Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Die Medizin wird weiblicher: immer mehr Medizinstudentinnen nehmen das Studium auf, immer mehr Medizinerinnen arbeiten in den Krankenhäusern. Allein durch diese Tatsache bekommt das Thema Wiedereinstieg im ärztlichen Dienst immer mehr Gewicht. Aber auch bei den männlichen Kollegen wächst der Wunsch und die Notwendigkeit, die Familie besser mit dem Beruf vereinbaren zu können bzw. sich für eine gewisse Zeit ganz der Familie zu widmen.

Aus diesem Grund fördern die Malteser Krankenhäuser den Wiedereinstieg nach der Familienphase. Sie bieten verschiedene Möglichkeiten an, um während der Familienphase am Ball zu bleiben und danach einen sanften Einstieg zu ermöglichen.

Den optimalen Zeitpunkt für eine „Familienplanung“ gibt es eigentlich nie. Ein Kind stellt einen solch gravierenden Einschnitt in den Alltag mit weit reichenden Umstellungen dar, dass es „so richtig“ eigentlich nie passt. Entweder die Ausbildung oder das Studium ist noch nicht abgeschlossen, der geeignete Partner fehlt oder man ist soeben dabei, sich am Arbeitsplatz zu etablieren. Das macht es jedoch auch später nicht einfacher, beruflich kürzer zu treten, ein schlechtes Gewissen bleibt eigentlich immer.

Andererseits werden viele Paare nicht planbar Eltern, da eine Schwangerschaft in den seltensten Fällen dann auch eintritt, wenn man sie sich wünscht. Stressfaktoren und ein ungesunder Lebensrhythmus (gerade unter Ärzten) sind sicherlich eine Ursache hierfür. Trotzdem  sollte man zumindest  versuchen, einen individuell günstigen Zeitpunkt zu avisieren und sich mit dem werdenden Vater über grundlegende Dinge im Vorfeld zu einigen, um späteren Konflikten vorzubeugen...

Wir danken Frau Dr. Carolin Siegmann, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe

Zwei Ärztinnen lächeln in die Kamera

Interviews mit Assistenzärztinnen

Dr. Sandra Theißen, Assistenzärztin Innere Medizin

Die „Halbgötter in Weiß“ waren gestern. Der Arztberuf hat an Attraktivität verloren, als Gründe werden hohe Arbeitsbelastung und niedrige Entlohnung angeführt. Warum haben Sie sich dazu entschieden, Ärztin zu werden?
Schon von klein auf wollte ich Ärztin werden, etwas anderes kam gar nicht in Frage. Mein Vater war ehrenamtlicher Rettungsassistent und so war ich schon als Kind fasziniert von der Medizin. Das hat sich bis heute nicht geändert.
 
Noch Mitte der Achtziger warnte man vor einer Ärzteschwemme, jetzt befürchtet man einen Ärztemangel. Warum lehnen viele Studenten nach Abschluss ihres Studiums die klassische Krankenhauslaufbahn ab?
Durch das Praktische Jahr lernen die Studenten den Krankenhausalltag kennen und merken, dass die Realität nicht ganz dem Idealbild entspricht. Als junge Ärztin möchte man soviel wie möglich lernen und die eigene Ausbildung komplettieren. Doch oft bleibt zu wenig Zeit, um wirklich in all die diagnostischen Verfahren und Therapien ausführlich eingewiesen zu werden. Schnell ist man mittendrin. Die Arbeitsbedingungen können ganz schön hart sein, mit vielen Überstunden und einer Vergütung, die nicht gerade Anlass zur Freude gibt. Allerdings liegt es auch stark an einem selbst, sein Arbeitspensum einzuteilen und die Freiräume, die sich einem bieten, zu nutzen. Das fällt im großen Getriebe von Unikliniken sicher schwerer als in etwas kleineren Krankenhäusern.

Wie gestaltete sich ihre Jobsuche nach Abschluss des Studiums?
Mittlerweile ist es sehr leicht, eine passende Stelle zu finden. Ich habe zunächst drei Jahre in der Anästhesie gearbeitet, um mich dann aber doch der Allgemeinmedizin zuzuwenden. Die längerfristige Betreuung von Patienten hatte mir gefehlt.
 
Wenn Sie Ihren Berufsalltag betrachten: War das Medizinstudium eine angemessene Vorbereitung?
Das Studium ist prinzipiell zu praxisfern angelegt. Ehrlich gesagt, kommen gerade mal 20 Prozent, von dem, was ich im Studium gelernt habe, wirklich zum Einsatz im Krankenhausalltag. Da ich während des Studiums bereits viel in der Pflege gearbeitet habe, wusste ich recht genau, was auf mich zukommt. Ich kann nur jedem empfehlen, möglichst frühzeitig umfangreiche praktische Erfahrungen zu sammeln.

