Fakten statt Stimmungslage

Malteser Migrationsbericht 2017

Migration und Flucht sind keine neuen Phänomene dieser Zeit. Unterschiedliche Menschen kamen und kommen auch heute nach Deutschland, aus unterschiedlichen Motiven und mit unterschiedlichen Aussichten. Besonders an der aktuellen Diskussion ist, dass die Themen Migration, Flucht und Integration von Zuwanderern im öffentlichen Diskurs besonders emotionsgeladen sind.

Emotion im Kontext von Migration und Flucht in Form von Mitgefühl für fremde Menschen kann Motivationsfaktor für persönliches Engagement sein; in Form von Sorge und Angst aber eben Ausgangspunkt für Ressentiments und Abwehr werden.

Der Malteser Migrationsbericht möchte dem interessierten Leser Fakten und Quellen zugänglich machen.

Geschichte Deutschlands als Einwanderungsland

Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund

17,1 Mio. Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Das entspricht 21 Prozent der gesamten Bevölkerung.

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Diese Tatsache hat sich nicht aus politischen Vorgaben der jüngeren Geschichte ergeben, sondern ist bereits seit Jahrhunderten fester Bestandteil der Bevölkerungsentwicklung dieses Landes. Dabei sind die Beispiele für Zuwanderung nach Deutschland ebenso zahlreich wie unterschiedlich – von der Immigration der französischen Hugenotten, die im 17. Jahrhundert vor religiöser Verfolgung flohen, über die Arbeitsimmigration vor allem aus Süd- und Osteuropa während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert bis zur Zuwanderung der sogenannten Gastarbeiter während des Wirtschaftswunders.

Ende der 1980er-Jahre und nach dem Mauerfall kam es zu einer weiteren Episode der Zuwanderung nach Deutschland, die vor allem durch Asylbewerber aus Ost- und Südosteuropa gekennzeichnet war. Diese flüchteten in großen Zahlen aus den Krisengebieten des Jugoslawienkrieges. In der Zeit danach sanken die Zuwanderungszahlen nach Deutschland aufgrund eines verschärften Asylrechts und erreichten im Jahr 2008 einen Tiefstand. Im Rahmen des EU-Freizügigkeitsabkommens stiegen die Zuwanderungszahlen seither wieder an. Dieser Trend wird seit dem Jahr 2014 durch die Fluchtmigration aus den Krisengebieten in Syrien und dem Irak verstärkt. Insgesamt sind seit Beginn der systematischen Erfassung der Wanderungszahlen im Jahr 1950 im Saldo deutlich mehr Menschen nach Deutschland zugezogen als ausgewandert.

Deutschland musste also mit mehreren Einwanderungswellen unterschiedlichen Charakters umgehen. Alleine im Jahr 2015 sind mehr als 2,1 Millionen Menschen zugezogen. Dies ist der höchste Wert seit der Gründung der Bundesrepublik. Damit lebten in diesem Jahr mehr als 17,1 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Dies entspricht rund 21 Prozent der Gesamtbevölkerung Zur Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund zählen alle Personen mit eigener Migrationserfahrung sowie deren direkte Nachfahren.

Grundwerte in einer multikulturellen Gesellschaft

Unser grundgesetzbasiertes Wertesystem (insbesondere in Entfaltung von universaler Menschenwürde in Art. 1 GG) verpflichtet zur Hilfe bei Migration, zumal bei Suche um Asyl von Migranten aus unsicheren Drittländern. Dies gehört zum ethischen Markenkern unserer Verfassung.

Migration ist kein neues Phänomen. Dennoch stehen wir aktuell vor besonderen Herausforderungen. Insbesondere gilt es zu unterscheiden, welche Gruppen von Menschen zu uns kommen: Politische Flüchtlinge, die um Asyl bitten, bilden eine große Gruppe; Wirtschaftsmigranten eine andere. Während für Flüchtlinge die Hilfe ein unmittelbares Gebot ist, zumal auf der Grundlage der christlichen Nächstenliebe und Solidarität, kann die Zuwanderung aus wirtschaftlichen Gründen durchaus reguliert werden. Daher ist die Frage nach dem Gebot der Nächsten- und Fremdenliebe aus christlicher Sicht zu verbinden mit der Frage nach den Grundwerten der integrationswilligen Gesellschaft und nach der Identität einer integrationsbereiten Nation.

