Rassismus im Alltag: „Ich musste erst lernen darüber zu sprechen.“

Rechte Hetze? #Unteilbar: Denn #Wirsindmehr. Dennoch stolpert man auch 2018 ständig über Alltagsrassismus. Oft sind es die scheinbar kleinen Dinge, wie etwa die ganz unbedarft daherkommende Frage nach der eigentlichen Herkunft, die zeigen, wie tief unsere Gesellschaft noch immer vom Rassismus strukturiert ist. Wir haben mit David über das Thema gesprochen. Er ist Student in Hamburg und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Meistens nicht ganz freiwillig. Er hat uns erklärt, was du tun kannst, um im Alltag sensibler gegenüber Rassismus zu werden.

Darum geht's:


Kannst du dich daran erinnern, als du das erste Mal wegen deiner Hautfarbe anders behandelt wurdest?

David: Bevor ich antworte, würde ich gerne anmerken, dass diese Frage bereits auf eine rassistische Struktur schließen lässt.

Wie meinst du das?

David: Es passiert häufig, dass die Seite, die nicht von Rassismus betroffen ist, denkt, sofort sehr persönlich werden zu können. Es ähnelt dem Phänomen, dass Menschen mit Afrohaaren häufig in die Haare gefasst wird. Andersherum beziehungsweise unter Weißen wäre das undenkbar. Aber gegenüber Schwarzen scheint das irgendwie legitim zu sein.

Ich kann mich jedoch gar nicht mehr genau daran erinnern. Das ist aber ebenfalls symptomatisch: Vielen Schwarzen Menschen in Deutschland fehlt eine Sprachfähigkeit für Rassismus. Zwar werden Situationen als unangenehm wahrgenommen, jedoch nicht als explizit rassistisch bezeichnet. Ich musste auch erst lernen über Rassismus zu sprechen.

Aber dass ich bestimmte Situationen, als ich jung war, nicht als rassistisch entlarven konnte, heißt nicht, dass sie mich nicht verletzt haben. Gerade wenn es um das N-Wort geht, dann habe ich darauf schon immer unglaublich empfindlich reagiert. Und außerdem glaube ich, dass ich viele Situationen auch verdrängt habe.

Portraitbild von David
Werden wir Rassismus irgendwann loswerden? © Lilly Zumholte

Weiße Menschen können jeden Tag aufwachen und sich entscheiden, ob sie sich mit Rassismus auseinandersetzen wollen. Ich kann das nicht.

David, Student aus Hamburg


Wie übel nimmst du es jemandem, wenn er sich dir gegenüber ungewollt rassistisch verhält. Also Dinge fragt wie: Wo kommst du eigentlich her?

David: Gute Frage, da es bei Rassismus meistens um etwas Unabsichtliches geht. Es gibt den Rassismus von Rechtsaußen, der ganz explizit und ganz bewusst ist. Und weil dieser so sehr im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, wird der Rassismus in der Mitte der Gesellschaft oft verdeckt. Genau das macht auch eine Diskussion um Rassismus in Deutschland so schwierig, weil alle sofort an Hitler oder die Nazi-Zeit denken.

Ich bin darüber eher traurig als wütend. Und wenn ich Wut empfinde, dann richtet sich diese eher gegen das rassistische System, in dem wir nach wie vor leben. Das Beispiel in der Frage zeigt schließlich, dass Schwarz sein automatisch außerhalb der deutschen Nation verortet wird. Anscheinend muss man weiß sein, um Deutscher zu sein. Das ist natürlich großer Unsinn. Schließlich sind viele Millionen Menschen, die den deutschen Pass besitzen, nicht weiß.

Weitere Infos

Wer noch mehr zum Thema wissen will, hier einige von Davids Tipps:

  • Buch: Exit Racism von Tupoka Ogette
  • Film: Das Fest des Huhns von Walter Wippersberg
  • Doku: Afro.Deutschland

Hast du noch mehr Tipps, wie man gegenüber alltäglichem Rassismus sensibler werden kann?

David: Nicht von Rassismus betroffene Personen müssen lernen zuzuhören. Kommentare wie: „Das war doch gar nicht rassistisch gemeint“, sollte man sich überlegen. Darum geht’s erst mal gar nicht. Man sollte sich bewusst sein, dass es in einem Reden über Rassismus im Kern um privilegiert und unterprivilegiert sein geht. Bitte nicht falsch verstehen: Das bedeutet nicht, dass alle Schwarzen Menschen automatisch unterprivilegiert sind und alle weißen privilegiert. Auch eine weiße Person kann zum Beispiel aufgrund ihrer sozialen Herkunft unterprivilegiert sein. Das würde ich der Person niemals absprechen wollen. Aber in erster Linie profitieren weiße Personen von rassistischen Strukturen. Das sollte man sich für einen sensibleren Umgang mit Rassismus unbedingt merken.

