Lernen mit dem Mini-Gehirn
Mittwoch, dritte Stunde, Biologie-Leistungskurs. Die Schülerinnen und Schüler des Liebfrauengymnasiums (LFG) lernen heute, komplexe Nahrungsnetze zu analysieren. Die Frage: Warum verbreitet sich die Quagga-Muschel so schnell im Bodensee und stört das Ökosystem? Alle haben ein iPad vor sich. Um die Frage zu beantworten, unterrichtet Lehrer Dennis Gehlen nicht nur zu Ökosystemen – er zeigt auch, wie man ein KI-Tool einsetzt. „Es ist unrealistisch, dass die Schülerinnen und Schüler KI nicht nutzen“, wissen er und die Kollegschaft. Deswegen hat das LFG schon früh die Hinweispflicht zur Nutzung von KI in Facharbeiten eingebracht. Und sie nutzen KI auch im Unterricht, wenn es sich anbietet. Die Frage nach der Quagga-Muschel erfordert wissenschaftliche Recherche und dafür eignet sich ein KI-gestütztes Recherche- und Lernwerkzeug von Google: Es arbeitet Informationen schnell und strukturiert auf, anhand der Materialien, die man selbst hochlädt. In vier Gruppen lernen die Schülerinnen und Schüler wie ein Ökosystem funktioniert – und wie sie eine Infografik, einen Podcast, ein Video und ein Quiz zum Thema generieren können.
KI recherchieren lassen?
„Es ist wichtig, die Jugendlichen anzuleiten, KI gewinnbringend zu nutzen“, sagt der 34-jährige Biolehrer. „Man kann KI so nutzen, dass das Ergebnis produktiver wird.“ Also wieso nicht? Typische Hürden sind Datenschutzfragen, Server im Ausland und die Sorge, dass KI die Lösungen erzeugt. Dennis Gehlen testet deswegen auch eine freie Version eines Meta-Sprachmodells, ohne Internetanschluss: „Meta stellt die neuronalen Netze als Datei frei zur Verfügung. Das sind eigentlich nur Millionen von Zahlen, die ein Mini-Gehirn ergeben“, erklärt er. Diese nutzt er lokal auf einem Notebook, über das die Schülerinnen und Schüler darauf zugreifen können. Damit ist es datenschutzkonform, die Daten verlassen den Informatikraum nicht. Und er kann der KI durch einen Systemprompt sagen, was sie darf und was nicht: „Der ‚LFG-Buddy‘, so haben wir die KI genannt, gibt zum Beispiel keine Ratschläge, wenn es um Psychisches geht, sondern verweist auf Hilfsangebote. Und er verrät keine Lösungen und macht keine Hausaufgaben.“
Die 17- und 18-Jährigen der 12. Klasse haben schon Erfahrung mit KI. Sophie hat zwar noch nie ein Video erstellt, dafür aber Grafiken. Hannah lässt sich Texte zusammenfassen, Phil, Laurens und Henri nutzen es zur Klausurvorbereitung, zum Beispiel um Lernzettel zu erstellen. Das Wichtigste aus der Tabelle, die die KI erstellt hat, schreibt sich Leonie trotzdem auf ihrem Collegeblock auf.
Bei der Recherche zur Quagga-Muschel hakt es, die KI spuckt keine Grafik aus. „Ändert den Prompt“, rät Dennis Gehlen. „Chat GPT ist schneller“, kommentiert Leonie, alle lachen. „Aber auch dümmer“, kontert Dennis Gehlen. Ihm geht es darum, KI im Interesse der Jugendlichen einzusetzen: „Wir wollen sie zu Mündigkeit erziehen. Dazu gehört auch die Recherche mit KI und das kritische Prüfen der Infos“, sagt er.
KI in der fünften Klasse?
Wie allgegenwärtig KI ist, zeigt sich in Gehlens nächster Stunde. Informatik bei der 5b, hier steht KI im offiziellen Lehrplan, wenn auch sehr vereinfacht. „Manchmal kommen mir random Sachen in den Kopf, zum Beispiel wann die Dinosaurier ausgestorben sind“, erzählt Luiz. Dafür nutze er dann KI. Der 10-Jährige greift am liebsten auf den KI-Assistenten Gemini zurück, er findet, „die Antworten sind richtiger“. Katharina zeichnet gern und fragt eine KI manchmal, was sie malen könnte. „Das darf ich aber nur mit meinen Eltern“, sagt sie. Mit zehn Jahren schon KI nutzen? Dennis Gehlen: „Heute ist es eine unserer größten Aufgaben, den Umgang damit zu lehren.“