Köln. Die Warnung vor den falschen Weichenstellungen in der Reform des Notfallversorgung könnte kaum lauter sein: „Dem deutschen Rettungsdienst droht ein struktureller und flächendeckender Kollaps. Die Auswirkungen werden die Patientensicherheit unmittelbar gefährden“, warnt der Geschäftsführer des Malteser Hilfsdienstes, Frank Weber. Das Problem: „Das Kind wird mit dem Bade ausgeschüttet. Zwar soll zurecht die Effektivität im Zusammenspiel von ärztlichem Notdienst, Notaufnahmen im Krankenhaus und Rettungsdienst gesteigert werden. Aber zugleich wird eine Finanzierungslücke zugelassen, die die Träger des Rettungsdienstes wie die Hilfsorganisationen wirtschaftlich ausbluten lässt“, skizziert Weber die Folgen. Denn das neue Gesetz sieht keine Refinanzierung der tatsächlich entstandenen Kosten mehr vor. Vielmehr sollen Ausgaben und Vergütungen einfach gedeckelt werden. „Damit entzieht der Bund den Trägern die wirtschaftliche Basis und das führt unweigerlich zu massiven Qualitätsverlusten mit unkalkulierbaren Folgen für die Notfallpatienten. Da Rettungswagen, Sanitäter und die medizinische Ausstattung aber Tag und Nacht für einen Notfall vorgehalten werden müssen, entstehen dauerhaft die nahezu identischen Kosten - unabhängig von der Zahl und dem Profil der Einsätze“, erläutert Weber.
Weniger Notfallsanitäter, mehr Praxisferne
Fehlt die Garantie zur Refinanzierung von Personalkosten und attraktiven Arbeitsbedingungen, verschärft sich der bereits bestehende Mangel an Fachkräften. Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter weichen in andere Berufe aus. Folge: Die Qualität der rettungsdienstlichen Versorgung sinkt. Mit unmittelbaren Folgen auf die Patientenversorgung bei Großschadenslagen oder Verkehrsunfällen. Kritik übt Weber auch daran, dass laut Gesetzesentwurf zwar zur Notfallversorgung ein neues Fachgremium „Medizinische Notfallrettung“ auf Bundesebene geschaffen werden soll, aber die Hilfsorganisationen darin keine Stimme bekommen. „Dabei leisten wir Hilfsorganisationen 90 Prozent des Rettungsdienstes in Deutschland“, so Weber. Die Rettungsdienst-Experten fürchten praxisferne und bürokratische Entscheidungen, die dazu führen, dass der Fokus der Retter nicht mehr vollständig auf den Patienten liegt.
Auswirkungen auf den Zivil- und Katastrophenschutz
Der Rettungsdienst ist zudem das Fundament, auf dem das ehrenamtliche System des Katastrophenschutzes beruht. Müssten sich die Hilfsorganisationen wegen der Unterfinanzierung ihrer Leistungen aus dem Rettungsdienst zurückziehen, können sie auch ihre Strukturen für den Zivil- und Katastrophenschutz (z.B. bei Hochwasser, Stromausfällen oder Naturkatastrophen) nicht mehr in der heutigen Stärke und Qualität aufrechterhalten. Das jahrzehntelang bestehende System zum Schutz der Bevölkerung, welches beispielsweise an der Ahr im Einsatz war, ist durch die falsche Gestaltung der Notfallversorgung der Bundesregierung mittelbar massiv gefährdet.