Leben retten – auch das eigene!

Rhian Rohrweber (links) und Louisa Rohde beim Übungseinsatz; Bildquelle: Lukas/Malteser

Schellerten (mhd). Eigenes Adrenalin spüren, gelerntes Wissen abrufen, dabei auf andere vertrauen – das bietet kein Lehrbuch, das kann nur praktisches Üben. Vor diesem Hintergrund organisierten Malteser der Rettungswache Schellerten am Samstag, 19. September 2026, ihre jährliche „Herbstübung“, die rund 70 Retterinnen und Retter verschiedener Hilfsdienste zusammenführte.


Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist auch der Unterschied zwischen Stillsitzen und Schweiß vergießen. 15 anstrengende Szenarien hatte Notfallsanitäter Tilman Lampe von der Malteser-Rettungswache in Schellerten daher monatelang vorbereitet und mit anderen umgesetzt. Sein Ziel: Auszubildende im Beruf des Notfallsanitäters/Notfallsanitäterin sollten so nah wie möglich mit der Realität konfrontiert und zugleich die Zusammenarbeit mit anderen Hilfsdiensten geübt werden.

Zum Beispiel anhand jener bedauernswerten Frau, die beim Säubern der Regenrinne von der Leiter gefallen war und sich selbst am Ständer der Wäscheleine aufgespießt hatte. Ergebnis: eine Durchspießungsverletzung – zum Glück nur gespielt. Echt war dagegen die Ernsthaftigkeit, mit der Rhian Rohrweber und Louisa Rohde um das Leben der Frau „kämpften“. Während die 25-jährige Rohde, die bei den Maltesern in Schellerten im dritten Ausbildungsjahr zur Notfallsanitäterin ausgebildet wird, den Kopf der Patientin hielt, bereitete ihre fünf Jahre jüngere Kollegen Rhian Rohrweber aus dem zweiten Lehrjahr gekonnt eine Infusion vor. Hier spürte man das eingeübte Zusammenspiel zweier angehender Fachkräfte. Doch was tun mit dem Rohr, das durch den Brustkorb ragte? Nach einiger Überlegung alarmierten beide das Technische Hilfswerk (THW), deren Ehrenamtliche sich schnell um das kümmerten, was mit Werkzeug erledigt werden kann.

Beobachtet wurde dieser fingierte Einsatz – wie auch die anderen – von jeweils einem Praxisanleiter oder einer Praxisanleiterin: erfahrenen Notfallsanitätern mit einer 300-stündigen pädagogischen Weiterbildung, die ihren Schützlingen genau auf die Finger schauten und auch eifrig Notizen machten. Dabei gehe es nicht darum, Zensuren zu verteilen, stellte Tilman Lampe – selbst ein erfahrener Praxisanleiter – klar. Vielmehr sollten bei den Nachbesprechungen mögliche Fehler und auch Handlungsalternativen in einem geschützten Rahmen ganz offen angesprochen werden können. „Manchmal gibt es nämlich nicht nur die eine richtige Lösung, sondern unterschiedliche Ansätze“, erklärt Lampe.

Um das zu üben, hatte Tilman Lampe im Umkreis von Schellerten noch andere Unfälle und medizinische Notfälle inszeniert: darunter jene Mitarbeiterin, die bei Wartungsarbeiten in einem Schacht des Klärwerks von Schellerten abgerutscht und einen Meter tief gefallen war. Ihr Unterschenkelbruch musste im Zusammenspiel von Maltesern und der Grubenwehr von Schacht Konrad versorgt werden. Im Programm waren auch eine bewusstlose Person in einer Bushaltestelle, ein Arbeitsunfall beim Holzhacken und eine Kohlenmonoxidvergiftung bei Arbeiten an einem Motor.

