Kriegstrauma: Unterschätzte Folge des Ukraine-Kriegs

Sie leben in ständiger Angst – vor dem nächsten Angriff, vor Minen und der Zukunft. Die Lage in der Ukraine ist für die Betroffenen dramatisch. Und ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht. Zu der physischen Not (Hunger, Kälte, Krankheiten) kommen die psychischen Belastungen. „Es sind viele Menschen traumatisiert“, sagt Pavlo Titko, Leiter der Malteser in der Ukraine.

Darum geht's:


Wie geht es den Menschen in der Ukraine?

Der Krieg bedeutet für die Menschen großes Leid: Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer haben geliebte Menschen verloren, ihre Häuser – und das Gefühl von Sicherheit. Sie wissen nicht, was die Zukunft ihnen bringt, sind täglich mit dem Terror des russischen Angriffskrieges konfrontiert. Das hinterlässt tiefe Spuren in ihren Seelen. „Viele Menschen werden über Jahre hinweg noch traumatisiert sein“, fürchtet Pavlo Titko. Und das betrifft nicht nur diejenigen, die noch in der Ukraine ausharren, sondern auch diejenigen, die aus ihrem Land geflohen sind. In Deutschland wurden bislang mehr als eine Million Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen. 62 Prozent der Erwachsenen sind laut Bundesregierung Frauen. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren machen insgesamt 34 Prozent der Geflüchteten aus. Viele von ihnen haben zuvor im Krieg und auf der Flucht schreckliche Dinge erlebt; dazu kommen die Sorgen um ihre Lieben in der Heimat.

Wie häufig sind Kriegsopfer traumatisiert?

Eine Studie der AOK von 2018 hat ergeben, dass etwa drei Viertel der in den Jahren davor nach Deutschland Geflüchteten Gewalt erfahren haben und teils mehrfach traumatisiert sind – mit gravierenden Folgen für ihre Gesundheit. Laut der Studie litten Geflüchtete mit traumatischen Erfahrungen doppelt so häufig unter physischen und psychischen Beschwerden. Befragt wurden primär Geflüchtete aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Andere Studien haben ergeben, dass im Afghanistan-Krieg 70 Prozent der Menschen traumatisiert wurden.

Was bedeutet das für die Menschen in der Ukraine?

Der Leiter des Psychotrauma-Zentrums der Bundeswehr, Oberstarzt Prof. Dr. Peter Zimmermann, sagt bezogen auf die Studien in einem Interview mit dem YouTube-Format „Nachgefragt“ der Bundeswehr: „In ähnlicher Größenordnung wird sich das ganz sicher in der Ukraine auch bewegen.“ Er gehe davon aus, „dass sehr, sehr viele Menschen psychotherapeutische Hilfe benötigen werden“. Man müsse mit einer Welle psychischer Erkrankungen rechnen. Eine Einschätzung, die Pavlo Titko, der Verantwortliche der Malteser vor Ort in der Ukraine, bestätigt: „Wir rechnen damit, dass nach dem Krieg Millionen von Menschen therapeutische Gespräche benötigen.“ Schon jetzt versuchen die Malteser, dem gerecht zu werden und den Betroffenen zu helfen: Seit 2015 und verstärkt mit Beginn des Angriffskriegs haben Helferinnen und Helfer in der Ukraine zehntausende Menschen mit psychosozialen Angeboten (Gruppen und Einzelgespräche mit Psychologinnen und Psychologen) unterstützt. Es gibt auch speziellen Angeboten für Kinder. Denn sie leiden besonders unter der Situation – auch mental.

Warum sind Kinder besonders betroffen?

