Obdachlose in Deutschland: Das verkannte Problem

„Den Deutschen ging es noch nie so gut wie im Augenblick“, verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel stolz in der Haushaltsdebatte 2017. Damit meinte sie wohl kaum die mehr als 50.000 Obdachlosen in Deutschland. Für diese Menschen ist jeder Tag ein Tag voller Not. Sie haben nichts von dem, was wir für selbstverständlich halten: Bett, Toilette, Dusche, Küche, Heizung. Was ist Obdachlosigkeit und wie entsteht sie? Und was können wir dagegen tun? Eine Suche nach Antworten auf ein dringendes gesellschaftliches Problem.

Darum geht's:


Wie viele Obdachlose gibt es in Deutschland?

Offizielle Statistiken zu Obdachlosen in Deutschland gibt es nicht – als ob es den staatlichen Stellen peinlich ist, dass diese Form der Armut überhaupt existiert. Das Statistische Bundesamt erhebt viele Dinge, etwa die Anzahl der Forellenteiche hierzulande oder die Größe der mit Keltertrauben bestockten Rebfläche. Zum Thema Obdachlosigkeit: nichts. Bislang hat die Bundesregierung eine solche Statistik abgelehnt.

Die einzige Grundlage sind daher Schätzungen, die auf Grundlage anderer statistischer Quellen (Mietpreisentwicklung, Arbeitslosigkeit, Wohnungsbau etc.) sowie der Erfahrungen von diversen Hilfseinrichtungen erstellt werden. Aber allein diese Überschlagsrechnungen machen das Ausmaß des Problems deutlich. So geht die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) davon aus, dass im Jahr 2016 52.000 Menschen in Deutschland obdachlos waren. Das wäre ein Drittel mehr als 2014, damals waren 39.000 Personen betroffen. Noch dramatischer sind die Zahlen, wenn die sogenannte Wohnungslosigkeit hinzu kommt.

Unterschied zwischen Obdach- und Wohnungslosen

Die Begriffe Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit werden oft synonym verwendet, haben aber unterschiedliche Bedeutungen: Obdachlosigkeit ist ein Teil der Wohnungslosigkeit. Als obdachlos werden Personen bezeichnet, die weder festen Wohnsitz noch Unterkunft haben. Sie übernachten auf der Straße, also in Parks, Bushaltestellen oder U-Bahnstationen.

Wohnungslos sind dagegen Menschen ohne Mietvertrag. Sie schlafen bei Freunden und Bekannten, in Notunterkünften oder staatlich finanzierten Wohnheimen.

Mitsamt Wohnungslosen steigt die Zahl der Betroffenen für 2016 laut BAGW auf etwa 440.000 an. 32.000 von ihnen sind Kinder und Jugendliche. 

Zudem hat die BAGW anerkannte, aber wohnungslose Flüchtlinge in das Zahlenwerk aufgenommen, deren Umfang sie auf 440.000 schätzt. Insgesamt geht die Arbeitsgemeinschaft also von 860.000 Menschen in Deutschland aus, die kein eigenes Dach über dem Kopf haben! Und damit nicht genug: Bis Ende 2018 rechnet die BAGW mit einem weiteren Anstieg auf 1,2 Millionen Wohnungslose. Von einem „Riesenproblem“ spricht denn auch Werena Rosenke, die stellvertretende BAGW-Geschäftsführerin.

Was sind die Ursachen für Obdachlosigkeit?

Laut Prof. Dr. Harald Ansen, Professor für Soziale Arbeit an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften, lassen sich Obdachlose in drei Gruppen einteilen:

  • Menschen in kritischen Lebenssituationen, also nach einer Trennung, dem Verlust der Arbeitsstelle oder Verschuldung.
  • Menschen mit gebrochenen Biografien, die immer schon eher am Rande der Gesellschaft gelebt haben. Häufig mit hoher beruflicher Mobilität verbunden, etwa Seeleute.
  • Junge Menschen, die ungeregelt aus Hilfseinrichtungen entlassen werden und die große biografische Lücken aufweisen.
Junger mann redet mit obdachloser Person.
Kommunikation statt gesellschaftliche Ausgrenzung!

Grundsätzlich ist jedoch ein strukturelles Problem die Hauptursache: Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum. In den letzten Jahren ist zum Beispiel die Zahl der Sozialwohnungen dramatisch gesunken – Kommunen, Länder und Bund haben staatlich geförderte Wohnungen an private Investoren verkauft und somit die letzten Reserven an bezahlbarem Wohnraum aufgegeben. Parallel schnellten die Mieten in die Höhe. Folge: Die meisten Wohnungen sind für viele Menschen schlicht zu teuer. Der Deutsche Mieterbund und andere Branchenfachleute gehen davon aus, dass jährlich 400.000 Neubauwohnungen nötig wären, um den Bedarf zu decken. 2017 allerdings wurden 320.000 Wohnungen gebaut.

Und: Ab 2019 will sich der Bund aus der sozialen Wohnungsbauförderung zurückziehen, dann sind die Länder allein dafür verantwortlich.

Wohnungsbauprogramme reichen vorn und hinten nicht

Auch wenn diverse deutsche Städte großangelegte Wohnungsbauprogramme ins Leben gerufen haben, ist laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2017 die Zahl der Wohnungsbaugenehmigungen gesunken – um 7,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Gerade in Großstädten ist daher ein knallharter Kampf um Wohnraum entbrannt, bei dem selbst solvente Wohnungssuchende oft das Nachsehen haben. Von finanziell schlechter gestellten oder arbeitslosen Menschen ganz zu schweigen.

Aufgrund dieser – sich weiter verschärfenden – Situation sieht die BAGW den Bund beim Thema Wohnungspolitik in der Pflicht. Neben der Bereitstellung bezahlbaren Wohnraums müssten aber weitere Maßnahmen erfolgen: etwa staatliche Käufe von privaten Wohnungsbeständen und Quoten für die Vermietung von geförderten Wohnungen an Wohnungslose.

„Housing First“: Vorbild für Deutschland?

Vielleicht kann Finnland als Vorbild dienen – den Nordländern gelingt es seit einiger Zeit, die Zahl der Obdach- und Wohnungslosen zu senken. Hintergrund ist die ursprünglich aus den USA stammende Strategie „Housing First“: Jeder Bürger, der seine Bleibe verliert, bekommt sofort eine neue dauerhafte Wohnung. In US-Städten wie Salt Lake City konnte die Obdachlosigkeit so um knapp 80 Prozent gesenkt werden, Metropolen in Dänemark, Österreich, den Niederlanden und Kanada kommen auf ähnliche Ergebnisse. Auch in Berlin und Hamburg laufen Modellversuche.

Eine Hand überreicht einer anderen Hand eine heiße Suppe.
Suppenküchen freuen sich immer über eine helfende Hand.

Obdachlosenhilfe: Was kann ich tun?

Wenn du helfen willst, ist eine Geld- oder Sachspende an die folgenden Non-Profit-Organisationen ein geeignetes Mittel. Außerdem suchen diese Hilfsorganisationen jederzeit freiwillige Helfer, etwa für die Essensausgabe in Suppenküchen.

 

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