Ein weltweit einzigartiges System im Bevölkerungsschutz

Ein Gespräch mit Benedikt Liefländer, Bereichsleiter Notfallvorsorge, und seinem designierten Nachfolger Markus Bensmann über die Rückkehr der öffentlichen Sicherheit in den gesellschaftlichen Fokus und zukünftige Aufgaben für die Notfallvorsorge.

Teil 1:

Öffentliche Sicherheit wird gemeinhin vorausgesetzt. Wer ist eigentlich zuständig für den Schutz der Bevölkerung?

BENEDIKT LIEFLÄNDER: Die Leute haben zunächst eine klare und ganz einfache Vorstellung: Der Staat ist dafür da, mich zu schützen. Damit haben sie nicht ganz Unrecht. Bei uns gilt aber auch das Subsidiaritätsprinzip.Das bedeutet, du musst dich zunächst selbst schützen. Erst da, wo du es nicht mehr kannst, tritt der Staat ein und unterstützt dich. Genau das ist der tragende Gedanke für den Einsatz der Malteser im Katastrophenschutz. Dass jeder Einzelne selbst etwas tun muss, ist ihm weitestgehend unklar. Wir leisten hier Aufklärungsarbeit, geben den Bürgern strukturiert und effizient die Möglichkeit, sich ehrenamtlich einzubringen, und helfen all denen, die in Notlagen geraten und sich nicht selbst helfen können.

Weshalb ist es wichtig, dass der Schutz der Bevölkerung wieder stärker in den Blick genommen wird?

LIEFLÄNDER: Bis Ende der 1990er-Jahre hatten wir – ausgehend vom Kalten Krieg – einen hohen Stellenwert für den Zivilschutz. Der wurde danach allerdings, wie der Katastrophenschutz, als „Friedensdividende“ zurückgefahren. Dann kam der 11. September – seitdem hat sich die Ausgangslage wieder verändert. Wenn die Bundesregierung, wie jüngst erklärt, der Landesverteidigung wieder eine höhere Priorität geben möchte, muss das auch für den Zivilschutz gelten. Beide sind zwei Seiten derselben Medaille.

MARKUS BENSMANN: Die breite Bevölkerung ist heute ein mögliches Ziel von Terrorakten. Das hatten wir nicht mal zu Zeiten der Rote-Armee-Fraktion. Damals waren ausschließlich exponierte Vertreter der Gesellschaft im Visier. Auch dass öffentliche Infrastrukturen durch Cyberangriffe bedroht sein können, war noch vor 20 Jahren undenkbar. Das ist eine neue Qualität der Bedrohung, der man vorsorglichbegegnen muss.

LIEFLÄNDER: Angesichts der Anschläge steigt die reale Bedrohung. Und es gibt die politische Situation im Nahen Osten mit Bürgerkrieg, Islamismus und großen Fluchtbewegungen bis nach Deutschland. Es gibt den aufkeimenden Nationalismusin Europa. Teile der Bevölkerung fühlen sich zunehmend verunsichert und fordern Schutz und Sicherheit vom Staat wieder stärker ein.

BENSMANN: Es gibt natürlich eine Vielzahl anderer Anlässe für Einsätze im Katastrophenschutz. Die Bewältigung der Flüchtlingssituation in den letzten beiden Jahrenoder die Bekämpfung von Naturkatastrophen bei Hochwasser beispielsweise erreichen eine Größenordnung, die die zivile Notfallvorsorge vor neue Herausforderungen stellen.

Welchen konkreten Beitrag leisten die Malteser im Katastrophenschutz?

LIEFLÄNDER: Wir sind in der Lage, verlässlich Einsatzkräfte zur Abwehr und Bewältigung von Gefahren zu stellen. Wir sprechen die Menschen an, bilden sie aus und bündeln Kräfte. Unsere Einheiten, zum Beispiel die Schnelleinsatzgruppen, die am Ort des Geschehens Verletzte versorgen, in Krankenhäuser transportieren oder unverletzte Betroffene betreuen, werden von Polizei, Feuerwehr und Technischem Hilfswerk in der Zusammenarbeit am Einsatzort ernst genommen, denn sie erfüllen den Anspruch der Professionalität. Mit diesem maßgeblich vom Ehrenamt getragenen System haben wir überall in Deutschland Einsatzkräfte, die sofort verfügbar sind. Das ist in der Welt einzigartig und wird auch vielerorts beneidet.

