Arbeit mit Perspektive: Die Tischlerei der Malteser
Ein Handwerk erlernen, das Selbstvertrauen stärken und dabei neue Perspektiven entwickeln: Die Lehr- und Trainingstischlerei der Malteser in Hamm unterstützt Jugendliche und junge Erwachsene mit psychischen Erkrankungen auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt. Das Besondere dabei: Die Einrichtung verbindet praxisnahe Arbeitsbedingungen mit einer intensiven pädagogischen Begleitung.
Darum geht's
- Wie sieht der Start in den Tag in der Tischlerei aus?
- Wer arbeitet in der Tischlerei?
- Wie werden Anforderungen an die Situationen der Jugendlichen angepasst?
- Was ist das Besondere an einer Lehr- und Trainingstischlerei?
- Was gehört zu den Aufgaben in der Tischlerei?
- Was lernen die jungen Menschen noch in der Tischlerei?
- Wieso sind handwerkliche Berufe besonders geeignet?
- Wie werden die Jugendlichen begleitet?
- Welche Perspektiven entstehen nach der Zeit in der Tischlerei?
Wie sieht der Start in den Tag in der Tischlerei aus?
Es ist 7.00 Uhr und die lichtdurchflutete Arbeitshalle in Hamm füllt sich langsam. Kolleginnen und Kollegen stempeln ihre Karten, tauschen sich über ihre Dienstpläne aus, ziehen sich um und bereiten die Maschinen für den Arbeitstag vor. Andere Mitarbeitende sind für den Außeneinsatz eingeteilt: Die Fahrzeuge müssen beladen werden. Je nachdem, ob es zu einer Kundin oder einem Kunden vor Ort oder einer mehrtägigen Montagetour geht, werden Checklisten überprüft: Ist alles an Bord, was benötigt wird? Dann kann es losgehen! In der Halle werden derweil Maschinen gestartet. Inzwischen herrscht reger Betrieb, eine Kreissäge läuft, erste Sägespäne fliegen durch die Luft.
Wer arbeitet in der Tischlerei?
Das Arbeitsumfeld ist hier auch eine Art Mittel zum Zweck: Die Lehr- und Trainingstischlerei der Malteser ist nicht nur ein handwerklicher Betrieb, sondern zugleich eine Einrichtung zur beruflichen Integration. Alle zwölf jungen Menschen zwischen 15 und 26 Jahren, die hier arbeiten und begleitet werden, haben mit schwierigen sozialen Lebenslagen oder psychischen Problemen zu kämpfen, seien es Depressionen oder etwa Suchtprobleme. Viele von ihnen leben in Wohngruppen der Malteser und benötigen Unterstützung, um wieder eine geregelte Tagesstruktur aufzubauen oder erste Erfahrungen in einem beruflichen Umfeld zu sammeln. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht die Einschränkungen, sondern die vorhandenen Fähigkeiten und Potenziale. Die Arbeit orientiert sich an den individuellen Ressourcen und Talenten.
Wie werden Anforderungen an die Situationen der Jugendlichen angepasst?
Wer die Werkstatt betritt, merkt schnell: Hier wird gearbeitet wie in einem normalen Handwerksbetrieb – und doch gelten andere Regeln. Inzwischen ist es 10 Uhr, da kommt ein junger Mann, hebt die Hand zum Gruß: „Morgen!“ Für ihn fängt die Schicht jetzt erst an. Denn in dieser Tischlerei wird jede und jeder individuell behandelt und das gilt nicht nur für die Arbeitszeiten. Die Anforderungen orientieren sich an den Möglichkeiten der jungen Menschen. Ziel ist es, sie schrittweise an eine Tagesstruktur zu gewöhnen, Fähigkeiten aufzubauen und an eine Ausbildung und einen Beruf heranzuführen. Je nach Fähigkeiten und Bedürfnissen werden die Arbeitsbedingungen angepasst. So lassen sich Über- und Unterforderungen vermeiden. Die Fachkräfte, die die jungen Menschen in der Tischlerei begleiten, kennen die unterschiedlichen Krankheitsbilder und deren Auswirkungen. Dadurch können Herausforderungen im Arbeitsalltag angemessen eingeordnet und die Jugendlichen gezielt unterstützt werden. So beginnt der eine vielleicht zunächst mit drei Stunden täglich, ein anderer hat dafür 30 Minuten länger Pause als der Rest. Alles wird in dieser voll funktionsfähigen Werkstatt individuell angepasst, in der „nichts für die Tonne produziert wird“, wie Leiter Benjamin Schönleben betont. Eine Übersicht der hergestellten Produkte könnt ihr euch auch hier anschauen.
