Scham in der Pflege: Wie sie entsteht und was dagegen hilft

Es ist ein Thema, über das selten gesprochen wird: Scham in der Pflege. Dabei können viele Pflegesituationen Scham auslösen. Bei der zu pflegenden Person genauso wie bei den pflegenden Angehörigen. Wir erklären, wie Scham entsteht und wie man ihr bei der Pflege vorbeugen kann.

Noch immer ein Tabuthema

Wenn plötzlich die Partnerin, der Partner oder die Kinder zu Pflegerinnen und Pflegern werden, kann das in bestimmten Pflegesituationen zu Scham führen. Bei der zu pflegenden Person ebenso wie bei den sie pflegenden Angehörigen. Kurze Momente der Scham sind kein Grund zur Besorgnis. Aber sehr häufige oder dauerhafte Schamgefühle können belasten und die Situation für alle Beteiligten erschweren. Auch Lebensfreude und Motivation können leiden, wenn man sich ständig schämt, weil man sich herabgewürdigt fühlt oder denkt, permanent etwas falsch zu machen. Schlimmstenfalls ziehen sich Menschen durch permanente Scham zurück und vereinsamen zusehends. Gerade in der Pflege ist es deshalb wichtig, das Thema Scham aus der Tabuzone zu holen und dem oft unangenehmen Gefühl möglichst vorzubeugen.

Wie kommt es zu Scham in der Pflege?

Grundsätzlich gilt: Niemand muss sich dafür schämen, dass er oder sie sich schämt. Scham ist ein natürliches Gefühl und vollkommen menschlich. Es entsteht zum Beispiel, wenn

 

  • wir uns missverstanden fühlen
  • wir uns herabgewürdigt fühlen
  • wir in Verlegenheit gebracht werden
  • wir uns verletzt fühlen
  • wir uns ertappt fühlen
  • unsere persönlichen intimen Grenzen überschritten werden

 

Insbesondere der letzte Punkt führt häufig zu Scham in der Pflege. Pflegebedürftige Menschen müssen erleben, wie sie zunehmend abhängiger von anderen werden. In bestimmten Pflegesituationen müssen sie sich anderen Menschen zudem unbekleidet zeigen und die Pflegerinnen und Pfleger nehmen teils intime Handlungen vor, wenn sie etwa beim Toilettengang oder bei der Körperpflege unterstützen. Dabei kann auch ein Gefühl des Ausgeliefertseins entstehen – das kann Scham noch fördern.

Die pflegenden Personen können ebenfalls Scham verspüren. Vielleicht sind ihnen die Pflegehandlungen selbst (erstmal) zu intim, weil sie als Angehörige bisher keine Erfahrung damit haben und plötzlich in die intimsten Lebensbereiche einer nahestehenden Person involviert sind. Manche befürchten, bei der Pflege etwas falsch oder nicht gut genug zu machen. Und schließlich verändert eine Pflegesituation die Beziehung zueinander und das oft ganz plötzlich: Zum Beispiel, wenn jemand seine Partnerin oder seinen Partner pflegt oder Kinder sich um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmern. Die neue Beziehung zueinander kann verunsichern und auch das kann Scham verstärken.

Scham ist individuell

Warum wir uns für etwas schämen, kann verschiedene Ursachen haben. Verletzende Erfahrungen oder auch eine sehr strenge Erziehung können zum Beispiel dafür sorgen, dass wir uns später für bestimmte Dinge oder in bestimmten Momenten schämen.

So erkennt man, ob sich jemand schämt

Unser Nervensystem reagiert, wenn wir uns schämen. Anzeichen dafür, dass sich jemand schämt, können laut dem Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) zum Beispiel sein:  

 

  • Erröten
  • Erbleichen
  • Schwitzen
  • Zittern
  • ein verlegenes Lächeln
  • Tränen
  • zögernde Bewegungen
  • schnelles Hin- und wieder Wegsehen

 

Aber auch Atemprobleme, Schwindel, Hitzewallungen oder ein trockener Mund können Anzeichen von Scham sein. Manche Menschen, die sich schämen, werden auch wütend oder ängstlich, entwickeln das Bedürfnis, aus der Situation zu fliehen, sind sprachlos, durcheinander oder fühlen sich wie gelähmt.