Dies gilt zumal angesichts der Tatsache, dass, anders als bei den Zuwanderern nach dem Zweiten Weltkrieg oder den Arbeitsmigranten ab den sechziger Jahren, die große Mehrheit der Migranten aktuell religiös dem Islam und damit einer anderen Kultur mit anderen Wertgrundlagen angehört. So stellt sich die Frage nach Werten und Identität einer Gesellschaft nochmals schärfer.

Nicht nur Migranten genießen den Schutz der Menschenwürde gemäß Art. 1 GG, auch die schon sesshaften Bürgerinnen und Bürger. Dieser Schutz der Menschenwürde vollzieht sich nach Maßgabe und im Rahmen der Trennung von Religion und Staat; dies gilt auch im Blick auf den Islam und sein unter Umständen anderes Verständnis von Staat und Religion; wer den Schutz der Menschenwürde beansprucht, verpflichtet sich umgekehrt zur öffentlich wirksamen Trennung von Religion und Staat. Das muss und kann vom Islam verlangt werden; hinter die westlichen Werte der Aufklärung geht kein Weg zurück; erst so wird das Verständnis von individueller Menschenwürde (im Unterschied zu Religionswürde) logisch und erkennbar.

Ein Flüchtling arbeitet am PC.
Ein Malteser Mitarbeiter führt im WERT-vollen Raum  durch das Diskussionsthema
In der Diskussionsrunde können Meinungen und Haltungen ausgedrückt werden.

Eingliederung der Zuwanderer in den Arbeitsmarkt

Zuwanderung erhöht das Angebot von Arbeitskräften in einer Volkswirtschaft. Das ist in Deutschland vor dem Hintergrund des Rückgangs der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von großer Bedeutung. Während der vergangenen zehn Jahre kam es bereits zu einem starken Anstieg der Zuwanderungszahlen nach Deutschland. Dazu haben die uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit der EU-Mitgliedstaaten, die Wirtschaftskrisen und zuletzt die Fluchtmigration beigetragen. Ob die deutsche Volkswirtschaft von der Zuwanderung profitiert, hängt entscheidend von der Arbeitsmarktintegration der zugewanderten Menschen ab.

Aufgrund seiner Geschichte als Einwanderungsland hat Deutschland bereits Erfahrung mit der Arbeitsmarktintegration von Migranten. Die Zuwanderung seit dem Jahr 2015 im Kontext der Fluchtmigration unterscheidet sich aber nicht nur in ihrer Größenordnung von früheren Situationen. Die Menschen, die in den Jahren 2015 und 2016 nach Deutschland kamen, haben mehrheitlich eine Fluchterfahrung hinter sich und kommen größtenteils aus Ländern, in die sie in naher Zukunft nicht zurückkehren werden. Diese Menschen gilt es, mittel- und langfristig in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Berufliche Qualifikation und der Spracherwerb sind Schlüsselfaktoren für einen erfolgreichen und nachhaltigen Weg in die Erwerbstätigkeit.

Die Beschäftigungsquote der Personen aus nicht europäischen Asylherkunftsländern liegt unter dem Durchschnitt der ausländischen Bevölkerung. Sie steigt seit dem Jahresende 2016 leicht an.

Nur ein geringer Anteil der Zuwanderer aus nicht europäischen Asylherkunftsländern findet eine hochqualifizierte Beschäftigung als Spezialist oder Experte.

Die Beschäftigungsquote der gesamten ausländischen Bevölkerung beträgt im April 2017 46,7 %. Für Zuwanderer aus nicht europäischen Asylunterkunftsländern liegt die Beschäftigungsquote mit 18 % deutlich darunter.

Die Arbeitslosenquote der gesamten ausländischen Erwerbspersonen liegt im April 2017 bei 15 %. Für Zuwanderer aus nichteuropäischen Asylherkunftsländern liegt sie mit 50,2 % deutlich darüber.

Bedeutung von schulischer und beruflicher Bildung

Das Bildungsniveau und die Anerkennung der im Ausland erworbenen Bildungsabschlüsse sind wichtige Faktoren für eine erfolgreiche Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt. Außerdem ist es entscheidend, wie sie die vorhandenen Kenntnisse und Fähigkeiten auf dem hiesigen Arbeitsmarkt einsetzen können und welche zusätzlichen Qualifikationen sie sich während des Integrationsprozesses aneignen.