Was ist das Besondere an einer Lehr- und Trainingstischlerei?
Die Arbeit orientiert sich an realen Anforderungen der Arbeitswelt. Gleichzeitig ist Benjamin wichtig, dass die Werkstatt auch ein Schutzraum für die Jugendlichen ist. „Wir gehen hier sehr achtsam und vorsichtig miteinander um.“ Neben der Vermittlung handwerklicher Fähigkeiten stehen die persönliche Entwicklung, die psychische Stabilisierung und die berufliche Orientierung im Mittelpunkt. Fünf Tischlerinnen und Tischler sowie ein Pädagoge unterstützen die Jugendlichen. Und das geht weit über den Arbeitsalltag hinaus: Wie sage ich bei einem Kunden, dass ich auf die Toilette muss? Wie komme ich zur Berufsschule? Was kann ich im Baumarkt für Material kaufen? Was muss ich bei einer mehrtägigen Montage einpacken? Wie verhalte ich mich im Hotel? Die Betreuerinnen und Betreuer begleiten auch bei alltäglichen Fragen.
Welche Angebote gibt es für die Jugendlichen?
In den vergangenen 20 Jahren haben hunderte junge Männer und Frauen in der Tischlerei der Malteser gearbeitet. Dabei haben sie unterschiedliche Angebote genutzt – wie etwa:
- Aktivierungsmaßnahmen: Junge Menschen erlernen und trainieren eine Tagesstruktur. Diese ist die Grundlage für weiterführende berufsorientierende Maßnahmen.
- Berufsorientierende Angebote: Die jungen Frauen und Männer lernen Arbeitsbereiche kennen underproben berufliche Interessen.
- Ausbildungsvorbereitende Maßnahmen dienen dazu, die individuelle Leistungsfähigkeit weiterzuentwickeln und auf eine spätere Ausbildung vorzubereiten.
- Ausbildung: Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, eine Ausbildung zum Tischler oder zur Tischlerin oder zur Fachpraktikerin beziehungsweise zum Fachpraktiker für Holzverarbeitung zu absolvieren.
Was gehört zu den Aufgaben in der Tischlerei?
Zum Arbeitsalltag gehört es beispielsweise, gemeinsam Aufträge zu planen, Werkzeuge vorzubereiten, Material zu organisieren oder Kundentermine vorzubereiten und durchzuführen und natürlich auch Möbel, wie Schränke, Tische oder Betten zu bauen. „Wir unterstützen eine möglichst selbstständige Arbeitsweise“, sagt Benjamin. Aber: „Zu Beginn steht bei uns meist gar nicht das Handwerk im Vordergrund, es ist eher ein Tool, das wir nutzen, um den Jugendlichen zu helfen.“
Was lernen die jungen Menschen noch in der Tischlerei?
Während der Arbeit in der Tischlerei geht es längst nicht nur um Holz, Maschinen und Werkzeuge. Die Jugendlichen lernen auch vieles, was sie später im Alltag und Berufsleben brauchen, wie zum Beispiel:
- einen geregelten Tagesablauf einzuhalten und pünktlich zu kommen,
- sich zu überwinden, fremde Menschen anzusprechen,
- Konflikte anzusprechen und zu lösen,
- praktische Erfahrungen unter realistischen Bedingungen zu sammeln,
- etwa abzusagen, wenn es nicht anders geht.
Wieso sind handwerkliche Berufe besonders geeignet?
