Trauer und KI: Was können digitale Hilfsangebote leisten?

Mit dem Projekt „Via. Trauer neu denken.“ bieten die Malteser bereits seit mehr als fünf Jahren eine moderne Form der Trauerbegleitung: digital, rund um die Uhr erreichbar und trotzdem menschlich und einfühlsam. Neben dieser speziellen Online-Beratung durch qualifizierte Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleiter rückt auch Künstliche Intelligenz (KI) bei der Trauerbegleitung zunehmend in den Blick. Doch welche Chancen eröffnen digitale Hilfsangebote für Trauernde – und wo liegen ihre Grenzen?

Darum geht's


Der Umgang mit Trauer wird zunehmend digital

Digitale Technologien bestimmen mehr und mehr unseren Alltag – und das kann sich auch auf den Umgang mit Trauer auswirken. Neben klassischen Ritualen gewinnen digitale Angebote an Bedeutung, zunehmend auch Anwendungen basierend auf Künstlicher Intelligenz. Sie ermöglichen beispielsweise Gespräche mit Chatbots, setzen Fotos neu zusammen oder lassen Verstorbene als digitale Avatare oder in Videos scheinbar wieder lebendig werden. Solche Anwendungen können Erinnerungen bewahren, Trost spenden oder dabei helfen, Gefühle auszudrücken.

Warum suchen Trauernde Hilfe und Trost bei Künstlicher Intelligenz?

„Menschen in Trauer sind oft so sehr in Not, dass sie vieles ausprobieren. Dann entscheiden sie nach und nach, was für sie passt und welche Angebote ihnen helfen “, sagt Conny Kehrbaum, Referentin für Trauerbegleitung bei „Via. Trauer neu denken.“, einer Online-Beratung der Malteser für Trauernde. Ihr Kollege Kian Bank ergänzt: „Anwendungen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz sind leicht verfügbar und rund um die Uhr zu erreichen." Dahinter steht das menschliche Bedürfnis nach Nähe und Trost. Zudem reagiere Künstliche Intelligenz im direkten Austausch auch nicht kritisch, sondern durchweg positiv und ermutigend und könne so durchaus dazu beitragen, Phasen der Einsamkeit zu überbrücken, ordnet er die Rolle von KI im Bereich der Trauerarbeit weiter ein.

Online-Trauerbegleitung

Der Verlust eines nahestehenden Menschen kann zu Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und Verzweiflung führen. Hilfreich ist es, dass Betroffene unkompliziert und niedrigschwellig Unterstützung finden. Hier setzt das Malteser-Projekt „Via. Trauer neu denken.“ an. Es bietet umfassende Informationen rund um das Thema Trauer sowie eine schriftbasierte Online-Beratung an. Nach der Registrierung können Betroffene ihre Gedanken und Gefühle per Mail auf der geschützten Plattform teilen. Eine erste Antwort erfolgt innerhalb von 48 Stunden durch eine qualifizierte ehrenamtliche Trauerbegleiterin oder einen qualifizierten Trauerbegleiter.

Wird KI in der Trauerbegleitung der Zukunft eine Rolle spielen?

„Ja“, sagt Kian. Der Koordinator der Online-Beratung „Via. Trauer neu denken“ ist sich sicher: „Trauerbegleitung wird zunehmend hybrider.“ Künstliche Intelligenz als Form der digitalen Trauerbegleitung werde sich mehr etablieren und eine dauerhafte Option sein. Aber gerade deshalb, betont Conny, sei es wichtig, dass es auch andere Angebote wie beispielsweise „Via. Trauer neu denken.“ gibt. Das digitale Angebot dient als Brücke zwischen Ratsuchenden und Beratenden. „Auch wir haben den Vorteil, permanent erreichbar und nutzbar zu sein“, sagt sie, „wir garantieren, dass wir uns innerhalb von 48 Stunden bei der oder dem Trauernden zurückmelden und wir haben ein Werteversprechen, das wir einhalten.“ Dazu gehöre, dass eine Online-Trauerberaterin oder ein Online-Trauerberater die Mail liest und beantwortet – empathisch und kompetent.

Wäre es denkbar, dass KI bei „Via. Trauer neu denken.“ eingesetzt wird?

