Interview zur aktuellen Lage in Mossul, Irak

Stefan Jansen, Leiter unseres Teams im Irak, über die aktuelle Situation (19.07.2017) im Irak und der Region um Mossul.

 
Wie ist die aktuelle Situation im Irak und rund um Mossul?

Am 9. Juli 2017 hat der irakische Premierminister Haider Al-Abadi offiziell die Rückeroberung Mossuls erklärt. Dabei ist wichtig zu wissen, dass es sich bei den Kräften, die die Rückeroberung gemeistert haben, um eine Koalition aus verschiedenen Sicherheitskräften handelt. Die irakische Armee wurde am Boden von verschiedenen Milizen und in der Luft von internationalen Kräften unterstützt. Dass Mossul offiziell befreit ist, heißt jedoch noch nicht, dass die Stadt wieder sicher ist. Hier und da gibt es vor allem im Westen der Stadt noch Kampfhandlungen. Darüber hinaus hält der IS noch weitere Gebiete im Irak. Somit ist der IS im Irak militärisch noch nicht besiegt.

Was bedeutet die Befreiung Mossuls für den Kampf gegen den IS insgesamt? Wie stark ist der IS noch?

Der IS ist weiterhin im Irak aktiv und hat noch weitere Landesteile im Westen (grenzend an Syrien) unter seiner Kontrolle. Der IS ist definitiv geschwächt, weshalb er unter Umständen noch gefährlicher ist – da vermehrt mit Selbstmordanschlägen in ruhigeren Gegenden gerechnet werden muss. Insgesamt ist es noch ein langer Weg, bis der IS im Irak und Syrien besiegt ist, wobei dies nur der militärische Sieg wäre. Die Indoktrinierung des vom IS verklärten Weltbildes wird sicher in den Köpfen einiger weiterleben. 

Stefan Jansen

Stefan Jansen Leiter Team Irak Malteser International

Leiter Team Irak, Malteser International

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Woran können Sie selber merken, dass die Stadt Mossul befreit ist? Wie sieht das praktisch aus?

Natürlich sind die Medien im Irak selbst voll von den Meldungen der Rückeroberung. Persönlich verspürt man weder ein Aufatmen noch die Hoffnung, dass ein Stück weit Normalität in die Region zurückkehrt – da die komplexen Zusammenhänge vor Ort nicht unbedingt eine rosige Zukunft für den Norden des Iraks versprechen. Wir sehen deshalb auch keine großen Veränderungen vor Ort. Die Sicherheitsbestimmungen haben sich nicht geändert, es gibt nicht die große Erleichterung oder Siegesparaden. Es herrscht weiterhin Krieg im Land.

Wie geht es den Menschen aus Mossul? Können sie nun zurückkehren?

Zunächst ist zu sagen, dass weiterhin viele Menschen in Mossul sind und auch geblieben sind, weil sie nicht fliehen konnten. Diejenigen, die das Glück hatten, aus der Stadt fliehen zu können, sind in Camps untergebracht worden. In den Camps übernehmen wir als NGO Community die Versorgung der Menschen vor Ort. Wir tragen einen Teil dazu bei, die Gesundheitsversorgung in den Camps sicherzustellen. Insgesamt sind ca. 900.000 Menschen aus der Region geflüchtet, wobei nicht nur Mossul selbst, sondern die gesamte Region Ninawa gezählt wird. Jedoch sind auch schon wieder 220.000 Menschen in die befreiten Gebiete zurückgekehrt – vor allem in die Gebiete östlich des Tigris. Im Westen sehen wir noch keine große Anzahl von Rückkehrern.

Die Stadt selbst ist von Ihrer Grundsubstanz her erschüttert. Viele Gebäude sind einsturzgefährdet, die Infrastruktur mehr oder weniger komplett zerstört. Es mangelt an Allem. Angefangen beim Essen über Wasser bis hin zur Gesundheitsversorgung. Malteser International ist selbst im östlichen Teil Ninawas aktiv und dort ist die Lage relativ sicher.

Wie konnten wir die Menschen bisher unterstützen? 

Vor allem im Bereich der Gesundheitsversorgung der zivilen Bevölkerung und als Nothilfemaßnahme durch Verteilung von Hilfspaketen zur Deckung des Grundbedarfs wie Abdeckplanen, Bettwäsche, Matratzen, Küchenartikel, Solarlampen, Wasserkanister und Hygieneartikel. 

Wie werden wir unsere Hilfe jetzt ausbauen?

Neben der weiteren Nothilfeversorgung durch Hilfspakete ist ein gradueller Aufbau der Gesundheitsversorgung geplant. Des Weiteren setzen wir unsere Projekte im Bereich der primären Gesundheitsversorgung für Binnenvertriebene und bedürftige lokale Bevölkerung weiter um – da davon auszugehen ist, dass diese Hilfe längerfristig benötigt werden wird.

 Um der lokalen Bevölkerung und Rückkehrern eine Lebensgrundlage zu ermöglichen, wollen wir künftig unsere Arbeit im Bereich Ausbildung und einkommensschaffende Maßnahmen intensiveren, im besonderen Hinblick auf den medizinischen Bereich. Zusätzlich sehen wir einen großen Bedarf der Ausweitung unserer Arbeit im Bereich psychosozialer Unterstützung von insbesondere kriegstraumatisierten Frauen.

Kehrt jetzt Frieden in die Region ein?

Die Sicherheitssituation im Land ist komplex und von vielen verschiedenen Faktoren abhängig. Bis es zu einer Aussöhnung zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen kommt, ist es noch ein sehr langer Weg. Die Unabhängigkeitsbestrebungen der autonomen Region Kurdistan im Norden gepaart mit der Missgunst einzelner arabischer Gruppen untereinander verspricht jedoch keine friedliche Lösung auf Dauer. Wir befürchten eine sehr volatile Sicherheitssituation im Irak und speziell im Norden auch nachdem IS militärisch besiegt wurde.