Die Verteilung der Bildungsabschlüsse der Geflüchteten im Vergleich zur deutschen Bevölkerung zeigt, dass Geflüchtete häufiger ein sehr geringes Bildungsniveau und seltener einen mittleren Schulabschluss besitzen als die deutsche Bevölkerung. Der Anteil von Geflüchteten mit weiterführendem Abschluss ist ähnlich hoch wie bei der deutschen Bevölkerung.

Unter den Geflüchteten mit hohen Bildungsbestrebungen möchten 35 % mit einem akademischen Abschluss abschließen.

32 % der Geflüchteten über 18 Jahre haben ihre Schulbildung auf einer weiterführenden Schule abgeschlossen.

Bedeutung von Sprachkenntnissen

Für alle Zuwanderer gilt, dass zu einer erfolgreichen ökonomischen und sozialen Integration das Erlernen der Sprache des Gastlandes gehört – im hier betrachteten Fall also der deutschen Sprache. Das Erlernen der Sprache erfüllt bei der Integration mehrere Funktionen. Es fördert die alltägliche Kommunikation zwischen Menschen und dient als Symbol der Zugehörigkeit oder Abgrenzung. Sprachkompetenzen sind eine Grundvoraussetzung für den Zugang zu Bildungsmöglichkeiten und müssen deshalb als Kernelement für den Zugang zum Arbeitsmarkt gesehen werden.

Über 90 % der Menschen besitzen bei der Einreise keine Deutschkenntnisse laut IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten im Jahr 2016.

Im Jahr 2016 schlossen 58,5 % der Teilnehmer des Deutsch-Tests für Zuwanderer mit einem Zertifikat des B1-Niveaus ab.

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Fiskalische und ökonomische Aspekte der asylbedingten Zuwanderung

Die Auswirkungen der aktuellen asylbedingten Zuwanderung auf die öffentlichen Finanzen sind ein weiterer bedeutender ökonomischer Aspekt. Was kostet die Aufnahme einer großen Anzahl an Geflüchteten den deutschen Staat, sind diese Ausgaben finanzierbar, und welche gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen ergeben sich? Das Interesse an diesen Fragen hat in der Öffentlichkeit und in den Medien im Verlauf der starken Zuwanderung von Asylsuchenden in den Jahren 2015 und 2016 erheblich zugenommen. Dabei ist eine transparente Darstellung der Kosten eine wichtige Grundlage, um die Diskussion über die deutsche Flüchtlingspolitik faktenbasiert zu führen. Außerdem ist eine Abschätzung der Ausgaben notwendig, um fiskalisch nachhaltig planen und die ökonomischen Folgen auf die Gesamtwirtschaft einordnen zu können.

21,7 Mrd Euro betrugen nach Schätzungen des Bundesfinanzministeriums die gesamten asylbedingten Ausgaben des Bundes in 2016.

Die asylbedingten Ausgaben wurden 2015 und 2016 hauptsächlich aus den Überschüssen des Bundes finanziert.

Zuwanderung und Kriminalität

In den aufnehmenden Gesellschaften wird darüber diskutiert, ob Zuwanderung vermehrte Kriminalität nach sich zieht. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Anteils von Migranten an der Bevölkerung wird die Debatte darüber schnell emotional. So fällt es manchmal schwer, zwischen einer gefühlten (Un-)Sicherheit und den tatsächlichen Entwicklungen zu unterscheiden.

Die Anzahl an begangenen Straftaten pro 1.000 Personen in der Gruppe der Nichtdeutschen liegt deutlich höher als bei den Deutschen.

Wurden bei den Nichtdeutschen im Jahr 2015 etwa 60 Straftaten je 1.000 Personen angezeigt, so waren es im selben Zeitraum nur 20 bei Menschen mit einem deutschen Pass. Allerdings gab es bei den Nichtdeutschen in den vergangenen Jahren trotz der starken Zuwanderung eine konstante bis leicht fallende Entwicklung.

Einflussfaktoren für kriminelle Handlungen von Geflüchteten sind deren Bleibeperspektive, die Unterbringungsform und die demografische Zusammensetzung.