"Ein Mensch ohne Aufgabe gibt sich auf."

Professor Dr. Ursula Lehr im Gespräch mit Dr. Franz Graf von Harnoncourt

Wiederherstellende Pflege, aktivierende Umwelt, Gerechtigkeit zwischen den Generationen: Dr. Franz Graf von Harnoncourt, Geschäftsführer Malteser Deutschland gGmbH für den Bereich Medizin und Pflege, spricht mit der Altersforscherin, früheren Bundesministerin und heutigen Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e.V. (BAGSO) Professor Dr. Ursula Lehr.

Dr. Franz Graf von Harnoncourt (FH): Unser Altersbegriff stammt aus dem 19. Jahrhundert und setzt die Arbeitsfähigkeit mit dem Alter gleich. Ich finde, für die Generation zwischen 60 und 80 Jahren müssen wir einerseits natürlich Betreuungs- und Unterstützungsmöglichkeiten bereitstellen. Andererseits sollten wir sie aber auch in die Pflicht nehmen und sagen: Wenn wir eine solidarische Gesellschaft sein wollen, dann muss man auch euch die Möglichkeit geben, daran mitzuwirken und damit selbst Aufgaben und Wert in der Gesellschaft zu erhalten.

Professor Dr. Ursula Lehr (UL): Auf jeden Fall. Wir haben darüber hinaus auch  einen Wandel von langfristigen zu kurzfristigen Bindungen. Das können wir auch im Ehrenamtsbereich beobachten: Die Menschen sind bereit, sich für ein Projekt einzusetzen, nicht aber zu einer ständigen Mitgliedschaft. Umso mehr sind wir auf vorübergehendes Engagement  und auch auf ältere Ehrenamtliche angewiesen. Wir können nicht das halbe Leben als Rentner oder Pensionär der arbeitenden Generation auf der Tasche liegen.

FH: Es ist ja auch eine Frage des Selbstverständnisses, in einer Gesellschaft noch selbst einen Beitrag leisten zu wollen. Da geht es um Selbstbewusstsein und um die Bedeutung, die man auch noch im Alter für andere haben kann.

UL: Ich würde als Psychologin sogar sagen, dass eine Tätigkeit zur Selbsterhaltung notwendig ist. Der Mensch, der keine Aufgabe hat, gibt sich auf. Das trifft allerdings nicht nur auf 60- bis 80-Jährige zu, das gilt auch für Über-80jährige! Wer keine Aufgabe hat, hat keine Ziele, wird oft depressiv - und die Depression wird dann als beginnende Demenz gedeutet!

FH: Wir befassen uns schwerpunktmäßig im ganzen Malteser Verbund mit Demenzerkrankungen. Eine unserer Hauptaufgaben ist es dabei, den Menschen bewusst zu machen, dass wir hier unglaublich viele Fehldiagnosen haben: Wer einmal dieses Täfelchen "Demenz" umgehängt bekommen hat, der wird es nicht mehr los. Dabei ist es nicht einfach zu erkennen, ob der Mensch wirklich kognitiv eingeschränkt ist, oder ob er nur schwerhörig oder depressiv ist.

UL: Geriatrisch gebildete Ärzte können das. Aber leider gibt es davon zu wenige. Der Haken ist, dass es Geriatrie bisher meist nur als Zusatzausbildung für Ärzte gibt. Wir brauchen einen Facharzt für Geriatrie. Wir brauchen einen richtigen Lehrstuhl für Geriatrie, die in jeder Medizinerausbildung verankert sein müsste.

FH: Eigentlich sind ältere Patienten überall ein Thema, in der Onkologie genauso wie in der Kardiologie und in anderen Fächern. Wir brauchen ein spezifisch geriatrisches Assessment für alle schon bei der Aufnahme - so wie es die Malteser in all ihren Krankenhäusern machen. Wir können die über 60-Jährigen nicht mit den 40-Jährigen, mit denen die ganzen Studien gemacht werden, über einen Kamm scheren.

