„In unserer Kultur sind Hierarchien sehr wichtig, und wir respektieren immer die Meinung der Ältesten. Im Allgemeinen folgen wir dem, was sie entscheiden“, sagt Eliana Toro. Die Achtzehnjährige lebt in Trilillamana, einer Wayuu-Gemeinde in der ländlichen Küstengemeinde Manaure im Departement La Guajira im Norden Kolumbiens. Die Wayuu sind eine autonome indigene Gemeinschaft. Generationen von ihnen litten unter Gewalt, Vertreibung, Ausbeutung und Diskriminierung, die teilweise bis heute anhalten. Ihr Verhältnis zu staatlichen Institutionen ist mehr als angespannt. Wie in vielen Gemeinden in dieser Region haben auch die Menschen in Trilillamana keinen ausreichenden Zugang zu grundlegenden Gesundheitsdiensten, zu Bildung und Dienstleistungen des Staates.
Zugang zu Gesundheitsangeboten
Junge „Gemeinde-Gesundheitshelfer“ wie Eliana Toro sollen helfen, mehr Angehörigen der Wayuu einen besseren Zugang zu Gesundheitsangeboten zu verschaffen. Ihre Aufgabe besteht darin, als Bindeglied zwischen der Gemeinde und den staatlichen Gesundheitsdienstleistern den Menschen Zugang zu medizinischen Leistungen zu ermöglichen und ihre Beteiligung an der Entscheidungsfindung in Gesundheitsfragen zu sichern. „Mein Ziel ist es, eine Brücke zwischen der Wayuu-Kultur und externen Dienstleistern zu schlagen, das gegenseitige Verständnis zu fördern und den Zugang der Menschen zu wichtigen Ressourcen zu verbessern“, sagt sie.
Im Ausbildungsprogramm von Malteser International und der lokalen Partnerorganisation Ipsi Anashiwaya haben bislang 50 Wayuu aus 20 Gemeinden in Riohacha und Manaure, La Guajira, im Alter zwischen achtzehn und dreißig Jahren das Training zum „Gemeinde-Gesundheitshelfer“ absolviert. In Kursen wurden sie in der Förderung der Gesundheitsfürsorge, der Krankheitsvorbeugung, dem Umgang mit technologischen Hilfsmitteln, bei Gesundheitsinformationen und Menschenrechten sowie bei der Eingliederung in das Gesundheitssystem geschult.
Sprache spielt eine zentrale Rolle
Die Sprache spielt eine entscheidende Rolle für ihre Funktion als Vermittlerin: Viele Gemeindemitglieder sprechen ausschließlich Wayuunaiki, die Sprache der Wayuu. Eliana Toro ist zweisprachig aufgewachsen und kann sich problemlos in beiden Sprachen verständigen. Trotz ihres jungen Alters hört jeder in ihrer Gemeinde zu, wenn die Achtzehnjährige spricht. Man merkt sofort, dass sie für ihre Arbeit brennt. „Es ist mir wichtig sicherzustellen, dass die Gemeindemitglieder die Vorgänge im Zusammenhang mit ihrer Gesundheit und andere wichtige Fragen klar verstehen. Außerdem arbeite ich daran, die Gemeinde für die Vorteile der westlichen Medizin zu sensibilisieren, da sie mit dieser oft nicht vertraut sind. Das Vertrauen der Ältesten zu gewinnen, war ein Prozess, der Zeit und Mühe erforderte, ein schrittweises Vorgehen. In meinem Fall gelang es mir jedoch, ihnen zu zeigen, dass ich der Verantwortung gerecht werden konnte, und mit der Zeit gewann ich ihren Respekt.“
Aktuell begleitet Eliana Toro vierzig Familien, um ihnen besseren Zugang zum kolumbianischen Gesundheitssystem zu ermöglichen. Sie möchte sich weiter für ihre Gemeinde engagieren, und auch die Wahl ihres Studienfachs wurde von dem Projekt beeinflusst: In diesem Jahr hat sie ein Biologiestudium an der Universität von La Guajira begonnen, inspiriert von der Arbeit und all den Prozessen, die sie als „Gemeinde-Gesundheitshelferin“ kennengelernt hat.