Pflegende Kinder und Jugendliche – „jeder von uns sollte hinschauen.“

17 Jahre lang pflegte Julika (37) ihre Mutter zu Hause – ihre Kindheit war geprägt von Verantwortung, Sorgen und Stress. Bis heute leidet sie darunter und engagiert sich jetzt wieder für die Schwächsten: Mit ihrer Initiative Young Helping Hands unterstützt sie Heranwachsende, die Angehörige pflegen. Deren Belange will sie in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, damit sie die Hilfe bekommen, die sie verdienen. 

Darum geht's:

 


Was ist Young Helping Hands genau?

Wir sind eine 2016 gegründete Initiative für Kinder und Jugendliche, die zu Hause ihre Eltern oder andere Angehörige pflegen, die körperlich, psychisch oder kognitiv beeinträchtigt sind. Wir wollen die Heranwachsenden unterstützen und stärken, hören zu und vermitteln sie im Bedarfsfall an Beratungsstellen. Unser Fokus liegt dabei primär auf der öffentlichen Aufklärung, um auf die Problematik aufmerksam zu machen.  

Von welchen Dimensionen sprechen wir? Wie viele Kinder und Jugendliche pflegen in Deutschland Angehörige?

Das sind deutlich mehr, als vielen Menschen klar ist. Die KiFam-Studie von Sabine Metzing, Professorin an der Universität Witten/Herdecke, geht davon aus, dass 478.000 Heranwachsende zwischen 10 und 19 Jahren zu Hause mit der Pflege betraut sind. Das müssen wir uns klar machen – rein rechnerisch ist das fast in jeder Schulklasse ein Kind, das in den allermeisten Fällen Hilfe, Unterstützung oder auch nur Verständnis braucht. Von Nachbarn, Hausärzten, Lehrern, Klassenkameraden. Denn wir reden hier nicht davon, dass sie vielleicht einmal mehr die Spülmaschine ausräumen müssen, einige dieser Kinder übernehmen auch die Intimpflege und sind ständig in der Pflicht und Verantwortung.

Wie kann es in einem Wohlstandsland wie Deutschland dazu kommen?

Portrait von Julika Stich
Julika (37) rief die Initiative Young Helping Hands ins Leben.

Wir haben da tatsächlich eine Lücke im System. Es gibt Betroffene, die gar nicht so viel externe Hilfe in Anspruch nehmen wollen, weil sie das als Eingriff in die Familienstruktur begreifen. Manche sind schlicht überfordert mit der Organisation. Und dann ist es doch auch so, dass der Pflegedienst zwar kommt und hilft, aber eben auch wieder fährt – da ist längst nicht alles abdeckt, was erledigt werden muss.

Wie entstand die Idee zu Young Helping Hands?

Aus meiner eigenen Betroffenheit heraus. Im Moment sind wir drei Ehrenamtliche, die sich hauptsächlich für Young Helping Hands einsetzen – und wir alle haben selbst als junge Menschen Angehörige gepflegt. Bei mir war es meine Mutter, die an Multipler Sklerose erkrankte, als ich zwei Jahre alt war. Ich habe lange unter meiner Vergangenheit gelitten und fühlte mich von ihr belastet. Schon als Kind habe ich ständig Sorgen gehabt – und Angst. Ich schleppe einfach diesen Ballast mit mir herum, lebe nicht so unbeschwert und fühle mich eingeschränkt. Ich habe auch oft Ekelgefühle. Dann erscheint mir alles so dreckig. Ich hatte einige Zusammenbrüche, bis mir klar war, wie viel das mit meiner Kindheit zu tun hatte.

Mehr Infos zu der Initiative gibt es unter www.young-helping-hands.de.

Wie war es für dich, deine Mutter zu pflegen?

Mit sieben Jahren übernahm ich zu Hause kleinere Pflegejobs. Ich hatte zum Beispiel die Verantwortung, dass meine Mutter nicht fällt, wenn sie sich von einem in den anderen Rollstuhl gehievt hat. Ich konnte nie in Ruhe essen, immer war etwas. Ich war einkaufen, bin nachts oft aufgestanden, habe ihr beim Waschen geholfen. Das war nicht kindgerecht, ich war ständig überlastet und überfordert, auch wenn es ein Stück Normalität war. Mir fehlte eine unbeschwerte Kindheit. Und rückblickend war ich auch erst wütend: Warum hat niemand etwas gesagt, warum hat mir niemand geholfen? Ich habe doch danach gerufen. Aber es kamen teils sehr heftige Reaktionen wie etwa von einer Bekannten: „Stell dich nicht so an.“ Oder von einem Lehrer, der durchaus meine vielen Fehlzeiten bemerkte, sie aber nur bemängelte, statt einmal nachzufragen. Im Rückblick sehe ich aber auch die kleinen Gesten von Menschen, die helfen wollten.

Was waren schlimme, was waren positive Momente?

Die dauerhafte Anspannung war schlimm für mich – natürlich auch, wenn etwas schief ging. Wenn meine Mutter etwa vom Hebegerät gefallen ist. Oder manchmal ist sie aus Trotz weggefahren und ich musste sie suchen, immer in Sorge. Sie weinte auch oft – das war natürlich auch für sie eine emotional extrem belastende Situation. Einmal ärgerte mich ein Klassenkamerad in der Grundschule, indem er sagte, er hätte vor unserem Haus den Rollstuhl meiner Mutter nicht gesehen. Ich war sofort in Panik. Der Heimweg war nicht lang, aber mir kam er unendlich vor. Zum Glück begleitete mich die Oma meiner besten Freundin, bei der ich verzweifelt geklingelt hatte. Aber es gab auch viele positive Momente. Wir hatten viel Besuch. Zwei Freundinnen meiner Mutter kamen oft mit Tee und Kaffee. Das gemeinsame Teetrinken haben meine Mutter und ich sehr zelebriert. Und meine Mutter hatte einen tollen Humor – von ihr habe ich auch den Mut, Dinge anzusprechen.

Warum brauchen junge Menschen besondere Unterstützung?

Die Pflegesituation überfordert Heranwachsende. Und es wäre wünschenswert, wenn sie die Pflege gar nicht übernehmen und damit bestimmte Dinge nicht erleben müssen. Aber der erste Schritt ist, dass wir diese Kinder und Jugendlichen aus der Unsichtbarkeit herauszuholen, sie wahrnehmen und ihnen Hilfsangebote machen. Wie können wir sie unterstützen? Was brauchen sie? Jeder von uns ist gefragt hinzuschauen!

Die Chanson- und Kabarett-Sängerin Turid Müller hat für die Initiative und die pflegenden Kinder und Jugendlichen den Song „Unsichtbar“ entwickelt – um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Du kannst ihn hier hören:

https://soundcloud.com/turid-m-ller/unsichtbar-song-uber-junge-menschen-in-pflegeverantwortung


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