Obstkäppchen: Gesundes für Seniorinnen und Senioren

Eine vorbildliche Aktion gegen Altersarmut und Einsamkeit: Ehrenamtliche besuchen alte Menschen, die über wenig Einkommen verfügen und bringen ihnen Tüten mit gesunden Lebensmitteln nach Hause. „Obstkäppchen“ nennt sich das gemeinnützige Projekt, mit dem Motto: „Altersarmut kommt uns nicht in die Tüte“. 

Was ist Obstkäppchen genau?

Obstkäppchen gibt es vor allem in NRW, nämlich in Hennef, Köln, Bonn, Königswinter, Münster, Dortmund – und seit neuestem auch im baden-württembergischen Stuttgart. 2017 ursprünglich als Verein in Hennef gegründet, ist Obstkäppchen heute eine gemeinnützige Unternehmergesellschaft (gUG). Einmal im Monat bringen die Obstkäppchen (allesamt ehrenamtliche Helferinnen und Helfer) älteren Menschen, die von Armut betroffen sind, Tüten mit gesunden Lebensmitteln nach Hause und übergeben sie dort persönlich. „Unsere Mission ist es, moderne Rotkäppchen zu sein“, sagt Geschäftsführerin und Co-Gründerin Carina Raddatz. „Wir kommen immer am vierten Samstag des Monats, wenn das Geld bei den Menschen schon knapp wird. Das Obst und Gemüse, das vor allem in den Tüten ist, kaufen wir regional ein – direkt am Morgen des Auslieferns.“ Etwa 80 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer aus allen Altersgruppen sind für Obstkäppchen schon im Einsatz. Die meisten von ihnen fahren seit vielen Monaten die gleiche Route ab, kennen die Seniorinnen und Senioren bereits – „und werden wie deren eigene Enkelkinder empfangen und erwartet“. Derzeit beliefern die Obstkäppchen etwa 300 ältere Menschen.

Was befindet sich in den Tüten?

In den Tüten sind vor allem regionales und saisonales Obst sowie Gemüse. Die Zutaten können meist mit einem beiliegenden Rezept zu einer leckeren Mahlzeit verarbeitet werden. Aber auch Grundnahrungsmittel und manchmal besondere Leckereien für die Seele befinden sich in den Papiertaschen, die einen Warenwert von 10 Euro besitzen. Zusammengestellt werden sie von dem Ernährungsberater von Obstkäppchen, der darauf achtet, dass der Inhalt immer auf die Bedürfnisse der von Altersarmut betroffenen Seniorinnen und Senioren abgestimmt ist. Wie Carina Raddatz sagt: „Ganz nach unserem Motto: Altersarmut kommt nicht in die Tüte!“

Wie kam es zu Obstkäppchen?

Carina Raddatz erinnert sich daran, was sie damals auf die Idee brachte: „Ich war in Köln unterwegs und sah eine ältere Dame, die im Müll nach Pfandflaschen suchte. Sie erinnerte mich an meine eigene Oma. Dieser Anblick, dieser Moment berührte mich zutiefst. Ich fragte mich, wie es sein kann, dass so etwas in Deutschland möglich ist?“ Die Dozentin für Allgemeine Psychologie informierte sich und stellte fest: „Die Situation war keine bedauerliche Ausnahme, sondern spiegelte die Lebensrealität von vielen älteren Menschen hierzulande wider.“ Laut einer Studie des Bundesseniorenministeriums ist mehr als jeder fünfte Mensch über 80 Jahren in Deutschland von Armut betroffen. Bei Frauen ist der Anteil sogar noch höher. Und die steigenden Kosten hierzulande werden dieses Problem noch dramatisch verschärfen. „Diese Menschen hatten schon vor der Krise nicht ausreichend Geld, ihre laufenden Kosten zu decken – deshalb ist eine gesunde, ausgewogene Ernährung häufig nicht mehr möglich“, sagt Carina Raddatz. Und noch eines stellte die junge Frau fest: „Mit Altersarmut geht häufig auch Einsamkeit einher.“ Genau hier setzt Obstkäppchen an – mit den Tüten bringen die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch Gesellschaft und Zuneigung zu den älteren Menschen.
 

Obstkäppchen unterstützen

Neben den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die die Tüten ausliefern, gibt es auch die Möglichkeit, Mitglied zu werden und Geld zu spenden. Auch Firmen können Patenschaften übernehmen. Mehr Infos gibt es auf der Homepage von Obstkäppchen.

Was haben Armut und Einsamkeit im Alter gemein?

„Wir haben festgestellt, dass Altersarmut häufig auch Alterseinsamkeit nach sich zieht“, sagt Carina Raddatz. „Manche unserer Seniorinnen und Senioren können sich keine Busfahrkarte leisten, um Verwandte im Nachbarort zu besuchen. Einfach nur ein Besuch im Café oder gar in der Oper sind für sie einfach nicht drin. Nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, führt zwangsläufig zu Einsamkeit.“ Dazu komme noch die Scham, die dazu beitrage, dass sich Betroffene häufig zurückzögen. „Unsere Tüten fungieren wie ein Türöffner“, sagt Carina Raddatz. „Wir haben beobachtet, dass sie sehr gerne angenommen werden – aber eben auch die Gesellschaft. Im Rahmen unseres Besuchs soll nämlich Zeit miteinander verbracht und der Alterseinsamkeit entgegengewirkt werden.“ Etwa 30 Minuten dauert in der Regel ein Obstkäppchen-Besuch, genug Zeit, sich zusammenzusetzen, für einen Kaffee, eine kleine Plauderei.
 

Welche Erfahrungen machen die Obstkäppchen?

Die Obstkäppchen erfahren bei ihrem Engagement viel Anerkennung und Dankbarkeit, wie Carina Raddatz betont. Aber auch sie würden viel von den älteren Menschen lernen. Ihr selbst schenkte eine Seniorin ein Notizbuch mit den Worten: „Mein Leben ist gelebt, aber du kannst noch alles machen und erreichen. Bitte mach etwas Großes aus deinem Leben und genieße jeden Tag.“ Seither liegt das Notizbuch an ihrem Bett: „Und ich füttere es jeden Abend mit neuen Gedanken.“

Hilfsangebote der Malteser

Auch die Malteser engagieren sich bundesweit mit zahlreichen Projekten gegen Altersarmut und versorgen Seniorinnen und Senioren mit gesunden Lebensmitteln. Etwa über die regionalen Tafeln oder auch über sogenannte  Suppentreffs, die teilweise auch Lebensmittel und Care-Pakete direkt nach Hause liefern. Entsprechende Angebote gibt es zum Beispiel von Helferinnen und Helfern der Malteser in Augsburg oder Essen. Zudem bieten die Malteser Kleiderkammern, Einkaufshilfen und Besuchsdienste  für ältere Menschen an. Mehr zu den Diensten der Malteser auch hier.


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