Kinder nehmen die Bedrohung sehr deutlich wahr und empfinden große Angst, sind aber häufig noch nicht in der Lage, darüber zu sprechen und ihren Gemütszustand zu beschreiben. Freundinnen und Freunde sind geflohen, der Vater in den Krieg gezogen, das Haus zerstört – sie erleben unterschiedlichste traumatische Momente, die sie in ihren Grundfesten erschüttern und ihnen die Grundsicherheit nehmen. Häufig durchleben sie diese Momente immer wieder, teils auch spielerisch, und sind so permanent in Angst und in Alarmbereitschaft. Die Folgen: seelische Wunden, die nur schwer heilen. Sie können Probleme haben, sich zu konzentrieren, unter Schlafstörungen leiden, aggressiv sein, viel weinen, anderen Menschen gegenüber misstrauisch sein. Es können sich Depressionen, Angstzustände oder Bindungsstörungen bilden. Diese Verhaltensänderungen sind üblicherweise langfristig: Menschen, die als Kinder von Kriegserlebnissen traumatisiert wurden, leiden häufig ihr ganzes Leben darunter, wenn sie keine Hilfe erhalten.

Wie entsteht ein Trauma?

Der Begriff „Trauma“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt „Wunde“. Er wird im psychologischen Sinne verwendet für seelische Wunden, die durch außergewöhnliche, besonders belastende Situationen entstanden sind. Häufig lösen schwere Unfälle, Naturkatastrophen, Todesfälle im engsten Familienkreis, sexuelle Gewalt oder Kriege Traumata aus. Es sind also meist Momente akuter Bedrohung, die das eigene Leben und das von Anderen gefährden und oft auch ein Gefühl von Hilflosigkeit auslösen. In solchen Situationen stehen Betroffene unter extremem Stress, der sich unmittelbar auf Körper und Seele auswirken kann. Ihr Herz rast, sie fangen an zu schwitzen, fühlen sich, als müssten sie sich übergeben. Gleichzeitig fühlen sie sich ohnmächtig und haben den Eindruck, die Kontrolle verloren zu haben. Dem Impuls, zu fliehen oder zu kämpfen, der die natürliche Stressreaktion ist, kann nicht nachgegeben werden. Um die Psyche zu schützen, kann es dann dazu kommen, dass sich Betroffene innerlich distanzieren.

Was ist eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)? 

Unterschieden wird zwischen dem Trauma und den Folgen, die es auslöst – gegebenenfalls einer Traumafolgestörung. Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist die seelische Reaktion auf ein sehr belastendes, traumatisches Erlebnis. Sie tritt nicht unmittelbar auf, sondern meist im ersten halben Jahr nach dem Erleben der traumatischen Situation. Zu den häufigen Reaktionen zählt, dass die Betroffenen die Situation immer wieder in Gedanken erleben, extrem empfindlich reagieren, bestimmte Situationen zu vermeiden versuchen und sich ihre Gedanken und Gefühle verändern. Während die PTBS auch allgemeine Auslöser für die Traumafolgestörung mit beinhaltet, bezieht sich die anerkannte Diagnose „CSR“ (englisch: Combat stress reaction) ausschließlich auf die Folgen von Kriegstraumata.

Wie kann sich ein Kriegstrauma konkret auswirken?

Ein Kriegstrauma, kurz auch CSR, kann körperliche und seelische Folgen haben. Folgende Symptome sind unter anderem bekannt:

  • Gleichgültigkeit und Antriebslosigkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Erschöpfungszustände
  • Verlangsamung im Denken und in der Reaktion
  • Veränderung in den persönlichen Befindlichkeiten
  • seelische Angespanntheit
  • Verspannungen und Rückenschmerzen
  • Zittern
  • Appetitlosigkeit
  • Schweißausbrüche
  • Hyperventilation
  • Herzrhythmus- und Kreislaufstörungen
  • Albträume und Flashbacks (Nachhallerfahrungen)

Unterstütze die Arbeit der Malteser in der Ukraine

Wenn du den Menschen in der Ukraine oder den Geflüchteten hier in Deutschland helfen möchtest, kannst du das zum Beispiel mit einer Spende an die Malteser tun.


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