Wenn nach 34 Jahren eine Ära zu Ende geht, greift man gerne auf reine Zahlen zurück, um das Lebenswerk eines Menschen zu beschreiben. Man zählt die Jahrzehnte, die gestiegenen Mitgliederzahlen oder die neu geschaffenen Dienststellen. Doch wer das Wirken von Ludwig Unnerstall bei den Maltesern in der Diözese Osnabrück wirklich verstehen will, der muss jenseits der Statistiken ansetzen. Dort, wo strategisches Management und tiefe Menschlichkeit aufeinandertreffen.
Weihbischof Johannes Wübbe brachte diese seltene Kombination im feierlichen Gottesdienst vor der offiziellen Verabschiedung prägnant auf den Punkt: „Sie haben den Verstand eines Strategen mit dem Herz eines Helfers verbunden.“ Es ist ein Satz, der das Fundament einer jahrzehntelangen Karriere beschreibt, die 1991 ganz bescheiden als Trainee begann und Unnerstall bereits zwei Jahre später an die Spitze der Diözesangeschäftsführung führte.
Unter seiner Leitung vollzog der katholische Hilfsverband einen tiefgreifenden Wandel. Aus einer ehemals überschaubaren Struktur formte der gelernte Betriebswirt eine moderne, professionelle Hilfsorganisation. Meilensteine wie die Etablierung des ambulanten Hospizdienstes in den 1990er-Jahren, der Auf- und Ausbau sozialer Dienste oder die Bewältigung von humanitären Großlagen wie der Flüchtlingshilfe und der Corona-Pandemie tragen seine Handschrift. Unnerstall bewies dabei stets den Weitblick des Planers, dem es gelang, die Balance zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und christlichem Auftrag zu meistern.
Doch die größte Leistung des scheidenden Geschäftsführers liegt in der Art und Weise, wie er dieses Wachstum moderierte. In einer Organisation, die maßgeblich vom Zusammenspiel zwischen hauptamtlicher Professionalität und dem unentgeltlichen Engagement tausender Ehrenamtlicher lebt, verstand sich Unnerstall nie als distanzierter Manager. Seine Stärke lag im Leisen. Statt die große Bühne oder das Rampenlicht zu suchen, investierte er unzählige Abende und Wochenenden, um den direkten Kontakt zu den Basisgliederungen zwischen Ostfriesland und dem Osnabrücker Land zu pflegen.
Dieses unermüdliche Zugehen auf die Menschen schuf ein belastbares Fundament aus Vertrauen, das den Verband selbst durch strukturelle Reformen und interne Konflikte trug. Wegbegleiter beschreiben Unnerstall als verlässlichen Anker, der zuhören konnte und das Ehrenamt nicht nur als Ressource, sondern als echten Gestaltungsraum begriff.
Die Dankbarkeit der Maltesergemeinschaft für diesen außergewöhnlichen Einsatz spiegelte sich auch in den hochrangigen Ehrungen des Abschiedstages wider. Diözesanleiter Dr. Johann Rotger van Lengerich zeichnete Unnerstall mit der Malteser Verdienstplakette in Gold aus, während die stellvertretende Caritas-Direktorin Stefanie Holle im Namen des Diözesanen Caritasverbandes die goldene Ehrennadel überreichte.
Mit der Staffelstabübergabe an seinen Nachfolger Oliver Kliesch hinterlässt Ludwig Unnerstall ein gut bestelltes Haus. Der 32-jährige Kliesch übernimmt eine Diözese, die heute gesund und fest verankert in der Mitte der Gesellschaft steht. Klieschs Lebenslauf weist dabei viele Parallelen zu dem von Ludwig Unnerstall auf. Er startete 2019 als Trainee bei den Maltesern, übernahm wenige Jahre später bereits die Geschäftsführung der Diözese und des Bezirks Essen und hat dort unter anderem wichtige Strategieprozesse initiiert und vorangetrieben. Oliver Kliesch wohnt mit seiner Frau und der jüngst geborenen Tochter in Osnabrück und freut sich auf die Zusammenarbeit mit den engagierten Haupt- und Ehrenamtlichen der Malteser vor Ort.