Detmold. Das Szenario gestaltet sich düster: Die Landschaft gleicht einem Katastrophengebiet mit umherliegenden Trümmerteilen und unzähligen verletzten Menschen, die teilweise hockend, regungslos oder zusammengekrümmt am Boden liegend darauf warten, schnell medizinische Hilfe zu erhalten. Blutverschmierte Körper, sogar Tote, säumen den Wegesrand oder liegen im unwegsamen Gelände. Das Geraschel goldfarbener Rettungsdecken mutet allenthalben beinahe surreal an.
Live bei Arminius: So lief die große KatS-Übung mit 900 Personen
Ernster Hintergrund
Hollywood hätte das Bild im Rahmen eines Katastrophen-Blockbusters wohl kaum besser zeichnen können. Der Hintergrund des heutigen Geschehens ist jedoch ein ernster. Im Rahmen einer bislang einzigartigen Katastrophenschutzübung soll rund um das Kreistagsgebäude an der Felix-Fechenbach-Straße in Detmold heute das Zusammenwirken zahlreicher Player aus den entsprechenden Bereichen geübt werden. Schließlich möchte man gewappnet sein, wenn es zu einem Massenanfall von Verletzten, einem sogenannten MANV, kommt. Sowohl sich häufende Naturkatastrophen als auch die weltpolitische Lage machen erforderlich, bestmöglich vorbereitet zu sein, wenn sich derartige Vorfälle ereignen sollten. Aber von Anfang:
Rudolph Herzog von Croÿ zu Gast
Wir schreiben den 30. August und bei der heutigen Übung, die unter dem Namen „ARMINIUS“ stattfindet, beteiligen sich erstmals gleichzeitig rund 900 Personen aktiv. Neben Feuerwehr, Rettungsdiensten und Hilfsorganisationen ist auch das Klinikum Lippe in das Geschehen integriert.
Auch der Landesbeauftragte der Malteser NRW, Rudolph Herzog von Croÿ, ist zu Besuch, um hautnah zu erleben, wie die beteiligten Malteser die großangelegte Übung erfahren. Partizipieren werden nämlich die Gliederungen Hövelhof, Paderborn und Rietberg. Außerdem werden Malteser aus dem Kreis Lippe dabei sein.
Konzeptentwicklung für ganz NRW
Es ist 10.00 Uhr als Sascha Medina (stv. Fachbereichsleiter für den Bevölkerungsschutz im Kreis Lippe) den zahlreichen Gast-Beobachtern aus Innenministerium, Bezirksregierung, Kreis, Vertretern beteiligter Organisationen sowie Journalisten den Ablauf des heutigen Tages vorstellt.
Von Malteser Seite sind auch die stv. Diözesanleiterin Marion Freiin von Graes sowie Diözesangeschäftsführer Siegfried Krix gekommen.
Sinn und Zweck des Geschehens: Aufbauend auf den Erfahrungen und Ergebnissen, die die heutige Übung, die sogar wissenschaftlich evaluiert wird, ergeben, soll ein entsprechendes Drehbuch für ganz Nordrhein-Westfalen entwickelt werden, auf welches anschließend jede Gebietskörperschaft aufbauen könne, sagt Sascha Medina.
Skript aus IM
Das Skript für ARMINIUS stammt aus der Feder des NRW Innenministeriums. Sogenannte Steuerer sorgen mit besonderen Ideen und speziellen Regieanweisungen aus dem Hintergrund heute immer wieder dafür, dass die Herausforderungen im Sinne des Trainings anspruchsvoll bleiben.
Als Medina die Ausgangslage des heute zu trainierenden Szenarios beschreibt, wird es plötzlich mucksmäuschen still im großen Detmolder Kreistagssaal.
Musikfestival endet im Chaos
Die Story lautet so: Während eines Musikfestivals mit tausend Besucherinnen und Besuchern im Alter zwischen eins und 99 nähert sich eine heftige Unwetterzelle. Als sie sich entlädt, kommt es zu ungewöhnlich starken Blitzeinschlägen. Bäume werden durch Sturmböen entwurzelt und Menschen von umherfliegenden Ästen oder sonstigen Trümmerteilen getroffen. Es breitet sich Panik aus und das Chaos ist schnell perfekt.
„Aber es gibt nicht nur Verletzte auf dem Gelände, auch Hunderte unverletzte Betroffene befinden sich auf dem Festival, suchen ihre Eltern oder stehen unter Schock“, fährt Sascha Medina fort.