BENSMANN: Daneben sind die Malteser auch beratend tätig und geben Wissen in der Breitenausbildung weiter. Beim Thema Erste Hilfe gehen wir in die Schulen und demonstrieren dort, wie Laienreanimation Leben retten kann. Unsere Ausbilder geben Kurse zur medizinischen Erstversorgung. Da wird tatsächlich die Fähigkeit, sich selbst oder andere zu schützen, gesteigert. Und wir Malteser kümmern uns sehr intensiv um die Integration von Geflüchteten und andere Aufgaben, die zwar nicht direkt sicherheitspolitisch wirksam sind, aber für den gesellschaftlichen Zusammenhalt eine Rolle spielen.

Wo und wann sind die Ehrenamtlichen der Malteser Notfallvorsorge im Einsatz?

LIEFLÄNDER: Es gibt zwei Einsatzfelder: reaktiv und präventiv. Reaktiv bedeutet: Es ist etwas von einer gewissen Größenordnung passiert. Bund, Länder und Kommunen haben für solche Fälle Krisenpläne, die dann in Kraft treten, und können entsprechend so viele Kräfte wie nötig von den Maltesern und anderen Hilfsorganisationen einziehen.

BENSMANN: Reaktiv ist auch jeder Einsatz im hauptamtlichen Rettungsdienst, den wir an fast 250 Malteser Rettungswachen in Deutschland ja auch stellen. Bei einem größeren Einsatz wie einem Busunfall haben wir zur Unterstützung des Rettungsdienstes die Schnelleinsatzgruppen aus dem ehrenamtlichen Katastrophenschutz.Bei Großschadensereignissen, etwa bei einem Chemiebrand, einer Massenkarambolage oder Hochwasser, kommen noch weitere Einheiten, geführt von einer zentralen Einsatzleitung, hinzu.

LIEFLÄNDER: Bei der Prävention geht es primär um die Vorbeugung gegen mögliche Gefahren bei größeren Veranstaltungen. Veranstalter müssen für die Sicherheit ihrer Besucher Vorsorge treffen. Dafür stellen die Malteser einen qualifizierten Sanitätsdienst mit der notwendigen Zahl an ausgebildeten Helfern, so wie man es vom Konzert oder Stadtfest kennt. Wie viele, das richtet sich nach der jeweiligen Risikobewertung.

Wie wichtig ist dabei eine gute Ausbildung der Ehrenamtlichen?

LIEFLÄNDER: Sehr wichtig! Wir verfolgen dabei ein Konzept aufeinander aufbauender Stufen. Das beginnt mit der Helfergrundausbildung für alle Ehrenamtlichen, egal, wo sie sich später engagieren. Welche Ausbildung jemand dann benötigt, kommt natürlich auf den Einsatzbereich an. In der Notfallvorsorge können sie Fachausbildungen im Sanitätsdienst oder in der Betreuung unverletzter Personen machen, aber auch als Feldkoch oder Fernmelder. Im Sanitätsdienstsieht man gut, dass sehr viele Ehrenamtliche fachlich anspruchsvolle Qualifikationen erwerben. Das geht bis zu den Rettungssanitätern, die bei uns auch im regulären Rettungsdienst eingebunden sind, weil sie dort Erfahrungen sammeln, die im Katastrophenfall ungemein wichtig sind.


BENSMANN: Der Regelrettungsdienst ist aus unserer Sicht ein unverzichtbares Qualifikationsfeld. Wir müssen darauf achten, dass man sich auch im Ehrenamt regelmäßig fortbilden und fachlich weiterentwickeln kann. Wir haben ein sehr gut funktionierendes Zusammenspiel zwischen dem hauptamtlichen Rettungsdienst und dem ehrenamtlichen Katastrophenschutz, das genau das ermöglicht. Das sind korrespondierende Systeme der Notfallvorsorge, die man nicht getrennt betrachten darf, sonst setzen wir die Fähigkeit der Malteser und der anderen Hilfsorganisationen aufs Spiel, bei Naturkatastrophen oder Großschadensereignissenprofessionell zu unterstützen. 


Ohne bürgerschaftliches Engagement wäre der Katastrophenschutz also undenkbar. Trotzdem konstatiert die Bundesregierung Nachwuchssorgen bei den Hilfsorganisationen. Wie lassensich Ehrenamtliche gewinnen?


BENSMANN: Das Ehrenamt muss genug Freiraum haben. Die Entwicklungen beim G-8-Abitur und der Ganztagsschule führen dazu, dass Schüler immer weniger Zeit haben, sich neben der Schule noch ehrenamtlich zu engagieren. Damit Menschen sich überhaupt noch in Vereine einbringen, muss die Gesellschaft und müssen natürlich auch wir Bedingungen schaffen, die die Leute langfristig motivieren.

