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Alle Menschen mitdenken und einbinden - Initiative Inklusive Katastrophenvorsorge Baden Württemberg

Was bedeutet „inklusive Katastrophenvorsorge“ konkret – und warum reicht klassischer Katastrophenschutz heute nicht mehr aus?

Stefan Simon: Der Begriff bedeutet, dass wir Gruppen wie Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Migrationshintergrund oder in sozioökonomisch herausfordernden Situationen mitdenken müssen, damit sie nicht vergessen werden. Der klassische Katastrophenschutz muss sich weiterentwickeln und dafür Strategien entwickeln.

Wo zeigen sich im Einsatz oder in Übungen ganz konkret Barrieren für betroffene Gruppen? 

Zum Beispiel, was wir bei einer Evakuierung mit Menschen mit Autismus oder einer Demenz beachten müssen. Solche Situationen können starken Stress oder Panik bei den betroffenen Menschen auslösen. In dem Fall sollten die Einsatzkräfte wissen, wie sie mit den Menschen kommunizieren - nämlich so ruhig wie möglich agieren, hektische Bewegungen vermeiden, klar, einfach und empathisch kommunizieren. 

Und was muss hier getan werden?

Wir brauchen hier unter anderem entsprechende Schulungen und Weiterbildungen.  

Die Initiative Inklusive Katastrophenvorsorge Baden Württemberg zieht nach zwei Jahren eine erfolgreiche Bilanz. Was hat sie erreicht?

In den vergangenen zwei Jahren konnte die Initiative dadurch den inklusiven Katastrophenschutz als eigenständiges Handlungsfeld fachlich etablieren. Mit einer landesweiten Status-quo-Erhebung entstand zudem erstmals eine belastbare Datengrundlage zu Defiziten und Handlungsbedarfen in diesem Bereich. Inklusive Übungen lieferten praxisnahe Erkenntnisse, die konkrete Barrieren sichtbar machten. Begleitende Fachformate haben die Sensibilität in diesem Bereich deutlich gesteigert und Impulse für politische Weiterentwicklungen gesetzt. 

Die Initiative hat ein Strategiepapier entwickelt mit den Blick nach vorn. Welche nächsten Schritte sind entscheidend für die kommenden Jahre?

Da das Thema so wichtig ist, wünschen wir uns, dass die Initiative verstetigt und eine dauerhafte Koordinations- und Steuerungsstruktur dafür geschaffen wird. Unser Wunsch ist außerdem, dass Personal und Sachmittel für die weitere Arbeit bereit gestellt wird und die inklusive Katastrophenvorsorge mit konkreten Handlungsempfehlungen in Landesstrategien, Förderrichtlinien und Fachkonzepten verbindlich und standardmäßig verankert wird. Inklusion sollte auch im Katastrophenschutz Standard werden und kein Zusatz. Neben Aus- und Fortbildungen gilt es, weitere inklusive Übungen durchzuführen, damit Barrieren frühzeitig identifiziert und beseitigt werden. 

Warum ist Inklusion im Katastrophenschutz kein Nischenthema, sondern ein Gewinn für alle? 

Weil wir im Alltag ständig – privat wie dienstlich – mit Menschen zu tun haben, die Unterstützung brauchen. Ein inklusiver Katastrophenschutz setzt auf den Abbau von Barrieren, auf verlässliche Abläufe und klare Kommunikation. Das kommt nicht nur einzelnen Gruppen zugute, sondern erhöht die Handlungsfähigkeit für alle Beteiligten – für Betroffene ebenso wie die Einsatzkräfte. 

Wie setzen die Malteser Katastrophenvorsorge inklusiv um – und warum spielt die Eigenvorsorge der Bevölkerung dabei eine so wichtige Rolle?

Katastrophenvorsorge beginnt bei jeder und jedem Einzelnen: Bin ich selbst auf eine mögliche Krise vorbereitet? Als Hilfsorganisation sehen die Malteser ihre Aufgabe auch darin, genau für dieses Thema das Bewusstsein in der Bevölkerung zu stärken. Denn Eigenvorsorge ist unerlässlich – ebenso wie der Blick auf das eigene Umfeld. Gibt es in der Nachbarschaft etwa eine bettlägerige Person, die im Notfall nicht allein zurechtkäme?

Unterstützend gibt es beispielsweise vom Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden‑Württemberg e.V. einen leicht verständlichen Ratgeber zur Notfallvorsorge in einfacher Sprache. Er zeigt anschaulich, wie sich jede und jeder auf Krisensituationen vorbereiten kann, und ist sehr empfehlenswert.

Zur Broschüre

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Stefan Simon!

 

Weitere Informationen zur Initiative Inklusive Katastrophenvorsorge - Website des Innenministeriums 


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