Allein nicht zu bewältigen
Als der erste Notruf und die erste Rückmeldung vom Sanitätsdienst in ihrer Einheit in der Leitstelle eingehen, sei schnell klar: das ist eine ernste Lage, die die Lipper nicht alleine werden bewältigen können.
Um der Lage Herr zu werden, werden sodann neben den lippischen Einsatzkräften auch umfangreiche Kräfte, wie der BHP 50 ( Behandlungsplatz 50); der BTB 500 (Betreuungsplatz 500), der PTZ 10 (Patiententransportzug-10) sowie die MTF (Medizinische Task Force) mit der Patiententransportgruppe aus ganz OWL (Ostwestfalen-Lippe) angefordert.
Krankenhäuser informiert
„Um die Versorgung aller Verletzten zu gewährleisten, werden die Krankenhäuser informiert. Wir können keine Hubschrauber einsetzen, weil das Gewitter weiterhin in OWL tobt“, klärt Medina indes auf.
Dieses oder ein ähnliches Szenario könne trotz bester Vorbereitung jederzeit von überall her eintreten und der Gefahrenabwehr alles abverlangen, weiß der Experte.
„Und genau dafür sind wir, die Blaulicht-Familie, dank solcher Übungen wie heute hier und dank unserer Konzepte sehr gut vorbereitet.“
Startschuss
Und dann ist es soweit: Die Besucher dürfen sich in mehreren Gruppen auf das Gelände begeben, während alle Teilnehmenden der zusammenwirkenden Bereiche zur Tat schreiten und sich so verhalten, als sei all dies ein absolut realistischer Einsatz.
Komparsen sorgen für realitätsnahe Atmosphäre
Um für ausreichend Authentizität zu sorgen, unterstützen auch jede Menge Komparsen aus dem Bereich der realistischen Unfalldarstellung die Szenerie. Täuschend echt aussehende Verletzungen, Blessuren oder abgetrennte Gliedmaßen sorgen dafür, dass die Einsatzkräfte ihre Maßnahmen so authentisch wie möglich durchführen können.
Gasse des Elends
Zunächst geht es in einen gepflasterten Weg unterhalb des Kreistagsgebäudes. Sascha Medina führt Besuchergruppe 1 an und erläutert, wie der Rundgang geplant ist. Hier befinden sich gerade unzählige Komparsen, die so glaubwürdig Verletzte geben, dass man sich unweigerlich wie in einem echten Katastrophenszenario wähnt. Immer wieder wird hier vor Schmerzen geschrien, laut gestöhnt oder verzweifelt gejammert. Die professionell anmutenden Verletzungen verbreiten trotz der Kenntnis des Umstands, dass sie alle nur geschminkt sind, eine gewisse Anspannung unter den Gästen, denn alles wirkt einfach unfassbar real. Und genauso soll es sein.
160 Laiendarsteller
„Wie viele Darsteller unterstützen die heutige Übung“, möchte Rudolph Herzog von Croy wissen. Die Antwort, dass sich heute 160 Laiendarstellerinnen und Darsteller engagieren, begeistert den Landesbeauftragten. So erzählt eine junge Frau, die sich heute als Opfer-Mimin zur Verfügung stellt: „Es ist total wichtig, dass die Leute das lernen können. Ich bin selbst beim Technischen Hilfswerk und freue mich immer, wenn sich Leute dazu bereit erklären, bei solchen Übungen mitzumachen, denn nur so werden wir besser“, betont sie.
Hektik, Pflaster und Zugänge
Auf dem gepflasterten Weg wird es hektisch. Einsatzkräfte behandeln Verletzte. Man sieht, wie mancherorts Zugänge gelegt und Infusionen angesetzt, Pflaster geklebt oder Verbände angebracht werden, um Blutungen zu stillen. Manche Patienten können bereits abtransportiert werden, für andere kommt scheinbar jede Hilfe zu spät. Zahlreiche Einsatzkräfte sprechen mit den Verletzten oder stark traumatisierten Menschen und versuchen sie möglichst zu beruhigen.
Unterstützung naht
„Der Kreis Lippe hat sich auf den MANV mit diversen Konzepten vorbereitet, da die Anzahl an Verletzten die Ressourcen der täglichen Gefahrenabwehr deutlich überschreitet“, hatte Sascha Medina erklärt.