„Derzeit nicht“, sagt Conny. „Das liegt schon an den Datenschutzbestimmungen, die wir sehr ernst nehmen.“ Immerhin wenden sich Trauernde mit sehr persönlichen und intimen Gedanken, Sorgen und Ängsten an die Online-Beratung: Deshalb müssten sich die Trauerberaterinnen und -berater sogar verpflichten, keine KI zur Beantwortung der Mails zu nutzen. „Die Mails, die wir erhalten, behandeln teils sehr sensible Themen, die offen ausgesprochen werden. Da gehört es auch einmal dazu, dass man mit einer Antwort ringt“, sind sich beide einig. Ein zu geschliffener, standardisierter Text sei da eher abschreckend. Zudem neige Künstliche Intelligenz dazu, lösungsorientiert zu reagieren: „Doch wir verstehen Trauer nicht als Problem, das es zu lösen gilt, sondern als einen wertvollen Anpassungsprozess, bei dem wir unterstützen können.“

Was sind Grenzen von KI in der Trauerbegleitung?

„Natürlich könnte eine Interaktion mit Künstlicher Intelligenz auch Trost spenden“, sagt Conny. „Aber manchen Ratsuchenden ist es wichtig, dass da tatsächlich ein Mensch sitzt, der sich Zeit nimmt und versucht, mich und meine individuelle Situation zu verstehen.“ KI dagegen hat kein echtes Verständnis menschlicher Bedürfnisse, sie basiert auf Algorithmen und auf Inhalten, mit denen sie trainiert und programmiert wurde.

Inwieweit hilft es, dass „Via. Trauer neu denken.“ eine reine Online-Beratung ist?

„Die Online-Plattform bietet Nähe, gleichzeitig aber auch eine Distanz, die es den Trauernden erleichtert, offen zu sein“, erklärt Experte Kian. Seine Kollegin Conny hat beobachtet: „Der geschützte, personalisierte Raum gibt Platz für sehr persönliche, intime Momente. Das ist auch für uns faszinierend. Immerhin sehen uns die Ratsuchenden nicht und kennen uns nicht persönlich.“ Doch anonym falle es Menschen oft leichter, über Sorgen und Ängste zu schreiben. Einsamkeit sei da immer wieder ein Thema, genau wie Verlustängste, aber auch Schuldgefühle. Vielleicht, weil man den Rettungswagen nicht früh genug gerufen oder einen drohenden Herzinfarkt nicht erkannt hat.

Wie wichtig ist Empathie bei der Trauerbegleitung?

„Einfühlungsvermögen, Wertschätzung und Offenheit sind Grundhaltungen der Trauerbegleitung, ohne die geht es nicht“, ist sich Conny sicher. „Das fördern und stärken wir in unseren Trauerqualifizierungen, in speziellen Seminaren, Schulungen und den Praxis-Reflexionen.“ Häufig ginge es auch um die Frage, inwieweit die Trauer noch normal sei. Aus dem Umfeld gibt es vielleicht entsprechende Signale, dass es wieder Zeit wird, zur Normalität zurückzukehren – doch wir nehmen Trauernde so an, wie sie sind, und bestärken sie, ihren individuellen Weg in ihrem persönlichen Tempo zu gehen“, so Conny, „uns ist wichtig, Raum zu bieten, für die Auseinandersetzung mit dem Verlust und wieder in die Selbstwirksamkeit zurückzufinden.“

Wie lange dauert die Trauerbegleitung?

„Das ist sehr unterschiedlich“, sagt Kian. „Wir können nur ein Stück des Weges mitgehen. Unser Ziel ist es, Trauernde dabei zu unterstützen, den Verlust in ihr eigenes Leben zu integrieren und mit der veränderten Lebenssituation umzugehen.“ „Via. Trauer neu denken.“ ist für Betroffene kostenlos nutzbar - das Projekt ist rein spendenbasiert. KI-Systeme dagegen sind möglicherweise darauf ausgelegt, Nutzerinnen und Nutzer langfristig zu binden und verfolgen zum Teil wirtschaftliche Interessen und sind dann mit Kosten verbunden. Die beiden sind sich einig: „Es ist wichtig, dass trauernde Menschen die Unterstützung finden, die sie benötigen und die ihnen hilft. Ihre Bedürfnisse sind unterschiedlich und individuell. Unseres Erachtens kann KI punktuell unterstützend sein, aber persönliche Trauerbegleitung, ob digital oder analog, nicht ersetzen.“


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