"Alle Menschen haben ein Recht auf medizinische Versorgung."

Norbert Trelle
Bischof von Hildesheim
Vorsitzender „Katholisches Forum – Leben in der Illegalität“ und Schirmherr der Malteser Migranten Medizin in Hannover

Was verbinden Sie persönlich mit dem Begriff „Migration“?
Auch wenn einige meiner Vorfahren aus Westpreußen stammen, so habe ich selbst doch wenig persönliche Erfahrung mit Migration, so wie wir sie gewöhnlich verstehen. Mein eigener Lebensweg führte mich von Kassel über Bonn und Innsbruck in das Erzbistum Köln und schließlich nach Hildesheim. Dennoch habe ich als Mitglied und Vorsitzender der Kommission 14 der Deutschen Bischofskonferenz – der sogenannten Migrationskommission – viele Einblicke in das Thema gewonnen, auch ganz unmittelbar zum Beispiel bei meinen Reisen zu Auslandsgemeinden oder in Flüchtlingslager im Nahen Osten. Und schließlich gab ich in einem Alter, in dem andere sich auf die Rente vorbereiten, meinen Dienst als Weihbischof in Köln auf und übernahm eine neue Aufgabe in Hildesheim. Das Moment des Aufbrechens zu neuen Ufern und des Zurücklassens von vertrauten Lebenszusammenhängen ist mir also nicht fremd. Dabei bin ich mir natürlich bewusst, dass meine Erfahrungen auch nicht im Ansatz mit dem zu vergleichen sind, was Kriegsflüchtlinge auf dem Weg nach Europa zu erleiden haben.

Warum benötigt die Katholische Kirche eigens einen „Migrationsbischof“?
Wenn wir unser ganzes Leben als Wanderung hin zu Gott verstehen, dann ist in diesem weiteren Sinne natürlich jeder Mensch ein „Migrant“ und insofern auch jeder Bischof ein „Migrationsbischof“. In einem engeren Sinne haben die deutschen Bischöfe eine Migrationskommission eingerichtet, weil ihnen bewusst war, dass Migration eben nicht nur mit Hoffnung verbunden ist, sondern oft genug auch mit Verlust: Menschen geben ihre Heimat auf, nicht selten ihr ganzes Vermögen. Sie verlieren ihre Sicherheiten, ihre sozialen und sprachlichen Bezüge und verändern ihre gesamte Lebensperspektive. Das macht vielen Migranten Angst, kann zu Verzweiflung führen oder auch zu Aggressionen. Hier steht die Katholische Kirche vor einer gewaltigen seelsorglichen Herausforderung, was meiner Meinung nach die Einrichtung einer eigenen Kommission rechtfertigt.

Sie haben dankenswerterweise im Jahre 2007 die Schirmherrschaft der Malteser Migranten Medizin Hannover übernommen. Warum braucht es die Malteser Migranten Medizin – nicht nur in Hannover?
Sehr gerne habe ich die Schirmherrschaft über die Malteser Migranten Medizin Hannover übernommen und verfolge deren Arbeit sehr genau. Was ich damals zur Eröffnung der Ambulanz gesagt habe, gilt bis heute: In der Einrichtung der Malteser Migranten Medizin Hannover zeigt sich eine aktuelle Möglichkeit, den alten Leitsatz der Malteser – Bezeugung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen – in die konkrete Wirklichkeit von notleidenden Menschen zu übersetzen. Es gibt nämlich auch in einem vordergründig reichen Land wie Deutschland Männer, Frauen und Kinder ohne Krankenversicherung. Viele von ihnen leben hier ohne gültigen Aufenthaltsstatus und scheuen daher aus Angst vor Abschiebung den rettenden Arztbesuch. Auch diese so genannten Illegalisierten oder Papierlosen haben aber ein Recht auf medizinische Versorgung – übrigens nicht nur aus christlicher Perspektive, sondern auch in der Auslegung der allgemeinen Menschenrechte!

Was meinen Sie? Gibt es die Malteser Migranten Medizin auch in zehn Jahren noch bzw. muss es sie dann noch geben?
Der Selige Gerhard, das große Vorbild der Malteser, hat einmal sinngemäß gesagt: Solange es Elend auf dieser Welt gibt, werden sich immer Menschen finden, die dieses Elend lindern wollen. Insofern fürchte ich, dass es die Malteser Migranten Medizin auch zukünftig geben wird, zugleich hoffe ich es aber auch. Ich fürchte dies, weil ich glaube, dass auch in zehn Jahren in Deutschland noch Menschen ohne Krankenversicherung leben werden. Alle Fachleute gehen davon aus, dass in Folge der Zuwanderung von Flüchtlingen viele abgelehnte Asylbewerber in die Illegalität flüchten und sich im Krankheitsfall der Malteser Migranten Medizin ofenbaren. Es gibt zwar derzeit verschiedene politische Initiativen, dieses Leid zu bessern, zum Beispiel durch den Anonymen Krankenschein oder eine Krankenkarte für Flüchtlinge. Als Vorsitzender der Migrationskommission unterstütze ich diese Initiativen nachdrücklich, fürchte jedoch, dass sie das Problem nur bessern, nicht lösen können. Daher hoffe ich und bin zuversichtlich, dass sich auch in zehn Jahren noch Menschen finden werden, die sich in den Dienst dieser leidenden Menschen stellen wollen.