Beschreiben Sie einen normalen Arbeitstag im Krankenhaus.
Mein Arbeitstag startet um 7.30 Uhr zum Beispiel mit den anstehenden Blutabnahmen. Um 8 Uhr gibt es eine Übergabebesprechung mit dem Kollegen aus der Nachtschicht und anschließend die Visite auf der Intensivstation. Danach steht erst einmal Papierkram an: Befunde sichten und Patientenakten bearbeiten. Bei der Visite schauen wir uns im Team die Patienten genau an und stimmen das weitere Vorgehen ab. Im Anschluss stehen Ultraschalluntersuchungen und Belastungs-EKGs an. Die Zeiten dazwischen nutze ich, um die Arztbriefe zu diktieren. Mit der ausführlichen Roentgenbesprechung um 15 Uhr und der anschließenden Übergabe an den Diensthabenden Arzt endet ein durchschnittlicher Arbeitstag für mich. Da ich eine zusätzliche Ausbildung zur Notärztin habe, muss ich ergänzend zur Stationsarbeit bei Notfällen raus. Dann bleibt natürlich einiges an Stationsarbeit liegen.
 
Wie schätzen Sie Ihre Möglichkeiten ein, eigene Vorstellungen in den Krankenhausbetrieb einzubringen und auch umzusetzen?
Das hängt meiner Meinung nach stark vom Arbeitsklima im Team und vom jeweiligen Chefarzt ab. Bei uns hat man schon die Möglichkeit, gute Ideen einzubringen, die auch diskutiert werden. Die Umsetzung kann dann jedoch an Kosten- oder Zeitaspekten scheitern, da hier der Spielraum sehr eng ist.
 
Welche Möglichkeiten zur Weiterbildung und Fortbildung bietet Ihnen Ihr Arbeitgeber?
Etabliert hat sich die regelmäßige Schmerzfortbildung, ansonsten finden interne Fortbildungen leider nicht so häufig statt. Beim Thema Fortbildung ist natürlich von jedem Eigeninitiative gefragt, dann wird man auch dabei unterstützt.
 
Krankenhäuser stehen heute auf einem schmalen Grat zwischen Fürsorge auf der einen und Wirtschaftlichkeit auf der anderen Seite: Wo spüren Sie als Ärztin diese Gratwanderung und wie gehen Sie damit um?
Die Arbeitsverdichtung ist an allen Ecken zu spüren. Immer weniger Personal steht für die Patientenversorgung zur Verfügung. Manchmal habe ich Sorge, dass der Kontakt und Informationsaustausch zwischen Ärzten, Pflegepersonal und Patienten einfach zu kurz kommt.
 
Frau Dr. Theißen, wie ist das Verhältnis von eigentlicher medizinischer Arbeit und Dokumentation?
Ich verbringe mehr Zeit mit der Dokumentation als mit den Patienten. Gerade ist es mir wieder ganz deutlich aufgefallen: Ich habe fünf Minuten lang mit einem Patienten gesprochen und ihn untersucht, um dann anschließend für 15 Minuten PC-Eingaben zu machen, Röntgenuntersuchungen anzuordnen und Aufnahmebögen auszufüllen. Das ist nicht wirklich befriedigend.
 
Was können Sie jungen Ärztinnen und Ärzten vor dem Berufseinstieg auf den Weg geben?
Trotz aller Schwierigkeiten macht der Beruf auch sehr viel Freude. Deshalb sollte man sich auf keinen Fall abschrecken lassen. Wichtig ist, dass sich Berufseinsteiger alle Wege offen halten und möglichst viele weiterführende Kurse besuchen. Wenn möglich, sollte ein junger Arzt oder eine junge Ärztin überall reinschnuppern, um viel Erfahrung zu sammeln. Davon profitiert man später enorm. Eine Ausbildung zum Notarzt finde ich auch sehr empfehlenswert, um über den Tellerrand der eigenen Fachrichtung herauszuschauen.
 
Familienplanung und Arztberuf:
Ist das für Ärztinnen miteinander vereinbar?

Ich denke schon, dass das geht. Am besten mit einer Teilzeitstelle. In sehr patientennahen Fachrichtungen wie der Innere Medizin ist dabei eine Teilzeitstelle jedoch eine besondere Herausforderung. Es lässt sich zeitlich kaum einrichten, dass die komplette Behandlung eines Patienten von der Ärztin in Teilzeit betreut werden kann. Deshalb muss dann im Laufe des Tages die Zuständigkeit an einen anderen Arzt übergeben werden. Beruf und Kinder lassen sich aber sicher recht gut organisieren, wenn man das Glück hat, dass die Familie in der Umgebung wohnt und als Babysitter einspringt. Ich finde dabei wichtig, dass die Pause bis zum Widereinstieg nicht zu lange ist, um nicht den Anschluss zu verlieren.
 
Frau Dr. Theißen, wenn Sie noch einmal die Wahl hätten:
Würden Sie sich wieder für den Arztberuf entscheiden?

