Minus drei Grad sind es an diesem Wintermorgen in einem kleinen Ort bei Könnern in Sachsen-Anhalt. Feuchte Kälte liegt in der Luft, Menschen und Hunde sind dick eingepackt. Einige stürmisch, die anderen abwartend-zurückhalten beschnuppern sie sich – es ist ihr erstes Kennenlernen. Dann machen es sich die Fellnasen auf ihren mitgebrachten Decken gemütlich, während die Menschen im Kreis um Ramona Wegemann Aufstellung beziehen. Acht Mensch-Hund-Gespanne sind Teil des Malteser-Projekts: der Ausbildung zum Besuchshundetandem.
Zum ersten Mal richtet der Malteser Hilfsdienst in Sachsen-Anhalt einen eigenen Besuchshundekurs aus. „Wir wollen den Dienst weiter aufbauen und in der Öffentlichkeit stärker verankern“, sagt Katrin Leuschner, Projektkoordinatorin und Referentin für das Soziale Ehrenamt. Bisher gibt es im Land vier solcher Tandems – in Sangerhausen, Magdeburg, Könnern und Haldensleben. Sie besuchen bereits Einrichtungen wie Altenpflegeheime, Suchthilfeprojekte oder das Bischof-Weskamp-Haus. Nun sollen weitere Teams dazukommen.
Drei Monate dauert die Ausbildung, am Ende steht ein Zertifikat. Trainiert werden die Tandems von Ramona Wegemann, Hundetrainerin und Hundepsychologin, die selbst ehrenamtlich für die Malteser tätig ist. „Größe oder Rasse spielen keine Rolle“, erklärt sie. „Entscheidend sind die charakterlichen Eigenschaften: Offenheit, Freundlichkeit, Mut – und die Fähigkeit, sich ruhig unter vielen Menschen zu bewegen.“ Vom Zwergspitz über den Rauhhaardackel bis zum Labrador sind an diesem Tag die unterschiedlichsten Rassen dabei.
Zunächst geht es um die Grundlagen: Wie verhalten sich die Hunde in der Gruppe? Wie ausgeprägt ist ihr Grundgehorsam? Später folgen spezielle Trainingssituationen – der Umgang mit Rollstühlen, lauten Geräuschen, fremden Menschen. Denn in ihrer Aufgabe als Besuchshunde sollen die Fellnasen Nähe zulassen, Streicheleinheiten genießen, dabei aber nicht stürmisch oder ängstlich reagieren. „Sie dürfen nicht hochspringen, nicht kratzen, niemanden bedrängen“, sagt Wegemann. „Und sie müssen das alles gern tun. Wenn ein Hund sich unwohl fühlt, muss der Mensch ihn aus dieser Situation herausnehmen.“
Für die Menschen ist die Ausbildung ihrer Lieblinge eine bewusste Entscheidung. Nadine Hänisch aus dem Mansfelder Land hat sich mit ihrer Hündin ganz bewusst zur Teilnahme entschieden. 30 Kilometer fährt sie für jeden Präsenztag. „Meine Hündin ist ruhig, sehr menschenfreundlich und zeigt keine Aggression“, sagt sie. Dass sie den Großteil der Ausbildung selbst bezahlt, stört sie nicht. „Das ist absolut plausibel. Schließlich lernen wir ja was dabei.“ Später könnte sie mit ihrem Hund ein Seniorenheim, ein Hospiz oder sogar eine Kita in Eisleben besuchen – Möglichkeiten gibt es viele.
Doch erst einmal will Ramona Wegemann sehen, wie eingespielt die Tandems sind. Und, wie sich die Hunde auf den unterschiedlichsten Untergründen bewegen. Es geht durch einen Tunnel, über einen ganz schmalen Holzsteg, dann in ein improvisiertes Stoffzelt, eine Plastikbahn hoch und wieder runtern, und anschließend nochmal durch einen Tunneln, einen allerdings, bei dem die Hunde nicht um die Ecke gucken können. Manche meistern das wie alte Profis, andere müssen sich erstmal mit der neuen Situation anfreunden. Was dabei schnell auffällt: Es gibt kein wildes Gekläffe, keine Balgereien. Die meisten liegen auf dem Sandboden im Trainingsbereich der Hundeschule, andere beobachten - mit Abstand - was in der Gruppe los ist.
In drei Monaten, wenn die Ausbildung nach Präsenz- und Online-Übungsterminen abgeschlossen ist, wartet eine praktische Prüfung: ein Probeeinsatz in einer stationären Einrichtung. Dort müssen die Tandems zeigen, dass sie funktionieren – dass sie Nähe schaffen, kleine Verwöhnmomente ermöglichen und zugleich verantwortungsvoll handeln.
Wenn das Pilotprojekt gut angenommen wird, wollen die Malteser den Kurs künftig einmal im Jahr anbieten. An diesem frostigen Morgen bei Könnern jedenfalls ist der Anfang gemacht. Die Hunde rücken näher zusammen, erste Leinen lösen sich, vorsichtige Wedelbewegungen setzen ein. Noch sind es Trainingsstunden – bald könnten daraus regelmäßige Besuche werden, die Menschen in Pflegeheimen, Kliniken oder Suchthilfeeinrichtungen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.