Genau dann kommt die Unterstützung und Hilfe aus der Nachbarschaft. Diese Nachbarschaft sei NRW- weit vorgeplant und einsatzbereit.
Ziel all dieser Maßnahmen der Gefahrenabwehr: den Mangel an Ressourcen zu kompensieren und den Betroffenen schnellstmöglich eine adäquate Hilfe zukommen zu lassen.
Behandlungsplatz 50
Für Gruppe 1 geht der Marsch nun weiter. Der Behandlungsplatz 50 NRW ist die Einheit, die sich um die Notfall-medizinische Versorgung der Kranken und Verletzten kümmert.
45 Minuten nach Eintreffen am Schadort steht alles bereit, um 50 Patienten aller Sichtungskategorien in zwei Stunden notärztlich zu versorgen und alles zu dokumentieren, heißt es von offizieller Seite.
Die Ausstattung ist dabei so ausgelegt, dass der BHP 50 bis zu 100 Patienten in vier Stunden versorgen kann.
Besuchergruppe 1 hat jetzt die Möglichkeit, mitten durch das Zelt zu laufen. Dabei können sie sich genau anschauen, wie es ausgestattet ist, während zuständige, an der Übung teilnehmende Kräfte dabei sind, alles schnellstmöglich herzurichten, um dem Ansturm an Patienten, der in Kürze zu erwarten ist, gerecht zu werden.
Erste Malteser gesichtet
Nur wenige Meter weiter trifft der Herzog dann erstmals auf an der Übung beteiligte Malteser. Im Rahmen des Sonderbedarfs Rettungsdienst waren die Kollegen aus dem Kreis Lippe alarmiert worden. Im Austausch mit dem NRW- Landesbeauftragten schildern Tim Stiller und Bennett Weber aus Lage sodann ihre Freude drüber, Teil dieses ganz besonderen Trainings sein zu können und erklären dem Herzog ihre Aufgaben am heutigen Tag.
Wasser und Zuspruch
In nicht allzu weiter Entfernung zu den beiden sind auch ihre Kolleginnen und Kollegen im Zuge der Betreuung zahlreicher „“Festivalbesucher“, die unter Schock stehen und zum großen Teil Ansprache benötigen, im Einsatz. Während die einen Helferinnen Wasser an die Masse verteilen und beruhigend auf verzweifelte Jugendliche einwirken oder gegebenenfalls sogar PSNV ( Psychosoziale Notfallversorgung) hinzuziehen, registrieren andere Kollegen schon einmal all jene, die sich in einer Schlange am Malteser Fahrzeug aufgestellt haben. Auch hier wirkt alles tatsächlich wie reales Geschehen.
Erkenntnisse daraus ziehen
Auf die Frage, wie wichtig es für die Malteser ist, an einer solchen bislang einzigartigen Übung zu partizipieren, sagt Diözesangeschäftsführer Siegfried Krix: „Übungen sind einfach extrem wichtig. Wir müssen Erkenntnisse daraus gewinnen, wie die einzelnen Einheiten zusammenspielen, wo wir vielleicht Schwachstellen haben, womöglich nachbessern müssen und was wir daraus lernen können. Heute geht es nicht darum, dass alles bereits 100-prozentig funktioniert. Wenn das so ist, dann freuen wir uns natürlich, aber es geht ja darum, aus dieser Übung zu lernen und eventuell nachzubessern, denn der beste Plan vom grünen Tisch nützt nichts, wenn man nicht immer wieder übt und in der Praxis erprobt.“
Auf zur Medizinischen Task Force
Für Herzog von Croÿ geht der Fußmarsch nun jedoch weiter. Vorerst letzte Station ist der Standort der Medizinischen Task Force (MTF).
Am Straßenrand, oberhalb des Kreistagsgebäudes, haben sich unlängst über zehn Fahrzeuge der Medizinischen Task Force (MTF) hintereinander positioniert. Auf den Einsatzbefehl wartend, etwaige transportfähige Patienten ins Krankenhaus zu transportieren.
