Familienhospizdienst: Was im Angesicht des Todes wirklich wichtig ist

Wenn ein geliebtes Familienmitglied stirbt, ist das eine extreme Belastung für alle. Vor allem Kinder und Jugendliche brauchen in dieser Situation Unterstützung – Dario Mendes vom Kinder- und Familienhospizdienst der Malteser in Berlin begleitet sie durch diese schwere Zeit. Er hört ihnen zu, hilft ihnen, Abschied zu nehmen und steht ihnen während der Trauerzeit bei. Seit Anfang des Jahres ist der 21-jährige Jurastudent für den Hospizdienst in Berlin im Einsatz.  

Darum geht’s


Was genau macht der Kinder- und Familienhospizdienst?

„Der Kinder und Familienhospizdienst der Malteser ist ein ambulanter Dienst. Wir begleiten Familien, in denen ein Mitglied schwer erkrankt ist“, erklärt Dario. „Ich als Ehrenamtlicher kümmere mich vor allem um Kinder, deren Geschwister oder Eltern todkrank sind. Die hauptamtlichen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen beraten die Eltern oder begleiten die Betroffenen selbst.“ Der Einsatz der Helferinnen und Helfer geht dabei über den Tod der Erkrankten hinaus – auch im Anschluss unterstützen sie die Familien bei der Trauerarbeit und sind weiter für sie da. „Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist es natürlich wichtig, dass sie nach so einem gravierenden Verlust wie dem eines Elternteils oder von Geschwistern nicht noch weitere Bezugspersonen verlieren.“

Warum ist der Familienhospizdienst so wichtig?

Das eigene Kind leiden zu sehen, dem Partner nicht helfen zu können oder zu wissen, dass der eigene Bruder oder die eigene Schwester stirbt: Der nahende Tod eines Familienmitglieds bringt Angehörige an den Rand der Belastbarkeit. Alles andere erscheint plötzlich nebensächlich, die Betroffenen durchleben ein Wechselbad der Gefühle: Sie sind mal hoffnungslos, mal vorsichtig optimistisch, traurig, aber auch wütend, ängstlich und fühlen sich häufig wie gelähmt. „Gerade Kinder haben es schwer, mit dieser extremen Belastung umzugehen. Manche Eltern sprechen offen mit ihnen und erklären ihnen, was los ist. Andere verschweigen es, um sie zu schonen. Doch alle Kinder merken, dass zu Hause etwas Schlimmes passiert, spüren die bedrückte Stimmung, das Leid.“ 

An dieser Stelle kommt der Familienhospizdienst zum Einsatz – gerade, weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Außenstehende und nicht persönlich von der Trauer der Familie betroffen sind, gelingt es ihnen besser, einen unverkrampften Kontakt herzustellen.

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Wie genau sieht die Hilfe aus?

„In der Regel besuche ich die Familie einmal in der Woche an einem bestimmten Tag“, sagt Dario. Sein letzter Einsatz war ungewöhnlich, weil er in dem Fall das sterbende Kind selbst betreut hat – einen 19-Jährigen, der an einem Hirntumor erkrankt war. „Ich habe ihn vier Monate begleitet. Als ich ihn das erste Mal traf, war der Tumor schon weit fortgeschritten, er lebte aber bis zu seinem Tod zu Hause in seiner Familie. Wir trafen uns meist zum Frühstück, danach unterhielten wir uns. Er hat mir sehr viel aus seiner Schulzeit erzählt, was er so erlebt hat, was ihm wichtig war. Um die Krankheit ging es dabei fast nie. Gerade Kinder und Jugendliche, die mit dem Tod konfrontiert sind, brauchen eben auch diese Auszeiten, in denen sich nicht alles um das Leid und die Trauer dreht, in denen sie einfach einmal wieder normal sein können, auch unbeschwert und vielleicht auch mal albern. Sie dürfen Spaß haben, ohne dass sie damit andere verletzen. Im Beisammensein mit Angehörigen und Freunden ist der nahende Tod meist doch allgegenwärtig.“ 

Auch mit der Familie des jungen Mannes führte Dario lange Gespräche – „sie wollten aussprechen, was ihnen auf der Seele brannte, es loslassen“. Für die Familien ist der Familienhospizdienst auch deshalb so wertvoll, weil sie für eine bestimmte Zeit die Verantwortung für ihre Kinder abgeben können und sie gleichzeitig in den besten Händen wissen. 

Wie kam Dario zum Hospizdienst?

„Als Jurastudent arbeite ich in einer Kanzlei mit, dort erzählte mir eine Kollegin von dem Hospizdienst. Das sprach mich sofort an. Ich hatte das Bedürfnis, mich sozial zu engagieren, die Arbeit erschien mir sinnvoll und ich kann gut mit Kindern umgehen – für mich passte es einfach.“ Dario ist seit knapp einem Jahr beim Hospizdienst, nachdem er im Vorfeld einen einwöchigen Vorbereitungskurs absolviert hat.

Gerade beim Familienhospizdienst sei es von Vorteil, dass die ehrenamtlichen Helfer selbst noch nicht so alt sind: „Die meisten von uns sind zwischen 20 und 26 Jahren, das macht es gerade auch den zu begleitenden Kindern und Jugendlichen leichter, sich auf uns einzulassen.“

Wie empfindet er sein Engagement?

„Die Familien wachsen mir wirklich ans Herz und ich spüre, wie wichtig mein Einsatz für sie ist. Für mich sind es nur ein oder zwei Stunden in der Woche, die ich investiere – für die Familien bedeutet die Zeit so viel mehr“, sagt Dario, „ich weiß, dass ich in dieser Zeit etwas Sinnvolles mache, etwas Gutes. Das bedeutet mir viel. Und das hilft mir darüber hinweg, dass ich weiß, dass ein Gegenüber stirbt. Zusammen haben wir eine gute Zeit, das ist entscheidend.“ Um dem Erlebten gewachsen zu sein, spricht er auch während eines Einsatzes wöchentlich mit einer Koordinatorin vom Hospizdienst: „Das hilft mir sehr.“

Wie geht es für Dario weiter?

„Als nächstes werde ich ein Kind betreuen, einen Jungen etwa zwölf Jahre alt, dessen Vater an einem Hirntumor erkrankt ist“, erzählt Dario. Er freue sich auf die Familie, auf das erste Kennenlernen: „Ich wünsche mir, dass ich dem Jungen ab und zu Zeitfenster ermöglichen kann, in denen er die Krankheit auch mal vergessen kann.“ Denn Kinder kommen oft zu kurz, wenn in ihrer Familie jemand stirbt.“

Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung des Berliner Senats erstellt.


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