„Wir arbeiten so normal wie möglich“, sagt Benjamin, „die Jugendlichen werden in all unsere Projekte und Aufträge eingebunden.“ So geht es etwa auf Montage, es werden Möbel für externe Kundinnen und Kunden gebaut oder Dekoartikel erstellt, die im hauseigenen Shop oder auf Märkten verkauft werden. „Die Jugendlichen erleben unmittelbar, dass ihre Arbeit einen Sinn hat und dass durch ihre Hände etwas Wertvolles entsteht. Das stärkt das Selbstwertgefühl und vermittelt Erfolgserlebnisse.“ Gerade die Erfahrung, dass ihre Arbeit gebraucht, geschätzt und von Kundinnen und Kunden bezahlt wird, sei für viele Jugendliche besonders wertvoll.
Handwerkliche Arbeiten fördern zahlreiche Fähigkeiten, die auch für das spätere Berufsleben wichtig sind. Dazu gehören Konzentration, Durchhaltevermögen, Teamarbeit, Pünktlichkeit und Verantwortungsbewusstsein. Darüber hinaus werden motorische Fähigkeiten trainiert und feste Arbeitsabläufe eingeübt. Dazu gehört auch, dass Arbeit nicht immer Kreativität und Abwechslung bedeutet. An manchen Tagen ist Fleißarbeit gefragt. Wer macht schon gerne 25 Kerzenständer? Aber es geht auch darum, Routine auszuhalten, konzentriert zu bleiben und einen Auftrag sauber zu Ende zu bringen. Wer 25 Kerzenständer fertigt, lernt nicht nur handwerkliche Techniken, sondern auch Durchhaltevermögen und Verlässlichkeit – Fähigkeiten, die in jedem Beruf gefragt sind.
Wie werden die Jugendlichen begleitet?
Einmal in der Woche gibt es ein Teammeeting, worin sich die Fachkräfte sowie Pädagoginnen und Pädagogen austauschen s: Wer entwickelt sich wie? Wo stehen die Einzelnen? Wer braucht noch mehr Hilfe? Wer ist vielleicht überfordert? Danach werden die Aufgaben neu verteilt. Benjamin möchte jungen Betroffenen sagen: „Habt keine Angst. Bei uns gibt es kein Schema F. Wir schauen auf das, was ihr an Interessen und Fähigkeiten mitbringt.“ Wichtig sei nur, dass sie die Bereitschaft hätten, an sich selbst zu arbeiten: „Es gibt so viele tolle Projekte und Perspektiven, so viele Hilfsangebote – man muss sie nur für sich annehmen und nutzen.“
Welche Perspektiven entstehen nach der Zeit in der Tischlerei?
Die meisten Jugendlichen arbeiten vier bis sechs Stunden täglich. Was für viele selbstverständlich klingt, ist für manche von ihnen ein wichtiger Schritt: morgens aufzustehen, pünktlich zu erscheinen und einen Arbeitstag zuverlässig zu bewältigen. Das schafft die Grundlage für Schule, Ausbildung oder Beruf. Einige von ihnen machen parallel einen Schulabschluss, andere absolvieren hier ihre Ausbildung und können danach durchstarten. „Wir konnten vielen Jugendlichen den Weg ebnen“, sagt Benjamin. „Wir haben kaum Abbrüche und eine hohe Quote von erfolgreichen Abschlüssen.“ Doch das wichtigste Ziel sei es, jungen Menschen Vertrauen zu schenken, ihnen den Raum zu bieten und zu zeigen, dass Entwicklung möglich ist: „Das ist Hilfe am Menschen und für mich sinnstiftend.“
Lehr- und Trainingseinrichtungen als Teil der Malteser Werke
Die Lehr- und Trainingseinrichtung in Hamm ist neben der stationären Jugendhilfe, der ambulanten Familienhilfe, der offenen Jugendarbeit und der Suchthilfe Teil der Abteilung Jugend und Soziales der Malteser Werke. Die Werke begleiten Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die Unterstützung, Orientierung und neue Perspektiven brauchen. Inzwischen sorgen Mitarbeitende in über 50 Einrichtungen deutschlandweit dafür, dass betroffenen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen Räume für Stabilität, Entwicklung und Teilhabe gegeben werden.