Junge Menschen und die Corona-Pandemie: Tiefe Spuren in der Psyche

Gemeinsames Training oder Treffen in Jugendgruppe und Freundeskreisen sind seit Beginn der Corona-Pandemie schwierig geworden. Stattdessen gibt es Homeschooling und Video-Calls. Für junge Menschen ist das besonders schwer zu verkraften. Nicht nur Schulwissen kommt zu kurz, sondern das gesamte Leben außerhalb der Familie. Eine Schülerin und eine Lehrerin berichten.

Darum geht's:


Leni vermisst ihre Freunde

„Es hat mir nicht gefallen, dass ich meine Freunde so lange nicht gesehen habe“, sagt die 10-jährige Leni. Sie reitet gerne und ist bei der Malteser Jugend in Celle. „Reiten und die Malteser vermisse ich am meisten, weil da meine Freunde sind.“ Während der letzten eineinhalb Jahre mit Lockdowns und Kontaktsperren hat Leni ihre Freunde nur sehr selten gesehen. Ab und zu haben sie miteinander telefoniert. Leni geht es wie den meisten Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie. Auch das Homeschooling ist für sie „ein bisschen ungewohnt“, wie sie selbst sagt. Aber Leni sieht auch die schönen Seiten: „Es gefällt mir, dass ich im Homeschooling Pausen machen kann, wann ich will. Und ich darf direkt nach den Hausaufgaben im Pool schwimmen gehen.“

Wie viele andere bekam auch Leni während der Lockdown-Phasen einmal in der Woche Aufgaben von ihren Lehrerinnen und Lehrern zugeschickt, die sie zu Hause eigenständig erledigen musste. Videochats mit Lehrenden oder der ganzen Klasse gab es nicht, so wie es bei ihrer 13-jährigen Schwester der Fall war. Lenis Vater ist seit der Corona-Pandemie im Homeoffice. Das gefällt ihr sehr gut: „Man ist dann nicht so viel alleine zu Hause“, sagt sie. Wenn man allerdings viel zu Hause ist, dann gibt es auch öfter Krach, ganz besonders mit ihrer Schwester. „Ich bin die Jüngste und als Jüngste muss man immer auf die Älteren hören. Das ist doof.“ Obwohl Leni in einem guten familiären Umfeld aufwächst, wird die Corona-Pandemie mit Lockdowns und Homeschooling auch auf sie Auswirkungen haben.

Sandra Dransfeld ist Lehrerin an einer Förderschule in Rietberg bei Paderborn und Bundesjugendsprecherin der Malteser Jugend. „Ich glaube, dass in den nächsten Wochen und Monaten bei Kindern und Jugendlichen sicherlich Formen von psychischen Störungen und Erkrankungen auftauchen werden“, sagt sie und beschreibt damit genau das, was Forscherinnen und Forscher der Uniklinik Hamburg-Eppendorf herausgefunden haben.

Alarmierende Zahlen

Junge Menschen leiden psychisch unter der Corona-Pandemie und es wird nicht besser. Das ist das Ergebnis der sogenannten COPSY-Studie (Corona und Psyche). 85 Prozent der Befragten zwischen sieben und 17 Jahren haben gesagt, dass die Corona-Krise sie stark belastet. 30 Prozent der jungen Menschen kämpfen inzwischen mit psychischen Problemen. Vor der Pandemie waren es noch 20 Prozent. Das heißt nicht, dass alle krank sind. Es sind vielmehr Sorgen und Ängste, die junge Menschen noch mehr plagen als in der Zeit vor der Pandemie. Immer öfter treten depressive Stimmungen auf oder der psychische Stress zeigt sich im Körper beispielsweise durch Kopf- oder Bauchschmerzen, extreme Müdigkeit oder schlechte Laune. Noch größer ist der Anteil derjenigen, deren Lebensqualität inzwischen durch Corona schlechter ist, nämlich 70 Prozent. Ganz besonders schwer haben es junge Menschen aus Familien mit weniger Einkommen oder mit sprachlichen Defiziten, beispielsweise wenn die Eltern kein oder nur sehr wenig Deutsch sprechen.

Als Pädagogin weiß Sandra, dass Homeschooling und Kontaktverbote eine harte Nuss für junge Menschen sind: „Das ist ein absoluter Einschnitt in das Leben eines Kindes. Eineinhalb Jahre bei einer oder einem Achtjährigen sind wahnsinnig viel Lebenszeit. Da wurde eine Menge von den Kindern verlangt und ich habe großen Respekt davor, dass sie so gut mitziehen.“ Schulen wurden lange Zeit als großes Risiko für die Verbreitung des Coronavirus gesehen. Die Kinder könnten schlecht Abstand halten und nicht den ganzen Tag Masken tragen. Sandra hat das Gegenteil erlebt: „Meine Schülerinnen und Schüler haben das mit dem Maskentragen und Abstand halten viel besser hinbekommen als viele andere im Alltag. Bei ihnen war die Freude so groß, dass sie überhaupt in die Schule kommen durften. Auch wenn sich viele ein bisschen isoliert und ein Stück weit abgehängt fühlen, finde ich es toll, wie viel Verständnis junge Menschen für die Situation aufbringen.“ Darum erwartet Sandra auch mehr Verständnis für die Situation der jungen Menschen in der Corona-Pandemie: „Wenn es außerhalb der Familie keine weiteren Kontakte gibt, bereitet das Kindern und Jugendlichen psychische Schwierigkeiten. Kontakte zu Gleichaltrigen sind in der Kinder- und Jugendzeit eine wichtige Form der Sozialisation. Dadurch, dass sie sich in verschiedenen Rollen erleben, entwickelt sich ihre Identität. Was für Kinder das Spiel ist, ist für Jugendliche das gemeinsame ’Abhängen’. Dieser soziale Erfahrungsraum hat komplett gefehlt. Das darf man nicht vergessen.“

