Von Maria lernen

Gestern führte uns unser Kreisseelsorger, Alexander Lungu, durch den zweiten geistlichen Impulsabend dieses Jahr. Mit Blick auf die Muttergottes hinterfragte er, was Gott von uns erwartet, oder was wir meinen, dass Gott von uns erwartet. In diesem Zusammenhang können wir sehr viel von Maria lernen, wenn auch manche darin eine Herausforderung sehen. 

Maria ist ein Vorbild – für Männer wie für Frauen. Als Vorbild soll sie uns als Ansporn dienen, nicht als unerreichbares Ideal, das uns niederdrückt. Sie kann uns trösten, ermutigen und auf wesentliche Fragen hinweisen. Wir sollen nicht versuchen, eine Kopie von ihr zu werden, denn eben sowas führt unwillkürlich zur Überforderung, sondern von ihr lernen.

Bei der Heiligenverehrung ist es grundsätzlich wichtig, nicht nur einen einzelnen Aspekt der Heiligen zu betrachten. Auch die Heiligen kannten Unzulänglichkeiten, Zweifel und Schwäche, sie sind nicht perfekt auf die Welt gekommen. Sie wurden nicht nur nach oben geführt, sondern manchmal auch tief nach unten.

Maria jedoch war anders. Versuchen wir, uns in Maria hineinzuversetzen – besonders im Augenblick der Verkündigung des Herrn, wie sie uns das Lukas-Evangelium schildert. In diesem Text wird Gottes großer Plan deutlich sichtbar: Maria soll den Erlöser empfangen. Ihr „Ja“ steht im Mittelpunkt – doch es gibt noch weitere wichtige Einsichten, die wir oft übersehen.

Maria war bedingungslos, angstlos und voller Vertrauen – so hören wir immer von ihr. Die Erfahrung machen die meisten von uns selten. Oft eher halbherzig versuchen wir den Ruf Gottes selbst zu interpretieren und zurechtzubiegen, dass er in unser Leben passt. Wie anders wirkt dagegen Marias vollkommenes Ja! Maria war aber von Anfang an für diese besondere Aufgabe vorbereitet. Sie war von der Erbschuld befreit, die nicht individuell ist, sondern mit der menschlichen Natur zu tun hat als Folge des Sündenfalls des Menschen. Deshalb war sie auch anders als die anderen Heiligen, deshalb durfte sie frei von den Verstrickungen der Sünde sein – und deshalb stirbt sie auch nicht, sondern wird mit Leib und Seele zu Gott von dieser Welt erhoben. Ihr Ja ist nicht nur anders als unseres, sondern hat auch andere Voraussetzungen. 

Für uns folgt diese Vollendung aber erst im Himmel, wir schaffen es nicht hier auf Erden völlig sündenfrei zu sein. Und das müssen wir auch nicht. Gerade für unsere Schwächen und Sünden ist Gott Mensch geworden und hat sich hingegeben. Wir müssen nicht dasselbe „leisten“ wie Maria. Wir sind nicht dazu berufen, unbefleckt zu sein – und das ist eine befreiende Erkenntnis. Wir sind aber berufen von der Unbefleckten zu lernen. 

Maria gibt bei der Verkündigung ihr Ja aus reinem Glauben. Sie versteht nicht, was das alles bedeutet – und dennoch sagt sie Ja. Solche Glaubenserfahrungen sind kostbar. Sie zeigen uns, dass wir nicht alles verstehen müssen, um uns Gott anzuvertrauen.

Wann schenken wir Gott echtes, volles Vertrauen? Besonders dann, wenn Sein Plan nicht mit unserem übereinstimmt, wird es schwer. Gerade der moderne Mensch, der meint, alles im Griff zu haben, tut sich damit schwer. Hier kann uns Maria ein großes Vorbild sein: Sie sagte Ja, obwohl sie nicht verstand, obwohl Gottes konkreter Plan nicht ihr Plan war. Sie sagte im Grunde: „Du wirst schon recht haben, Gott. Weil es von dir kommt, ist es gut.“

Joseph Ratzinger hat einmal sinngemäß gesagt: Wenn mir der Glaube schwerfällt, dann soll ich zunächst so handeln, als ob ich glauben würde – und dann werde ich sehen, wie es geht. Man soll den Weg im Vertrauen gehen, dass es gut ist, weil es von Gott kommt.

Und schließlich: Es ist ein großer Irrtum zu glauben, wir müssten erst „würdig“ werden, bevor wir uns an Gott wenden dürfen. Gerade in der Stunde der Schwäche, der Not und der Unwürdigkeit brauchen wir Gottes Nähe am meisten. Dann dürfen und sollen wir zu Ihm kommen.

Ein großes Dankeschön an unseren Kreisseelsorger für diese wertvollen Impulse in diesem schönen Mai- und Marienmonat.


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