Wie Hospizbegleiterin Gerti Aschenbrenner Menschen bis zuletzt Lebensfreude schenkt
Seit 2009 begleitet Gerti Aschenbrenner für die Malteser schwerkranke und sterbende Menschen – und bekommt dabei oft mehr zurück, als sie gibt.
Ein Ehrenamt mit vielen Facetten
Gerti Aschenbrenner kann man stundenlang zuhören. Wenn die 66-Jährige von ihrem Ehrenamt als Hospizbegleiterin erzählt, sprüht sie vor Herzenswärme, Energie und Fröhlichkeit. Sind Sterbebegleitung und Lebensfreude nicht krasse Gegensätze? Nein, sagt sie voller Überzeugung: Sterbebegleitung sei nicht per se traurig oder schwer, wie viele Menschen denken, denen sie von ihrem Engagement erzählt. „Ihr wisst gar nicht, wie viel wir immer lachen“, antwortet sie dann. Es sei so wertvoll, für andere da zu sein, jeden Menschen in seiner Ganzheit zu sehen und ihm das zu geben, was er in diesem Moment braucht: singen, reden, beten, schweigen, mittragen, dableiben, die Hand halten oder eben aus vollem Herzen lachen, wenn die Situation es ergibt. Das sei ohnehin das Wesentliche bei diesem Ehrenamt, erklärt sie: da zu sein und die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, mit ihren Bedürfnissen, Wünschen und den Eigenheiten, die sie mitbringen.
Menschliche Nähe am Lebensende ist entscheidend
Im vergangenen Jahr hat Gerti Aschenbrenner eine Hundertjährige in ihren letzten Monaten begleitet. Voller Lebenserfahrung sei die alte Dame gewesen und habe ihr langes Leben in allen Facetten genossen, erzählt sie. Immer wieder habe sie mit trockenem Humor und verwundertem Blick in den Himmel geschaut und vermutet: „Die da oben haben mich wohl vergessen.“ Viel gelacht hätten sie, wenn die ehemalige Lehrerin von ihrem bewegten und erfüllten Leben erzählt habe. „Und dennoch hat sie sich trotz eines erstaunlich großen Bekanntenkreises mit ihrem hohen Alter und dem austherapierten Krebsleiden oft allein gefühlt“, erinnert sich Gerti Aschenbrenner. Entsprechend groß sei der Redebedarf der älteren Dame gewesen. Mit der Zeit hätten sich viele gute und tiefgehende Gespräche über das Leben und den bevorstehenden Tod ergeben, den sie manchmal regelrecht herbeigesehnt habe. Am Ende habe sie gut gehen können und Gerti Aschenbrenner „beschenkt zurückgelassen mit ihrer Weisheit, ihren Gedanken und ihrer tollen Persönlichkeit“. Noch heute blickt sie dankbar auf diese intensive Begegnung zurück.
Menschen brauchen einfach Menschen, insbesondere am Lebensende. Davon ist Gerti Aschenbrenner überzeugt. Deshalb habe sie sich für dieses Ehrenamt entschieden. „Als mein Vater auf der Palliativstation im Sterben lag, habe ich die Begleitung durch die Malteser erlebt und mir gedacht: Das will ich auch können. Nach seinem Tod habe ich mich dann zum Hospizkurs angemeldet“, erzählt sie von ihren Anfängen bei den Maltesern im Jahr 2009.
Wie wird man Hospizbegleiterin oder Hospizbegleiter?
Der Vorbereitungskurs erstreckt sich über fast neun Monate. Dieser kann je nach Standort jedoch auch kürzer oder länger sein. Die Teilnehmenden treffen sich wöchentlich an einem Abend sowie an vier intensiven Wochenendseminaren. Dabei lernen sie die Grundsätze der Palliativmedizin und Schmerztherapie kennen, erfahren mehr über Sterbe- und Trauerphasen, spirituellen und kulturellen Aspekten des Abschieds sowie unterschiedliche Bestattungsrituale und üben einfühlsame Gesprächsführung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der persönlichen Reflexion: Die angehenden Hospizbegleiterinnen und Hospizbegleiter setzen sich intensiv mit ihren eigenen Erfahrungen, Prägungen und Beweggründen auseinander. Denn die Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen erfordert nicht nur fachliches Wissen, sondern auch ein hohes Maß an Selbstreflexion, Empathie und persönlicher Reife. „Wer gut vorbereitet ist, kann auch gut helfen“, heißt es bei den Maltesern. Wie wertvoll diese intensive Ausbildung ist, bestätigt auch Gerti Aschenbrenner: „Wir haben wirklich unglaublich viel gelernt, auch über uns selbst. Das hilft mir bis heute bei jeder einzelnen Begleitung.“
Ehrenamt in der Hospizarbeit
Sie möchten wie Gerti Aschenbrenner schwerkranke oder sterbende Menschen und ihre Angehörigen begleiten und ihnen in ihrer letzten Lebensphase Kraft schenken? Dann wäre ein Engagement in der Hospizarbeit genau das Richtige. Auf der Website der Malteser Hospizarbeit finden Sie nähere Informationen und gelangen direkt zum Ehrenamtsformular.
