Wie funktionieren Notunterkünfte in Deutschland?

Sie bieten Platz für mehrere Hundert Menschen – und sind meist in wenigen Tagen bezugsfertig. Doch was ist eigentlich nötig, um eine Notunterkunft aufzubauen? Worauf achten die Helferinnen und Helfer? Und wie reagieren die Schutzsuchenden, die dort für mehrere Stunden oder Tage bleiben?

Darum geht's:


Wie und wo entstehen Notunterkünfte?

„In der Regel hat die Feuerwehr vor Ort die Lage für die Kommune im Blick“, erklärt Michael Bleckmann, stellvertretender Zugführer der Malteser in Wuppertal, „je nach Infrastruktur gibt es fest vorgesehene Standorte, an denen schnell Unterkünfte errichtet werden können – wenn etwa plötzlich ein Gebiet evakuiert werden soll, beispielsweise bei einer Bombenentschärfung oder Naturkatastrophe, oder Geflüchtete untergebracht werden müssen. In unserem Fall, also in Elberfeld, war das eine Sporthalle einer alten Grundschule.“ Ideal seien gerade für spontan errichtete Notunterkünfte Räumlichkeiten, die eine gewisse Infrastruktur bieten – vor allem sanitäre Anlagen: „Hilfreich ist es auch, wenn es einen großen Parkplatz gibt, auf dem wir alternativ beziehungsweise zusätzlich Toiletten- und Duschwagen aufbauen können.“

Wie schnell kann eine Notunterkunft errichtet werden?

„In unserem Fall ging es sehr schnell“, erzählt Michael Bleckmann und betont die gute Zusammenarbeit der regionalen Hilfsorganisationen. „Wir haben für solche Fälle eine gemeinsame Arbeitsgruppe – und wussten natürlich anhand der Nachrichtenlage wegen des Krieges in der Ukraine, dass im Zweifelsfall kurzfristig Unterkünfte geschaffen werden müssen. An einem Montagmorgen erhielten wir die erste Info des Krisenstabes, dass etwa 50 Geflüchtete am Haus der Integration in Wuppertal angekommen sind. Mittags ging dann der offizielle Alarm der Feuerwehr an die Hilfsorganisationen raus – und abends standen die Betten.“

Unterstützung durch den Katastrophenschutz

Bei Unglücken und besonderen Ereignissen wie zum Beispiel einem Hochwasser kommt häufig der Katastrophenschutz zum Einsatz. Auch bei Krisen wie dem Ukraine-Krieg wird der Katastrophen- beziehungsweise Bevölkerungsschutz unter anderem für sanitätsdienstliche oder betreuungsdienstliche Aufgaben gebraucht. Neben der guten Zusammenarbeit mit den Behörden sind dabei der Einsatz und die Organisation der haupt- und ehrenamtlichen Hilfskräfte für den Schutz der Bevölkerung wichtig.

Wie wird der Aufbau organisiert?

„In solchen Situationen ziehen wir alle an einem Strang“, betont Michael Bleckmann, „das geht nur mit Teamwork.“ Die Feuerwehr habe die Aufgaben delegiert. „Dann ging alles ganz schnell. Das Technische Hilfswerk (THW) hat einen Boden und Trennwände für mehr Privatsphäre eingezogen. Wir Malteser haben den Bettenaufbau und die Verpflegung in dem bestehenden Gebäude übernommen.“ Innerhalb eines Tages stellten die Helferinnen und Helfer 300 Feldbetten mit Bettzeug und Matratzen auf und nahmen eine Feldküche mit vier Kesseln in Betrieb. „Schon am ersten Tag haben wir 385 warme Mahlzeiten ausgegeben.“ Vor der Halle wurden zudem provisorische Zelte, Toilettenwagen- und Duschen aufgebaut, in der Halle eine Ausgabestelle für Kleidung und Hygieneartikel.

Wie kommen die Geflüchteten in die Unterkünfte?