Scham kann auch nützlich sein

Auch wenn viele Menschen es eher unangenehm finden, sich zu schämen: Scham kann auch nützlich sein. Sie kann andere Menschen darauf aufmerksam machen, dass sich jemand unwohl oder verletzt fühlt. Über ihre körperlichen Signale kann Scham damit einen wichtigen Teil dazu beitragen, dass wir im Umgang miteinander bestimmte Regeln einhalten und Grenzen nicht überschreiten.

Scham in der Pflege reduzieren: So geht's

Kann man Schamgefühlen in der Pflege vorbeugen? Vollkommen vermeiden lässt sich Scham in Pflegesituationen häufig nicht. Aber Schamgrenzen können sich im Laufe der Zeit verändern. Viele pflegebedürftige Menschen gewöhnen sich nach und nach an ihre neue Situation und schämen sich weniger. Grundsätzlich können alle Beteiligten versuchen, Belastungen, die durch Scham entstehen, möglichst zu reduzieren. Die Basis dafür ist ein einfühlsamer und respektvoller Umgang miteinander.

 

  • Offen über die Scham sprechen. Von wem möchte die zu pflegende Person gern gepflegt werden? Was ist ihr bei der Pflege unangenehm? Was können und möchten Angehörige pflegerisch leisten, was lieber nicht? Wer diese Dinge offen miteinander bespricht, kann Scham vorbeugen.
  • Intimgrenzen schützen. Bei der Körperpflege kann es helfen, immer nur die Körperteile zu entkleiden, die gerade gewaschen oder anderweitig gepflegt werden. So fühlt sich niemand komplett nackt. Statt Scham herunterzuspielen („Du brauchst dich doch nicht zu schämen!“) machen ablenkende Gespräche über Alltägliches schambehaftete Situationen für alle leichter erträglich.
  • Professionelle Hilfe annehmen. Wenn bestimmte Pflegesituationen, wie zum Beispiel die Intimpflege, zu großer Scham führen, kann es hilfreich sein, für diese einen Pflegedienst zu beauftragen, um alle Beteiligten zu entlasten. In speziellen Pflegekursen und -schulungen können Angehörige zudem alles lernen, was bei der Pflege wichtig ist – das gibt Sicherheit im Pflegealltag. Auch spezielle Pflege- und Hilfsangebote wie von den Maltesern können eine Entlastung sein.
  • Rituale beibehalten. Pflegende Angehörige unterstützen die zu pflegende Person, indem sie ihr zeigen, dass sie die Pflege gern übernehmen, ohne eventuelle Belastungen herunterzuspielen. Wenn es vorher gemeinsame Rituale gab, kann es außerdem helfen, diese beizubehalten – zum Beispiel das gemeinsame Fernsehen am Abend. Wichtig für Angehörige ist aber auch, weiter Dinge für sich selbst zu tun und sich nicht komplett in der neuen Pflegerolle aufzugeben.
  • Das Selbstwertgefühl stärken. Ständig um Hilfe bitten zu müssen, kann beschämend sein. Pflegende sollten versuchen, die Selbstständigkeit der zu pflegenden Person so weit wie möglich zu erhalten und nur beim Nötigsten zu helfen. Hilfsmittel wie Spezialgeschirr und -besteck oder auch Duschstühle können das unterstützen.

Unterstützung für pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen

Wer pflegebedürftig ist, dem steht eine kostenlose Pflegeberatung zu. Dabei können zum Beispiel Ansprüche, Pflegeangebote, Hilfsmittel, finanzielle Leistungen und Möglichkeiten der Entlastung geklärt werden. Erster Ansprechpartner dafür ist die Pflegekasse, die dann an einen Pflegeberater oder eine Pflegeberaterin vermittelt.


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