LIEFLÄNDER: Das stimmt. Trotzdem haben wir auch nach dem Ende der Wehrpflicht und des Zivildienstes unsere Helferzahlen stabil halten können. Wir benötigen noch keine großen Aufrufe oder Plakatkampagnen, weil die Menschen meist durch persönlichen Kontakt zu den Maltesern kommen. Viele sagen, bei uns sei es schöner, weil wir hier enger zusammenstehen. Andere kommen wegendes christlich begründeten Auftrags, aus dem heraus wir helfen. Wir kommen also gut zurecht. Aber es stimmt auch: Wir könnten natürlich noch mehr Hilfe leisten, wenn wir noch mehr Helfer hätten.


Was muss passieren, damit die Malteser ihre Aufgaben in der Notfallvorsorge auch in Zukunft gut erfüllen können?

LIEFLÄNDER: Das Konzept der Subsidiarität, bei dem wir Malteser und die anderen Hilfsorganisationen ein wichtiger Partner des Staates sind, muss von allen politischen Kräften wirklich ernst genommen werden. Die Malteserstehen bereit, als aktiver und beratender Partner bei der Diskussion möglicher Szenarien, die die öffentliche Sicherheit betreffen, noch stärker einbezogen und nicht nur formal beteiligt zu werden. Das wäre ein Fortschritt für die Sache und ein Zeichen der Wertschätzung für die Hilfsorganisationen.BENSMANN: Ich beobachte, dass wir gute Ansätze schon seit geraumer Zeit diskutieren, aber nicht umsetzen. Unsere Helfer sollten für Einsätze einfacher freigestellt werden können. Arbeitgeber müssten ein Verständnis davon haben, dass eine solche Freistellung positiv auf ihren Betrieb zurückfällt. Gleiches gilt für die Frage, ob durch die ehrenamtliche Tätigkeit Rentenansprüche erworben werdenkönnen. Das Engagement in Hilfsorganisationen ist kein Hobby, sondern ein Dienst am Gemeinwesen. Dem müssen wir Wertschätzung entgegenbringen, nicht zuletzt, damit die Motivation des Helfens erhalten bleibt.

LIEFLÄNDER: Auch institutionelle Förderungen wären hilfreich. In Nordrhein-Westfalen etwa bekommen wir eine Förderung im Katastrophenschutz, weil dem Land klar ist, dass man ehrenamtliche Arbeit professionell führen muss. Letztlich sollten Bund, Länder und Kommunen ein durchgängiges Verständnis dafür entwickeln, dass Gefahrenabwehr eine Gemeinschaftsaufgabe ist.


BENSMANN: Dazu gehört, dass gemeinnützige Hilfsorganisationen im Rettungsdienst nicht allein nach Marktkriterien behandelt werden, weil sie eben einen unverzichtbaren Beitrag für das Gemeinwesen leisten. Das ist mittlerweile mit der Umsetzung der EU-Vorgaben in nationales Recht anerkannt worden. Wir brauchen die konsequente Umsetzung der sogenannten „Bereichsausnahme“,damit Städte und Kommunen den Rettungsdienst nicht nur nach dem Preis vergeben, statt Ausfallsicherheit, Qualität und die Bereitschaft zur Mitarbeit bei Großschadenslagen zugrunde zu legen. Mitarbeiter im Rettungsdienst können sonst nicht sicher sein, ob sie weiterbeschäftigt werden, und für Ehrenamtliche fehlt die Möglichkeit zur Fortbildung in der Einsatzpraxis. Das setzt letztlich das funktionierende System der Notfallvorsorgezusätzlich unter Druck – und das bei immer steigenden Einsatzzahlen in der Notfallrettung.


Was wünschen Sie sich für die Zukunft?


LIEFLÄNDER: Ich würde mir wünschen, dass wir unsere Stärken in die Zukunft überführen. Damit meine ich vor allem unsere Haltung. Auch andere haben gute Leute, aber für die Malteser kann ich sagen: Wir sehen den Menschen mit Leib und Seele. Mit dieser Philosophie und so, wie wir aufgestellt sind, werden wir unseren Auftrag auch in Zukunft sicher und gut erfüllen können.


BENSMANN: Für mich ist die größte Herausforderung, dass wir uns auf die sich ändernden Bedingungen einstellen. Wenn wir auch in Zukunft handlungsfähig bleiben wollen, müssen wir das. Aber obwohl die Patientenversorgung immer technischer wird und die Zuwendung zum Menschen in den Hintergrund zu rücken droht, wollen wir unser Selbstverständnis lebendig halten. Ein Beispiel hat mir neulich ein erfahrener Rettungsassistent erzählt. Er sagte: Wo andere schon die erste Injektion setzen, um den Blutdruck zu senken, hilft manchmal schon, einfach dieHand zu halten. Immer zuerst den Menschen als Ganzes zu sehen, auch im Einsatz unter Hochdruck: Diese Sichtweise müssen wir pflegen und uns erhalten.