O.K., festgehalten: Den Betroffenen zuhören, die eigene Meinung stärker zurücknehmen, sich mit seinem privilegierten Status beschäftigen, noch mehr?

David: Es macht Sinn, sich damit zu beschäftigen, was eigentlich die Norm ist. Deutlich wird das etwa an dem Stift mit der Farbbezeichnung „Hautfarbe“. Jeder weiß, welcher Stift damit gemeint ist. Aber dieser Stift schließt viele Menschen aus. Oder auch indem man Schwarze Menschen „Farbige“ nennt, drückt man letztlich aus, dass die Norm der Hautfarbe weiß ist. Ich meine: Schwarze Menschen sind am Ende genauso farbig wie weiße Menschen. Es gibt so viele unterschiedliche Farbnuancen, bei weißen wie nicht weißen Menschen, dass die Bezeichnung „farbig“ einfach absurd erscheint.

Ähnlich unsinnig wie „maximalpigmentiert“ oder?

David: Ja, absolut! Maximalpigmentiert ist kein politisch korrekter Begriff, um Schwarze Menschen zu bezeichnen. Umgekehrt funktioniert das schließlich auch nicht. Weiße Menschen müssten dann ja minimalpigmentiert sein. Generell gilt: Falls du dir bei einem Begriff oder einer Situation im Alltag unsicher bist, dreh den Spieß einfach mal um und frag dich dann, ob es immer noch funktioniert. Bei der Debatte um die politisch korrekte Benennung geht es letztlich immer um die Frage der Selbst- oder Fremdzuschreibung.

Und Schwarz als Bezeichnung ist korrekt, da es eine Selbstbezeichnung ist, richtig?

David: Ganz genau: „Schwarz“ ist eine politische Selbstbezeichnung und ist eng mit der Afrikanischen Diaspora verknüpft. Bei dem Begriff Schwarz geht es um die gemeinsame Erfahrung, von Rassismus negativ betroffen zu sein. Deshalb wird der Begriff auch in der Abgrenzung zu der Farbe großgeschrieben. Also: Auch sehr „helle“ Menschen, können Schwarz als Selbstbezeichnung für sich nutzen, Schwarz markiert eine Erfahrung und keine Hautfarbe.

Und wer sich noch tiefgehender mit dem Thema beschäftigen will?

David: Um die gesamte Problematik zu verstehen, muss man sich zwangsläufig mit dem Kolonialismus beschäftigen. Menschen aus dem globalen Süden wurden versklavt. Dafür brauchte es in einem aufgeklärten Europa eine Legitimation. Schließlich war es mit dem Selbstbildnis des aufgeklärten humanistischen Europas nicht vereinbar, Menschen wie Tiere zu behandeln und auszubeuten. Mit der Aufklärung, die ja die Kategorisierung quasi erfunden hat, kam dann die systematische Einteilung in Rassen. Ein Konzept, welches es so vorher gar nicht gab. Der Konstruktionscharakter des Ganzen zeigt sich sehr gut daran, dass die Einteilung der Rassen mal zwischen 4 und mal 64 Rassen schwankte.

Schaufenster eines Kolonialwarenladens
Kolonial-Romantik pur: Im Kolonialwarenladen in der Hamburger Innenstadt ist die Zeit stehen geblieben. © Lilly Zumholte

Gibt es heute noch sichtbare Verbindungen zwischen Rassismus und Kolonialismus?

David: Der Kolonialismus hat zum einen viele rassistische Bilder produziert, die bis heute nachwirken. Und es gibt nach wie vor viele koloniale Verstrickungen, die zum Beispiel in einer Stadt wie Hamburg direkt vor Ort sichtbar sind: Straßennamen, Denkmäler, große Gebäude mit Prestige wie das Chile- oder Afrikahaus strotzen nur so vor Kolonial-Romantik. Viele Orte hier beziehen sich nach wie vor auf den Kolonialismus. Oft ist das problematisch, da dies ohne eine ausreichende Kontextualisierung passiert. Die koloniale Aufarbeitung in Deutschland hat noch nicht mal richtig angefangen. Sie ist für ein Reden über Rassismus aber unabdingbar.

David auf den Stufen vom Eingang des Afrikahauses
Das Afrikahaus erinnert noch heute an Hamburgs Zeit als Kolonialmetropole.
© Lilly Zumholte

Über David

David studiert soziale Arbeit im Rauhen Haus in Hamburg und setzt sich seit mehreren Jahren intensiv mit dem Thema Rassismus auseinander. Durch ausdauerndes Selbststudium, Seminare, Workshops und als Mitorganisator von Konferenzen hat sich der 26-Jährige ein fundiertes Wissen angeeignet, das er gerne mit anderen teilt.

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