Wenn ein geliebter Mensch stirbt, bleiben Kinder zurück, die diesen Verlust bewältigen müssen. Kinder und Jugendliche trauern auf ihre ganz persönliche Art. Sie müssen einen Verlust begreifen und mit ihrer Trauer umgehen. Die Kinder- und Jugendtrauergruppe des Malteser Hilfsdienstes in Twistringen bietet ihnen dabei Unterstützung.
Seit 2022 gibt das ehrenamtliche Team jungen Menschen aus dem gesamten Landkreis Diepholz einen geschützten Raum, um über Gefühle zu sprechen und eigene Wege im Umgang mit ihrer Trauer zu finden. Jetzt ist die Gruppe für den Deutschen Engagementpreis nominiert. Noch bis zum 29. Oktober um 17.59 Uhr kann die Öffentlichkeit online abstimmen.
Wie wichtig ein geschützter Raum für trauernde Kinder und Jugendliche ist, wissen Hildegard Franzlüning, Silke Meier-Sudmann, Ingeborg Bundt und Martin Lammers aus ihrer täglichen Arbeit. Sie berichteten über ihre Erfahrungen, die Herausforderungen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit und die besondere Bedeutung der Nominierung.
Trauer zeigt sich bei Kindern häufig anders als bei Erwachsenen. Manche ziehen sich zurück, andere suchen Ablenkung oder können ihre Gefühle nur schwer ausdrücken. Auch innerhalb der Familie hielten Kinder ihre Traurigkeit manchmal zurück, um die belasteten Eltern zu schonen, erklärte Martin Lammers. „In der Familie ist es oft so, dass man sich gegenseitig schützen und behüten möchte. Bei uns öffnen sich die Kinder.“
Die Treffen finden 14-tägig im Malteserhaus in der Bremer Straße 21 statt. Mittwochs kommen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren zusammen, donnerstags Jugendliche von zwölf bis 17 Jahren. Zu Beginn zündet jedes Kind eine selbst kreierte Kerze an und berichtet von den vergangenen zwei Wochen. Danach richtet sich das Programm nach den Bedürfnissen der jungen Teilnehmer. Gespräche, Basteln, Unternehmungen und Rituale helfen ihnen, Erinnerungen zu teilen und mit dem Verlust umzugehen.
„Wenn die Kinder oder Jugendlichen etwas anderes wollen, dann machen wir das“, erläuterte Hildegard Franzlüning. Manchmal dauere es lange, bis ein Kind Vertrauen fasse. Ein Kind habe sich beispielsweise erst nach einem Jahr geöffnet. „Wir empfanden das dann als großes Glücksgefühl und Erleichterung.“
Die Gruppenstunden seien nicht ausschließlich von Traurigkeit geprägt. Franzlüning bezeichnete die Kinder deshalb gern als „Pfützenspringer“. Es gebe viel Freude, die bei der gemeinsamen Arbeit häufig überwiege. Die Kinder seien froh, ihre Gefühle offen zeigen zu können, und zeigten den Erwachsenen manchmal selbst, wie man mit Trauer umgehen könne.
Während der Kinderstunden steht Martin Lammers den Eltern als Ansprechpartner zur Verfügung. Hier können sich die Eltern auch untereinander austauschen. Vor der Teilnahme der Kinder und Jugendlichen an der Gruppe findet im Übrigen zuerst ein Einzelgespräch statt. Danach entscheiden die Kinder und Jugendlichen selbst, ob sie das Gruppenangebot annehmen möchten. Die Dauer der Begleitung sei unterschiedlich, erklärte Meier-Sudmann: Häufig seien es drei bis vier Monate, manchmal auch eineinhalb Jahre, je nachdem, wie es gewünscht werde.
Derzeit engagieren sich sechs Ehrenamtliche. Die Gruppen werden für maximal sechs Kinder beziehungsweise Jugendliche angeboten. Drei Ehrenamtliche begleiten die Gruppenstunden. Reiche die Unterstützung nicht aus, suchten die Ehrenamtlichen das Gespräch mit den Eltern und empfählen bei Bedarf weitere Hilfen, etwa eine professionelle psychologische Begleitung, so Meier-Sudmann.
Ehrenamt, das viel zurückgibt
Wer sich mit der Begleitung trauernder Kinder beschäftigt, könnte zunächst eine besonders belastende Aufgabe vermuten. Die Erfahrungen der Ehrenamtlichen zeichnen jedoch ein differenziertes Bild. „Wir haben alle einmal neu in unserer Tätigkeit angefangen und vielleicht auch gedacht wie andere: Oh Gott, diese ehrenamtliche Tätigkeit könnte ich nicht“, berichtete Franzlüning. Doch die Arbeit bestehe keineswegs ausschließlich aus traurigen Momenten. Gerade die Offenheit, die Lebendigkeit und die kleinen Fortschritte der Kinder gäben viel zurück.
Auch Ingeborg Bundt betonte, dass die Tätigkeit nicht nur Kraft koste, sondern den Engagierten selbst viel schenke. Die Kinder erzählten von den Verstorbenen, teilten Erinnerungen und zeigten dabei auch ihre Lebensfreude. Traurigkeit überwiege in den Gruppenstunden nicht.
Die Gruppe sucht weitere Ehrenamtliche. Interessierte könnten sich melden und nach einem Gespräch folge bei beiderseitigem Interesse eine kurze Schulung. Ein Tag der offenen Tür am 7. November am Nachmittag im Malteserhaus, Bremer Straße 21, bietet Gelegenheit, die Arbeit kennenzulernen.
Auch finanziell ist die Gruppe auf Unterstützung angewiesen. Die Arbeit werde hauptsächlich durch Spenden getragen. Kosten entstünden beispielsweise für Mietanteile und Bastelmaterial. Deshalb freue sich das Team über jede finanzielle Zuwendung, mit der die Angebote für die Kinder und Jugendlichen ermöglicht werden können.
Die Kinder- und Jugendtrauergruppe erhielt für ihr Engagement bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr den Sonnenschein-Preis der Caritas-Gemeinschaftsstiftung Osnabrück. Aufgrund dieser Auszeichnung wurde sie für den Deutschen Engagementpreis nominiert.
Die Nominierung sei bereits eine große Wertschätzung. „Den Sonnenschein-Preis haben wir schon. Und darauf sind wir stolz“, sagte Franzlüning. Auch ohne einen weiteren Preisgewinn mache die Nominierung die Arbeit bekannter, rücke Kinder- und Jugendtrauer stärker in die Öffentlichkeit und sei für die Gruppe eine große Wertschätzung.
Der Deutsche Engagementpreis würdigt bürgerschaftliches Engagement. Über den Publikumspreis entscheidet die Öffentlichkeit online. Im vergangenen Jahr beteiligten sich fast 100.000 Menschen.
Wer die Twistringer Kinder- und Jugendtrauergruppe unterstützen möchte, kann noch bis Donnerstag, 29. Oktober 2026, um 17.59 Uhr unter deutscher-engagementpreis.de/publikumspreis/nominierte abstimmen. Die Preisverleihung findet am 26. November im Colosseum Berlin statt.
(Foto/Text: WESER-KURIER/SYKER KURIER)