Impulse für die Praxis

Malteser Markus Bensmann diskutierte am Sonntagmittag mit Professorin Dr. Barbara Juen, Pfarrer Dr. Uwe Rieske und dem Stadtkämmerer von Hannover, Dr. Axel von der Ohe (von links); Bildquelle: Boes/Malteser

Hannover/Köln (mhd). Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Mit diesen Worten brachte Pfarrer Dr. Uwe Rieske die Dinge auf den Punkt. Der evangelische Geistliche war einer von sieben Referentinnen und Referenten der „Malteser Fachtagung Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) 2026“, zu der sich unter dem Titel „Eine Hilfe – viele Gesichter“ rund 130 PSNV-Experten der Malteser aus ganz Deutschland vom 13. bis 15. März im Stephansstift Hannover trafen, um Fragen rund um Krisenintervention, Krisenresilienz und seelische Hilfe im Notfall zu diskutieren.

Wie gehen wir mit Rettungskräften um, die nach einem Einsatz traumatisiert sind? Was sagt man einem Kind, dessen Vater sich erhängt hat? Und wer sorgt dafür, dass die Bevölkerung im Falle eines Krieges oder einer Katastrophe möglichst wenig seelischen Schaden nimmt? Diesen und anderen Fragen aus dem Bereich der PSNV widmeten sich auf der dritten PSNV-Bundestagung des katholischen Hilfsdienstes Expertinnen und Experten mit ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Einen faszinierenden Blick in das Gehirn des Menschen warf Dr. Alexander Jatzko. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Klinikdirektor der CuraMed Privatklinik Stillachhaus in Oberstdorf vermittelte am Beispiel der Flugzeugkatastrophe auf der US-Airbase von Ramstein im Jahre 1988, wie Menschen solche Katastrophen erleben und verarbeiten. Dieses Unglück, das 70 Todesopfer forderte, war nach seinen Worten ein Meilenstein in der PSNV-Forschung. Erst danach wurde allmählich bewusst, wie wichtig die Nachbetreuung von traumatisierten Menschen ist.

Eine besondere Herausforderung für die PSNV ist die Betreuung von Kindern. Dipl.-Psych. Simon Finkeldei, ein Psychologischer Psychotherapeut und Supervisor beleuchtete diesen Aspekt in einem sehr lebendigen Vortrag unter dem Titel „Lehrmeinungen im Wandel“, in dem er auch mit manchen Mythen aufräumte, während Dr. Claudia Croos-Müller, Ärztin für Neurologie, Nervenheilkunde und Psychotherapie, die Einsatzkräfte selbst in den Blick nahm und dabei die enge Verbindung von Körper und Seele betonte. Mit Hilfe der „BODY 2 BRAIN CCM-Methode“ und speziellen Körperübungen lassen sich nach ihrer Überzeugung seelische Spannungen abbauen. „Kopf hoch! Äußere Haltung macht innere Haltung,“ lautete denn auch der Titel ihres Vortrags, den sie wie die beiden anderen Referenten anschließend in Workshops vertiefte.

Den schweren Themen Krieg, Krisen und Katastrophen widmeten sich am letzten Konferenztag Markus Bensmann, Bereichsleiter Notfallvorsorge der Malteser Deutschland, Pfarrer Dr. Uwe Rieske mit seiner langjährigen Erfahrung in der Militärseelsorge und Notfallseelsorge sowie die Innsbrucker Professorin Dr. Barbara Juen, eine Klinische Psychologin und Notfallpsychologin. Alle drei betonten jeweils aus ihrer fachlichen Sicht sowohl die Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaft im Kriegs- und Katastrophenfall stehen würde, wie auch die vorhandenen Ressourcen, um diese Herausforderungen zu bewältigen.

Die Bevölkerung vor einer möglichen Gefahr zu warnen, ohne dabei Ängste und Panik zu schüren sei eine Gratwanderung, so die Innsbrucker Professorin. Ein Zwiespalt, den der evangelische Geistliche Rieske dann in einer Podiumsdiskussion mit Dr. Axel von der Ohe, dem Ersten Stadtrat und Stadtkämmerer der Landeshauptstadt Hannover, sowie Bensmann und Juen so auf den Punkt brachte: „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.“

Abgerundet wurde diese dreitägige Tagung durch einen geistlichen Impuls von Br. Norbert Verse SDS und ein kurzweiliges Abendprogramm im Kolumbarium Hl. Herz Jesu in Hannover-Misburg, bei dem der bekannte Kabarettist und selbst ernannte „Vertreter für gehobenen Blödsinn“ Matthias Brodowy unter anderem dem Thema Sterben und Tod eine pietätvoll-nachdenkliche und zugleich heitere Note verlieh.

In der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) stellen die Malteser Deutschland umfassende Hilfen bereit, um Betroffenen bei der Verarbeitung von belastenden Ereignissen oder schweren Unglücksfällen, auch über die medizinische Hilfe hinaus, Unterstützung anbieten zu können. Sie gliedert sich in die Bereiche Krisenintervention und Einsatznachsorge sowie präventive Hilfsangebote für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bundesweit arbeiten rund 1400 Malteser im Bereich PSNV.


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