Auch Eltern sind überlastet

Familien mit einem guten Zusammenhalt verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern und können insgesamt mit den Auswirkungen durch die Pandemie umgehen. Das ist ein schönes Ergebnis der COPSY-Studie. Dennoch gibt es in vielen Familien mehr Streits, denn auch viele Eltern fühlen sich überfordert und leiden öfter unter Stress und depressiven Verstimmungen. „Die Eltern sind im Homeoffice und sollen sich gleichzeitig um die Kinder kümmern und das Homeschooling begleiten. Da wächst natürlich der Stress und gerade Kinder sind immer das schwächste Glied in der Familie“, sagt Sandra. Sie selbst hat von Fällen gehört, in denen das Kindeswohl tatsächlich gefährdet war: „Die Kinder wussten gar nicht, an wen sie sich wenden sollen, weil Bezugspersonen abseits der Familie nicht da waren.“

Hilfe und Angebote für Kinder und Jugendliche in Not

Mit Beginn des ersten Lockdowns 2020 stieg der Stresspegel in den Familien. Die Fälle von häuslicher Gewalt, vor allem gegen junge Menschen und Frauen, hat seitdem zugenommen. Vereine und Hilfsorganisationen schlagen Alarm, doch die Schulen und Kindergärten blieben trotzdem eine lange Zeit geschlossen. Auch nach der Öffnung leiden viele junge Menschen unter den Folgen der langen Lockdowns. Hilfe und Unterstützung für alle Lebenslagen gibt es beispielsweise bei der Malteser Jugendhilfe. Falls du selbst betroffen bist oder jemanden kennst, dann findest du hier Hilfe:

Nummer gegen Kummer  für Kinder und Jugendliche: 116111
Montag bis Samstag von 14 Uhr bis 20 Uhr kannst du kostenlos und anonym deine Sorgen mit Fachleuten besprechen. Statt zu telefonieren, kannst du auch den Online-Chat nutzen.

Telefonseelsorge: 0800 1110111
Diese Nummer erreichst du rund um die Uhr kostenlos und anonym. Es gibt auch die Möglichkeit, per Mail oder Chat deine Sorgen mit einer anderen Person zu teilen. Hier geht es vor allem darum, dass dir jemand zuhört.

Die „Nummer gegen Kummer“ bietet übrigens auch ein Elterntelefon an. Erreichbar unter 0800 111 0 550

Und wie sieht die Zukunft aus?

Die 10-jährige Leni wünscht sich für die Zukunft, „dass es wieder so wird wie früher“. Mit diesem Wunsch ist sie sicherlich nicht allein. Doch wie sieht die Zukunft vor allem für junge Menschen wirklich aus? Immerhin ist viel Unterricht ausgefallen und weniger Lehrstoff vermittelt worden. Sandra findet es wichtig, dass in Zukunft nicht nur auf den Lehrplan geschaut wird: „Es ist auf jeden Fall absehbar, dass viele junge Menschen an allen möglichen Stellen Lücken aufweisen werden – auch die, die von den Eltern gut begleitet wurden. Das betrifft aber nicht nur die Schule, sondern auch die Freizeitgestaltung. Alles ist zu kurz gekommen.“ Der Vorschlag aus der Politik, dass Kinder die Lernlücken in den Ferien aufholen sollten, gefällt Sandra gar nicht. “Ich finde es wichtig, dass anerkannt wird, wie wichtig soziale Lernräume für junge Menschen sind. Selbstwirksamkeit ist für mich das große Stichwort, besonders in der Jugendarbeit. Hier wird nicht benotet, sondern man darf einfach sein. Darum sollten wir mehr darauf achten, dass Kinder und Jugendliche, ohne ein Ziel zu verfolgen, einfach sein dürfen. Dann dürfen die Englischvokabeln oder Matheformeln auch mal hintanstehen. Sie müssen jetzt erst mal das Leben nachholen.“

Du möchtest dich für Kinder und Jugendliche engagieren? Dann bewirb dich für ein Ehrenamt bei den Maltesern. Und wenn du neue Freunde finden, Abenteuer und Spaß mit anderen erleben und dich in unterschiedlichen Aufgaben und Themen ausprobieren möchtest, dann ist die Malteser Jugend vielleicht etwas für dich.


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