Ein Szenario aber stach heraus, weil es dem Helferdrang der Auszubildenden entgegenlief: In einem Vereinsheim, so die Annahme, wollten zwei Brüder Renovierungsarbeiten durchführen. Einer davon sei kurz bewusstlos geworden, worauf sein „Bruder“ den Notruf wählte. Vor Ort eskalierte die Situation dann aber schnell: Offensichtlich war Alkohol im Spiel, die Stimmung wurde aggressiv und plötzlich hatte der „Patient“ ein Messer in der Hand. An dieser Stelle unterbrachen die beiden „Brüder“ – zwei erfahrene Polizisten – das Szenario. Im Ernstfall hätten beide Sanitäter keine Chance gehabt, erklärte einer der „Brüder“ den sichtlich erschrockenen Auszubildenden des ASB. Lernziel hier: Eigenschutz nicht vergessen. Manchmal muss man zuerst das eigene Leben retten!

Das Gelernte konnten die jungen Männer, beide im dritten Ausbildungsjahr des ASB, gleich im nächsten Szenario üben, bei dem sie zu einer Grillhütte gerufen wurden. Dort lag ein Patient im Flamingokostüm, der sich offenbar betrunken mit anderen Gästen geprügelt hatte. Der junge Mann, der seine Rolle hingebungsvoll spielte, schwankte beim Anblick der Sanitäter zwischen Freude und Ablehnung. Was tun? Der erfahrene Praxisanleiter des ASB gab seinen beiden Auszubildenden anschließend wertvolle Hinweise. Richtig war auf jeden Fall, den Patienten ins „Krankenhaus“ zu bringen.

Das bestand bei dieser Übung aus zwei Zelten des DRK Hildesheim, wo Leichtverletzte betreut und Schwerverletzte medizinisch versorgt werden konnten. Auch hier hatten die Praxisanleiter noch ein wachsames Auge auf ihre Schützlinge: Stimmt die Übergabe der Vitalwerte an die Helfer im Zelt? Wurden alle wichtigen Daten genannt? Klappt die Umlagerung des Patienten von der Trage des Rettungswagens auf die Trage im Patientenzelt?

Um all diese Szenarien möglichst realitätsecht wirken zu lassen, arbeiteten viele Helferinnen und Helfer im Hintergrund. Seit acht Uhr morgens hatten sechs Helfende des DRK und vier des ASB Laiendarstellern die verschiedensten Verletzungen angeschminkt. „Realistische Unfall- und Notfalldarstellung (RUND)“ heißt die Kunst, Menschen innerhalb weniger Minuten mit Hilfe von Kunstblut, Plastikknochen und chemischem Schweiß in Patientinnen und Patienten zu verwandeln.

Damit die Übung noch realistischer wird, hatte Tilman Lampe eine eigene Leitstelle für Notrufe aufgeboten- den Einsatzleitwagen des ASB. Hier nahmen erfahrene Notfallsanitäter die fingierten Notrufe entgegen und vermittelten sie weiter. Dass Patienten gelegentlich in die „Universitätsklinik Schellerten“ verlegt wurden, machte deutlich: Hier wird zum Glück nur geübt!

Dies aber mit Erfolg, wie Tilman Lampe beim Schlussappel am frühen Nachmittag betonte, bevor die Übungsteilnehmer von Stadt und Landkreis Hildesheim zu Hotdogs und Limonade eingeladen wurden: Das Übungsziel sei erreicht, kleinere Probleme müssten nun aufgearbeitet werden. Sicher ist: Im kommenden Herbst wird man sich wieder treffen.

Die „Herbstübung 2026“ war die neunte in Folge, die von Tilman Lampe und der Rettungswache in Schellerten organisiert wurde, zum ersten Mal unter der Fahne der Malteser. An ihr nahmen Einsatzkräfte von Maltesern, Johannitern, DRK, ASB, THW, Feuerwehren, Grubenwehr Schacht Konrad, First-Responder-Einheiten und Polizei mit insgesamt sechs Rettungsfahrzeugen teil.


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