Ich möchte wissen: Wer sind die Menschen, die einfach so mit Fremden telefonieren? Gleich werde ich über das Plaudernetz-Gesprächsangebot per Zufall mit irgendwem aus Deutschland verbunden. Ich bin ein wenig aufgeregt, es tutet. Dann nimmt jemand ab: „Hallo. Ich bin Robby, wie Robbie Williams, aber nicht der originale.“ Ich muss lachen. Und es geht sofort ganz ungezwungen los – vom Plaudern versteht Robby etwas.
Glühwürmchen, Templer, Mikro-Sets
Als ich nachmittags anrufe, sitzt der 57-jährige Frühpensionär gerade in seinem Garten im Münsterland und überlegt, ob er noch seinen Rasen mäht. „Wir sollen die letzte Generation sein, die Glühwürmchen zu sehen bekommt. Und Heuschrecken gibt es hier auch noch. Dann lasse ich das Mähen lieber. Ist mir doch egal, was die Nachbarn über meine Wildwiese denken“, sagt Robby. Also sprechen wir über meine Arbeit bei den Maltesern, bisherige Plauderpartner von ihm, und irgendwie kommen wir zu seiner früheren Leidenschaft für Mittelaltermärkte, wo er mal einen schwarzen Templer gespielt hat. Also plaudern wir über Historisches, Mittelalter-Bands und Biersuppe. Dann bellen Hunde. „Ah, das sind meine Mikro-Sets“, sagt Robby und nimmt mich am Telefon einfach mit zum Gartentor zur Postbotin. Eine Türklingel hat er nicht, erklärt er mir später, seine zwei rumänischen Herdenschutzhunde aus dem Tierschutz sind seine Klingel.
Über siebzehn Stunden geplaudert
Ich war Robbys zweite Anruferin. Liane aus Papenburg ist seit Projektstart im Juni dabei und hatte schon über fünfzig Anrufe. „Aber mit Nullnummern“, sagt sie. Das sind Anrufer, die direkt wieder auflegen. Geplaudert hat sie aber trotzdem schon 17 Stunden und 45 Minuten, das kann sie in der Plaudernetz-App nachschauen. Die 60-Jährige klingt stolz. „Aber dann kommt der nächste Mensch und alles ist gut“, sagt sie und freut sich, dass ich nicht aufgelegt habe. Liane und ich plaudern fast eine Stunde und entdecken Gemeinsamkeiten: Auch sie hat lange in Köln gewohnt, spielt Darts und geht am Wochenende tanzen. Und sie ist Malteserin.
Schon mehr als zwanzig Jahre geht sie ehrenamtlich mit Seniorinnen und Senioren aus Altenpflegeeinrichtungen spazieren und betreut eine Bingo-Gruppe. „Ich habe Menschen gerne“, und jetzt plaudert sie noch beim Plaudernetz mit. „Das mache ich nur, wenn ich Zeit und gute Laune habe“, sagt sie und lacht. Sie findet schade, dass es das Plaudernetz jetzt erst gibt. Auch wenn es kein Sorgentelefon ist, merkt sie doch, dass viele sich allein fühlen: „Da ist viel Einsamkeit, die man sich von der Seele plaudert.“
Etwas Nützliches machen
„Es macht Spaß, aber es ist auch erschreckend, wie viele einsam sind, selbst aus Großstädten“, sagt auch Jörg. Er wohnt in Leipzig, ist 63 Jahre alt und Rentner, hat in einer Woche als Plauderpartner schon mit mindestens zwanzig Personen gesprochen. „Ich wollte was Nützliches machen. Für Menschen da zu sein, ist besser, als auf einer Parkbank herumzusitzen.“
Auch er hat schon Erfahrungen im Ehrenamt, er hat sich über zehn Jahre in der Heilsarmee engagiert. Aber jetzt machen seine Beine nicht mehr mit, also greift er zum Hörer und plaudert. „Wir fangen oft mit dem Wetter an und kommen so ins Plaudern, über die Familie oder Hobbys.“ Jörg sagt, er fühle sich beim Plaudernetz gut aufgehoben und sei beim Onboarding positiv überrascht gewesen, wie viele Menschen sich engagieren wollen. Ich bin auch positiv überrascht. Und vielleicht gehe ich das nächste Mal trotz unbekanntem Anrufer einfach mal ans Telefon.