Bereit für Patiententransport
Chiara Kochtokrax aus Rietberg erzählt dem Herzog, von welchem Geschehen sie in Kürze ausgeht:
„Wir rechnen eigentlich damit, dass wir gleich einen leichter verletzten Patienten transportieren müssen.“ So seien Patienten in die Kategorien rot, gelb und grün eingeteilt. Rot stehe dabei für die Schwerverletzten, das übernähmen die Rettungswagen. „Da wir einen KTW haben, werden wir eher grün-verletzte Patienten haben“, ergänzt sie. Das könne ein Armbruch sein oder ein umgeknickter Fuß. „Also eher ganz leichte Dinge, die wir einfach nur ins Krankenhaus bringen. Aber auch Leute, die unter Angst und Panikattacken leiden.“ Rudolph Herzog von Croÿ spricht die Tatsache an, dass erstmals auch ein Krankenhaus in eine derartige Übung involviert ist. Dies bewerten Chiara und ihr Kollege als ausgesprochen wichtig.
Mehr Krankenhaus-Beteiligung wünschenswert
Mehr Krankenhaus-Beteiligung wünschenswert
„Krankenhäuser arbeiten das normale Tagesgeschäft ab und sind ja personaltechnisch sowieso schon oft an ihrem Limit“, heißt es. Bei solchen Großschadenslagen müssten sie natürlich ebenfalls vorbereitet sein.
Auch sei das Zusammenspiel durchaus sehr wichtig, daher müssten eigentlich viel mehr Krankenhäuser mitspielen, lautet die einhellige Meinung.
Dann wird erläutert, was es eigentlich mit der MTF auf sich hat.
In einer MTF (Medizinische Task Force) sind immer sechs KTW enthalten und es führt immer ein Fahrzeug diese sechs KTW, die ihren Auftrag von der Einsatzleitung bekommen. Am heutigen Samstag seien hier sogar zwei vorhanden. Die Nummer 33 sowie die Nummer 57, zu welcher die Malteser gehörten.
Unterstützung aus Borchen
Dass er im Anschluss an den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen der MTF auch noch solche aus Borchen trifft, freut den Herzog. Statt ein Zelt aufzubauen, ergab sich für sie die Gelegenheit, die Betreuungsaufgabe unter einer Art Unterstand auf dem Gelände durchzuführen. Der 18-jährige Jonas erklärt dem Landesbeauftragten daher sogleich, was zu seinem Aufgabengebiet zählt. „Ich muss die Menschen beruhigen und dazu befragen, ob sie eine Verletzung haben, sie auch behandeln, wenn sie womöglich eine kleine Verletzung aufweisen. Wann sie am Ende wieder gehen dürften, entscheide dann jedoch sein Abschnitts- oder der Einsatzleiter, Tobi. Dieser hatte augenscheinlich Freude daran, das Anfang des Jahres herausgekommene Landeskonzept für Behandlungsplatz, Betreuungsplatz und Patiententransportzug gemeinsam mit der Feuerwehr noch besser an die Bedürfnisse vor Ort anzupassen und beispielsweise einen Überschuss an vorhandenen GW Sans im Kreis Paderborn für eine Verbauung im Bereich Behandlungsplatz zu nutzen.
Angepasstes Konzept bereits ausgezahlt
Das neu zusammengebaute Konzept, sei im Juni bereits einmal als Aufbauübung durchexerziert worden und habe super geklappt. Jetzt befinde man sich bereits in der Real-Übung ARMINIUS, freut sich der Einsatzleiter aus Borchen.
Natürlich säßen die Handgriffe nach einmaligem Üben noch nicht perfekt, aber durchaus wesentlich besser, als wenn man noch gar nicht zuvor geübt habe. „Wir wissen, was wir aufbauen müssen, was uns ungefähr erwartet und ich glaube, wir haben das bisher auch ganz gut gemeistert und kommen mit der Situation ebenso gut klar“, sagt der Borchener Tobias Peuser.
Hand- Hand-Arbeit
Nach den ersten Stunden dieser Übung, die gut abgestimmtes Hand-in Hand-Arbeiten aller beteiligten Akteure erforderte, resümiert Rudolph Herzog von Croÿ so denn auch: „Man merkt deutlich, dass die Leute sehr engagiert sind. Dass sie nun versuchsweise einmal in den Einsatz kommen, ein realitätsnahes Training haben, das ist, glaube ich, sehr motivierend. Wenn man sehr viel trocken übt, möchte man auch mal schließlich auch einmal in die reale Situation hinein.“
Auf die wissenschaftliche Auswertung dieser bisher mengenmäßig einzigartigen Katstrophenschutzübung, die kostentechnisch im sechsstelligen Bereich gelegen haben soll, darf man mit Sicherheit gespannt sein. Feststeht jedoch, dass die Zusammenarbeit auf den ersten Blick schon einmal gar nicht schlecht geklappt hat.