offen. Sie haben viel gefragt und viel von sich erzählt. Da war mich klar: hier kann ich gut arbeiten.”

Unbegleitete Minderjährige, die in Deutschland leben möchten:

Die Zahl der Asylanträge von umAs wird von Jahr zu Jahr weniger. Während es 2016 noch über 35.000 waren, haben im vergangenen Jahr etwas über 9.000 minderjährige Ausländer einen Asylantrag in Deutschland gestellt. Gleich geblieben ist, dass hauptsächlich männliche Jugendliche zwischen 16 und 17 Jahren vorwiegend aus Afghanistan und Somalia zu uns kommen.

 

 

Eine Perspektive bekommen

Zwölf syrische und afghanische Jugendliche gehören zu der Wohngruppe umA. Vier von ihnen leben schon eigenständig in einer WG in Lauterbach. Sie sind fast volljährig. Die Jüngeren wohnen direkt im Haus am Kirschberg und werden 24 Stunden betreut. Die meisten Flüchtlinge, die ohne Familie nach Deutschland kommen, sind männlich. Darum wohnen auch nur Jungs in der Gruppe. Thomas und sein Team sind zu acht. Sie versuchen den Jungs ein geregeltes Leben zu ermöglichen mit regelmäßigen Mahlzeiten, Schule, Hausaufgaben und einem Gefühl von Sicherheit. Es klingt wie ein normales Teenager-Leben, das ist es aber nur fast. Grundsätzlich sieht Thomas keinen Unterschied in der Entwicklung von deutschen und ausländischen Jugendlichen: „Die Entwicklungsphasen sind immer die gleichen, egal woher sie kommen. Aber die Erfahrungen sind natürlich andere. Darum kommt in unserer Gruppe auch noch die psycho-soziale Arbeit dazu. Die Jugendlichen bringen viel mit, was besprochen werden muss.“ Da sind Fingerspitzengefühl und Geduld gefragt. Besonders der Papierkram erfordert viel Geduld, denn alles muss dokumentiert werden für den Vormund, das Jugendamt oder die Ausländerbehörde. Die Asylverfahren kosten am meisten Nerven, vor allem, wenn ein Antrag von den Behörden abgelehnt wird. „Das macht sich bei den Jugendlichen und ihrer Entwicklung natürlich bemerkbar. Sie wissen nicht, wie es weitergeht, haben Angst, dass sie vielleicht wieder zurück müssen. Das belastet auch unsere Arbeit.“ Trotzdem hat Thomas den Sinn seiner Arbeit noch nie in Frage gestellt, denn es gibt viel mehr gute Geschichten zu erzählen.

Hausansicht Haus am Kirschberg
Das Haus am Kirschberg. © Haus am Kirschberg

Mit leuchtenden Augen wird von Mamas Essen erzählt

Als Thomas ein halbes Jahr nach Gründung der Wohngruppe im Haus am Kirschberg mit seiner Arbeit anfing, sprachen alle Jugendlichen schon deutsch. Sie haben sehr schnell und viel in der Schule und in der Nachhilfe gelernt. Ihr Ehrgeiz ist das, was Thomas unter anderem motiviert.


Es ist schön, zu sehen, wenn jemand nach einer schweren Zeit so eine stimmige Perspektive für sich verwirklicht.

Thomas Rudolph


Dazu kommen viele kleine Dinge, die seine Arbeit bereichern: „Mit den Jugendlichen mal wieder zu lachen, nach den schwierigen Phasen. Und wenn sie miteinander feiern, fröhlich sind und sich auch an die guten Sachen aus ihrer Heimat erinnern. Das motiviert mich.“ Thomas hört gerne zu, wenn die Jungs mit leuchtenden Augen erzählen, wie die Mama gekocht hat, wie sie früher Feste gefeiert haben, wie der Fisch geschmeckt hat und wie das Meer aussah.

Rücksicht ist ein großes Thema in der Gruppe und das geht nicht nur von Thomas und seinem Team aus. Die jungen Bewohner achten immer darauf, was gut für die Gruppe ist. „Ist es nicht gut für die Gruppe, wird es nicht gemacht“. Von teenagerhaften Egoismus keine Spur.

Zwei junge Köche in der Küche
Die Jugendlichen sollen bald auf eigenen Beinen stehen mit einer Ausbildung, mit Freunden und einem eigenen Netzwerk.

Ziel: ein eigenes Leben führen

Sobald die Jugendlichen auf die Volljährigkeit zugehen, beginnt die sogenannte Verselbstständigung. Die Betreuer kommen nur noch ab und zu vorbei und achten darauf, dass die Jungs ihrer Wege gehen. Irgendwann reißt der Kontakt zu den Betreuern ab. Was so hart klingt, ist gewollt, erklärt Thomas: „Das ist ja das Ziel. Die Jugendlichen sollen ohne uns klarkommen, ein eigenständiges Leben führen, in Vereine gehen, sich Freunde suchen.“ Manchmal hört Thomas doch noch etwas von seinen ehemaligen Schützlingen. Ein junger Syrer bereitet sich auf sein Studium der Informatikwissenschaften vor, ein anderer ehemaliger Bewohner hat in Lauterbach eine Lehre zum Koch angefangen. In einer Kleinstadt bekommt man eben mit, was die anderen so machen.

Unterstütze andere beim Erwachsen werden

Es gibt viele Möglichkeiten, wie du Kindern und Jugendlichen auf ihrem Weg in ein entspanntes Leben unterstützen kannst. Zum Beispiel kannst du direkt vor Ort helfen im Haus am Kirschberg. Es gibt freie Jobs und Praktika. Wenn du nicht in der Nähe wohnst, freut sich der Verein Hilfe für das verlassene KIND e.V. auch über deine Spende.

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