„In Deutschland wurden drei Drehkreuze eingerichtet (in Hannover, Berlin und Görlitz), an denen die Geflüchteten aus der Ukraine in Empfang genommen werden. Hier halten sie sich meist nur wenige Stunden auf – und reisen dann mit bereitstehenden Bussen in die Unterkünfte weiter“, erklärt Marc Lippe, Bezirksgeschäftsführer der Malteser in der Region Neckar-Alb. Die Malteser betreiben in den Messehallen in Stuttgart eine Notunterkunft, in der insgesamt 1.000 Menschen unterkommen können. „Wir bekommen täglich Meldung, wie viele Personen wir erwarten können. Das schwankt teilweise sehr, mal sind es sechs Busse, mal zehn, oft haben wir an einem Tag etwa 500 neue Geflüchtete aufgenommen.“ Wenn die Busse bei uns eintreffen, sind wir alle im Einsatz – die Menschen melden sich an und werden registriert, die Betten verteilt, Welcome-Pakete ausgegeben: „Wir alle versuchen, den Geflüchteten das Ankommen so angenehm wie möglich zu machen.“

Woraus bestehen die Räumlichkeiten?

Die Messehalle 9 haben die Malteser aufgeteilt – es gibt einen Wohn- und Verpflegungsbereich und einen großen Sozialbereich mit einer 200 Quadratmeter großen Spielfläche für die Kinder und Jugendlichen (mit Fußballfeld, Tischtennisplatten, Federballspielen).

Wie lange bleiben die Geflüchteten in der Regel?

„Meist bleiben die Geflüchteten nur wenige Tage bei uns. Wir sind die erste Station, an der sie zur Ruhe kommen, dann orientieren sie sich langsam weiter“, sagt Marc Lippe. Auch zu emotionalen Reaktionen käme es häufig: „Die psychosoziale Notfallversorgung wird dafür eingebunden, aber es ist ja noch eine sehr frühe Phase, in der sich die Geflüchteten befinden. Manche sind einfach froh, in Sicherheit zu sein, andere sind verzweifelt, weil sie ihre Lieben zurücklassen müssen, wieder andere sind durch die Erfahrungen traumatisiert. Wir stellen fest, dass sich die Geflüchteten selbst untereinander sehr gut durch diese schwierigen ersten Tage helfen.“. Wie lange eine Notunterkunft bestehen bleibt, hängt übrigens stark davon ab, wofür sie errichtet worden ist. Notunterkünfte für Bombenentschärfungen werden meist nur wenige Stunden benötigt, Notunterkünfte für Naturkatastrophen wie ein Hochwasser für mehrere Tage und Unterkünfte für Geflüchtete für mehrere Wochen oder sogar Monate. Das kommt ganz auf die Krise oder das Ereignis an, wofür sie benötigt werden.

Wie ist der Tagesablauf in der Einrichtung?

„Wir sind rund um die Uhr im Einsatz, insgesamt arbeiten 30 Malteser in der Einrichtung“, sagt Marc Lippe, „morgens um 7 Uhr startet die erste Schicht mit der Essensausgabe, dem Frühstück. Ab 8 Uhr ist auch der Sanitätsdienst anwesend, das Büro besetzt und die Alltagshelferinnen und Alltagshelfer vor Ort. Um 9 Uhr kommen die Dolmetscherinnen und Dolmetscher dazu und die Kinderbetreuung startet. Bei einer Gesamtbesprechung werden dringende Fragen geklärt: Was brauchen wir, wie ist die aktuelle Lage, wann kommen neue Geflüchtete an? Einmal am Tag veranstalten wir ein Gesamttreffen, bei dem ukrainisch gesprochen wird. Da wird zum Beispiel über aktuelle Entwicklungen geredet, das nehmen die Geflüchteten sehr dankbar an.”

Welche Erfahrungen machen die Helferinnen und Helfer der Malteser?

„Als die ankommenden Geflüchteten sahen, dass sie bei uns Hilfe bekommen, waren sie so dankbar“, sagt Michael Bleckmann, „selbst langjährige Helferinnen und Helfer hatten Tränen in den Augen nach diesem Einsatz.“ Und Marc Lippe ergänzt: „Wir sind rund um die Uhr im Einsatz, das ist natürlich sehr belastend. Aber es gibt auch so viele schöne Momente. Wir nehmen die Geflüchteten freudig auf – und bekommen dafür so viel Dankbarkeit zurück. Manchmal kommen die Geflüchteten nachts an, völlig übermüdet, hungrig, mit kleinen Kindern. Die Kinder, zwei oder drei Jahre alt, weinen dann. Wenn ich sie am nächsten Tag unbeschwert in der Spielecke sehe, dann weiß ich: Wir haben alles richtig gemacht.“


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