Ich stöhne zwar schon öfters, dass ich nicht noch mal Ärztin werden würde - aber das stimmt nicht. Ich würde mich wieder so entscheiden, auch mit all dem Wissen, das ich heute habe. Es ist einfach ein schöner Beruf!

Dr. Dilara-Dilek Ayhan, Assistenzärztin Chirurgie im 5. Weiterbildungjahrsjahr

Die „Halbgötter in Weiß“ waren gestern. Der Arztberuf hat an Attraktivität verloren, als Gründe werden hohe Arbeitsbelastung und niedrige Entlohnung angeführt. Warum haben Sie sich dazu entschieden, Ärztin zu werden?
Ausschlaggebend für mich war das Interesse am klinischen Arbeiten in Verbindung mit dem Patientenkontakt.
 
Noch Mitte der Achtziger warnte man vor einer Ärzteschwemme, jetzt befürchtet man einen Ärztemangel. Warum lehnen viele Studenten nach Abschluss ihres Studiums die klassische Krankenhauslaufbahn ab?
Eine niedrige Vergütung in Kombination mit hoher Belastung und eingeschränkter Freizeit erscheint nicht wirklich lukrativ.
 
Wie gestaltete sich ihre Jobsuche nach Abschluss des Studiums?
Zur Zeit meiner Bewerbung gab es viele offene Stellen, so dass ich die Möglichkeit hatte mir eine Stelle aussuchen zu dürfen.
 
Wenn Sie Ihren Berufsalltag betrachten: War das Medizinstudium eine angemessene Vorbereitung?
Das Medizinstudium ist meiner Meinung nach zu praxisfern. Vieles was man an Theorie lernen musste, kann man später im Beruf nicht wirklich anwenden. Wenn man gute Betreuung in Famulaturen oder im PJ hatte, ist es sehr hilfreich für den  Berufsbeginn.
 
Beschreiben Sie einen für Sie typischen Arbeitstag im Krankenhaus.
Wir beginnen um 7.00 Uhr mit der Visite auf Station. Im Anschluss folgt die Frühbesprechung, in welcher vom Nachtdienst berichtet wird sowie Neuaufnahmen für den Tag und Operationen besprochen werden. Je nach Einteilung arbeiten wir danach in der Ambulanz oder im OP.
 
Insgesamt ist eine gute Organisation erforderlich, denn wenn man den ganzen Tag im OP eingesetzt ist, muss dennoch die Versorgung der Patienten auf Station (Anmeldungen für Untersuchungen, Befundungen, Entlassungspapiere etc.) gewährleistet sein.
 
Wie schätzen Sie Ihre Möglichkeiten ein, eigene Vorstellungen in den Krankenhausbetrieb einzubringen und auch umzusetzen?
Dies hängt stark vom Betriebsklima ab. Prinzipiell haben wir jedoch die Möglichkeit, Vorschläge zu diskutieren und gegebenenfalls auch umzusetzen.
 
Welche Möglichkeiten zur Weiterbildung und Fortbildung bietet Ihnen Ihr Arbeitgeber?
Wir haben 5 Fortbildungstage im Jahr, die wir beanspruchen dürfen. Die Weiterbildung in operativen Fächern nimmt im Gegensatz zu konservativen Fächern eine besondere Stellung ein, da wir für unseren Gegenstandskatalog eine bestimmte Anzahl an verschiedenen Operationen durchführen müssen. Hier ist hoher Einsatz gefragt. Mangelndes Engagement und Interesse sind äußerst kontraproduktiv.
 
Frau Dr. Ayhan, wie ist für Sie das Verhältnis von eigentlicher medizinischer Arbeit und Dokumentation?
Ein großer Teil der Zeit, die für die Dokumentation genutzt wird, wäre besser in der Patientenbetreuung aufgehoben.
 
Was können Sie jungen Ärztinnen und Ärzten vor dem Berufseinstieg auf den Weg geben?
Frühzeitiger Klinikkontakt im Rahmen von Famulaturen oder Aushilfstätigkeiten ist sehr hilfreich. Weiterhin empfehlenswert ist die Promotionsarbeit während des Studiums zu absolvieren, da die Dienstbelastung im Rahmen der Assistenzarztzeit hoch ist.
 
Familienplanung und Arztberuf:
Ist das für Ärztinnen miteinander vereinbar?

In der Chirurgie ist die Belastung für junge Assistenzärzte während der Weiterbildung sehr hoch, so dass man dies bei der Familienplanung berücksichtigen sollte.
 
Wenn Sie noch einmal die Wahl hätten:
Würden Sie sich wieder für den Arztberuf entscheiden?

Sehr wahrscheinlich Ja! Trotz vieler Klagen, niedriger Vergütung und hoher Belastung ist es Arbeit, die mir gefällt und Spaß macht.