„Es dauert so lange, wie es eben dauert“
Gleich bei ihrer ersten Begleitung nach dem „Theorieteil“ habe sie gemerkt: „Das ist tatsächlich etwas, das kann ich, und das füllt mich aus.“ Seitdem hat sie mehr als 200 Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet, aber auch Angehörige in der Trauer nach dem Tod unterstützt. Manche Begleitungen dauern nur wenige Wochen oder sogar nur Tage, vor allem dann, wenn sie vom Hospiz oder von der Palliativstation angefragt werden. Andere gehen über Monate oder gar Jahre.
Auch die einzelnen Besuche sind nicht immer planbar, weiß die gelernte Hauswirtschaftsleiterin und Altenpflegehelferin: „Ich weiß ja nicht, was mich hinter der Tür erwartet. Manchmal gehe ich nach einer halben Stunde wieder, manchmal bleibe ich mehrere Stunden. Es dauert so lange, wie es eben dauert. Das lässt sich vorher nicht sagen“, erzählt die erfahrene Hospizhelferin.
Unterwegs mit dem Herzenswunsch-Krankenwagen nach Sylt
Wenn sie gebraucht wird, ist sie da. So wie an dem Tag, als die Würzburger Hospizkoordinatorin Christine Freitag, die gleichzeitig auch verantwortlich für den Herzenswunsch-Krankenwagen ist, anrief und sagte: „Gerti, wir brauchen dich für eine Fahrt nach Sylt!“ Gerti Aschenbrenner war natürlich sofort zur Stelle.
Bei der Erfüllung dieses Herzenswunsches ging es um die 61-jährige Cornelia, die zuletzt als Jugendliche auf der Nordseeinsel gewesen war. Sie hatte eine tiefe Sehnsucht: Sand zwischen den Zehen, Salzluft auf der Haut und die Füße im Meer. Und das alles gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, mit dem sie Erinnerungen teilen wollte. Ihr Krebs war bereits weit fortgeschritten, allein war die Reise nicht mehr möglich.
„Während der Fahrt haben wir Malteser alles so organisiert, wie sie es sich gewünscht hatte, inklusive Eis auf der Strandpromenade und Fischbrötchen bei Gosch. Und am Strand ist sie sogar aus dem Rollstuhl mit den breiten Rädern aufgestanden und die letzten Meter bis zum Meer gelaufen.“
„Lebt das Leben!“
Gerti Aschenbrenner erzählt von dem Wochenende an der Nordsee, dabei leuchteten ihre Augen fast genauso wie die von Cornelia, deren Herzenswunsch auf Sylt in Erfüllung ging. „Cornelia hat alles aufgesaugt und war drei Tage voller Adrenalin und Lebensfreude!“ Acht Wochen nach der Fahrt nach Sylt ist sie im Hospiz verstorben.
„Zusammen leben bis zuletzt“: Dieser Grundsatz der Malteser Hospizarbeit in der Diözese Würzburg, bei dem jedes Wort einzeln eine Bedeutung hat, wird bei der Erfüllung von Herzenswünschen besonders greifbar, findet Gerti Aschenbrenner, die die Malteser auch ihre „Seelenfamilie“ nennt. „Die Malteser geben mir Halt, sind mein Auffangnetz und neben meinem Glauben meine zweite große Kraftquelle“, sagt sie.
Und was ist ihre Botschaft an ihre Mitmenschen? Gerti Aschenbrenner muss nicht lange überlegen: „Lebt das Leben, damit ihr am Ende nicht sagen müsst: ‚Ach, hätte ich doch noch ...‘“
Text: Christina Gold