Wenn ich auf den Grundsatz "ambulant vor stationär" kommen darf: Ich glaube einerseits, dass man Menschen so lange es geht in einem funktionierenden Wohnumfeld halten sollte. Aber andererseits meine ich, dass ambulant vor stationär bei manchen Menschen auch einen Qualitätsverlust bedeuten kann.

UL: Da stimme ich Ihnen zu! Ich kenne viele ältere Herrschaften, die sagen: Hätte ich gewusst wie gut es hier in dem Heim ist, wäre ich schon früher eingezogen.

Ausbau der Rehabilitation in der Altenhilfe

FH: Wenn Sie heute wieder Ministerin wären. Was würden Sie tun, um älteren Menschen weiterhin die Teilhabe in der Gesellschaft zu ermöglichen?

UL: Ich würde als erstes ganz stark die Rehabilitation ausbauen. Beim Deutschen Seniorentag habe ich gerade ein sehr gut besetztes Symposium moderiert und aus allen Fachrichtungen waren wir uns einig, dass durch Rehabilitation sehr viel erreicht werden kann. Wir malen die zunehmende Pflegebedürftigkeit als großes Gespenst  der Zukunft und tun so wenig, um entweder Pflegebedürftigkeit zu verhindern oder wenigstens dafür zu sorgen, dass der Grad der Pflegestufe nicht erhöht werden muss.

Wir haben 1994/95 zwei Grundfehler beim Pflegegesetz gemacht. Der eine war, dass wir zwar ins Gesetz geschrieben haben: "Rehabilitation vor Pflege". Aber im Allgemeinen bezahlt die Pflegeversicherung die Pflege und die Krankenkasse die Rehabilitation, so dass die eine es der anderen zuschustert. Der zweite Fehler war, dass wir bei erfolgreicher Rehabilitation - etwa wenn jemand wieder aus dem Rollstuhl aufstehen kann - die Gelder reduzieren. Erfolg wird also finanziell bestraft, während Misserfolg belohnt wird.

FH: Wir haben vorhin schon über Solidarität in der Gesellschaft gesprochen. Eines der Sorgen ist die Spannung zwischen Jung und Alt, die Sorge, dass die ältere Generation die Welt der Jungen belastet übergibt. Was ist für Sie Generationengerechtigkeit?

UL: Nach der Definition ist Generationengerechtigkeit dann gegeben, wenn es der nachfolgenden Generation nicht schlechter geht als der jetzigen Generation. Oder andersherum, wenn die Nachfolgegeneration die gleichen Chancen hat wie die vorhergehende. Und die Frage, ob die Jungen die gleichen Chancen haben wie die Alten, ist natürlich sehr problematisch. Die Alten haben sehr unterschiedliche Chancen gehabt. Die heute über 80-Jährigen hatten sicherlich weniger Chancen als die heute über 60-Jährigen.

Präventive Umweltgestaltung: Barrieren ausräumen und motivierende Umwelt schaffen
FH: Welche Rahmenbedingungen braucht es dafür, dass Menschen auch im Alter noch aktiv sein können?

UL: Prävention - und auch präventive Umweltgestaltung!  Hinsichtlich der Prävention ist jeder selbstverantwortlich und auch mitverantwortlich. Körperliche Bewegung, auch  trotz Einschränkungen! Gesunde  Ernährung, dass man auch geistig beweglich bleibt und Sozialkontakte pflegt. Mitverantwortlich: indem der Mensch sich Aufgaben sucht, weil er weiß, ich bin nicht nur für mich selbst und meine Generation, sondern auch für die Generationen vor und nach mir verantwortlich.

Präventive Umweltgestaltung bedeutet Barrieren auszuräumen und eine motivierende, zu Aktivitäten anregende Umgebung zu schaffen. Dazu gehören zum Beispiel Fahrradwege, Schwimmbäder, aber z.B. auch Bänke in Museen - in richtiger Sitzhöhe. Nicht so tief, dass ältere Menschen denken, sie kommen nicht mehr hoch und dann gar nicht mehr ins Museum gehen! Unsere Umwelt sollte auch in ihrer Mobilität eingeschränkte ältere Menschen zu Aktivitäten motivieren und diese nicht abbremsen!