Psychosoziale Notfallversorgung: "Wer soll es sonst machen?"

Seit 25 Jahren ist Johannes Meyer für die Malteser als Notfallsanitäter im Einsatz. Doch auch nach Feierabend ist für den 47-Jährigen noch lange nicht Schluss. In seiner Freizeit engagiert er sich im Bereich der Psychosozialen Notfallversorgung. Als Diözesanreferent betreut er hier mehrere Malteser Teams für die Krisenintervention und Einsatznachsorge.

Wie sieht ein typischer Einsatz in der Einsatznachsorge für Sie aus?

Zunächst kläre ich ab, was genau passiert ist. Muss eine ganze Gruppe betreut werden oder nur eine Einzelperson? Auf dieser Basis kann ich entscheiden, ob ein Team für die Einsatznachsorge benötigt wird, oder ob es ausreicht, wenn ein einzelner Kollege die Betreuung übernimmt. Ist all das geklärt, vereinbaren wir ein Treffen an einem neutralen aber ungestörten Ort. Dort sprechen über das Erlebte.

Wo gibt es Ihrer Meinung nach den größten Einsatzbedarf?

Den größten Bedarf sehe ich immer da, wo Menschen einsam sind. Das verändert sich zur Zeit rapide, denn die Wohneinheiten im ganzen Land werden immer kleiner. Ob jung oder alt: Immer mehr Menschen haben kaum noch jemanden, mit dem sie sich wirklich austauschen können. Es fehlt die Wärme eines Gegenübers – das versuchen wir zumindest in Notsituationen zu ändern.

Notfallsanitäter Johannes Meyer vor einem Malteser Rettungswagen mit Arbeitskollegen

Belasten Sie die menschlichen Schicksale, die Ihnen begegnen?

Ich sehe mein Engagement eher von der rationalen Seite. So schwierig die Situation für mein Gegenüber auch sein mag: Ich bin für sein Leid nicht verantwortlich. Natürlich berührt mich sein Schicksal, aber ich kann das klar trennen. Dafür frage ich mich immer wieder: In welcher Rolle spricht man mich gerade an? Als Kollege? Als Einsatznachsorger? Oder als sozialer Ansprechpartner ?So mache ich mir klar, was gerade von mir erwartet wird.

Gibt es einen Einsatz, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ganz klar der Einsatz nach dem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt im Jahr 2002. 17 Menschen starben hier. Während der langen Anreise habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, was mich vor Ort erwartet. Ob und wie man solche Einsätze verarbeitet, hängt stark vom Team und der Atmosphäre ab. Fühlt man sich wohl, kann man sich gegenseitig auffangen.

Wie unterstützen Sie die Kollegen aus den Kriseninterventionsteams, deren Aufgabe es beispielsweise ist, die Nachricht vom Tod eines Menschen zu überbringen?

Ich helfe bei Fragen rund um die Finanzierung und den Teamaufbau. Um unsere Arbeit überhaupt machen zu können, sind wir auf ehrenamtliche Unterstützung angewiesen. In einem Vorgespräch kläre ich, ob der Bewerber realistische Erwartungen an das Ehrenamt hat. Da wir uns ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge finanzieren, können wir es uns nicht leisten, jemanden auszubilden, der nach wenigen Wochen abspringt.

Was sollten ehrenamtliche Helfer mitbringen?

Es ist von Vorteil, wenn unsere Mitarbeiter selbst Erfahrung im Umgang mit Tod und Trauer gemacht haben. Vielleicht haben sie sich auch selbst Unterstützung in einer Notlage gewünscht. Es ist wichtig zu verstehen, wie sich das Gegenüber gerade fühlt. Nur dann kann man seine Arbeit gut machen.

Welche Erfahrungen haben Sie im Rahmen Ihres Engagements gemacht?

Es kommt vor, dass Betroffene sich in Nachrufen oder mit Einladungen bei uns bedanken. Auf der anderen Seite reagieren viele Menschen aber auch mit Unverständnis, wenn sie von meinem Ehrenamt erfahren. Schließlich treffe ich in der Psychosozialen Notfallversorgung immer wieder auf die schrecklichsten Einsatzszenarien. Einige können nicht verstehen, wieso ich mich freiwillig mit solchen Schicksalen auseinandersetze. Meine Antwort darauf ist: Wer soll es sonst machen?

Hat sich durch den Einsatz für Malteser in Ihrem Leben etwas verändert?

Sicherlich. Ich begegne Problemen – egal obprivat oder beruflich – mit einer höheren Gelassenheit. Denn ich habe immer wieder erlebt, dass am Ende alles gut wird. Über die Jahre habe ich in Einsätzen und Schulungen zudem sehr viel Erfahrung gesammelt, und weiß, wie ich mit solchen emotionalen Ausnahmesituationen umgehen muss.

Vor einigen Jahren wurden Sie und ihr Team mit dem Förderpreis „Helfende Hand“ des Bundeninnenministeriums ausgezeichnet (www.helfende-hand-foerderpreis.de). Was bedeutet Ihnen das?

Wir haben einen kleinen Geldbetrag erhalten, den wir für die Aus- und Weiterbildung unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter einsetzen konnten. Die Auszeichnung war wichtig für uns, denn durch sie sind noch mehr Menschen auf unser Angebot aufmerksam geworden. Gleichzeitig sind solche Förderpreise natürlich auch eine wichtige Bestätigung für unsere Arbeit.

Johannes Meyer sitzt im Einsatzfahrzeug
Johannes Meyer im Gespräch mit Polizisten bei einem Einsatz